Der Leuchtturmwärter

Ein sonniger Tag in Nordfriesland. Auf dem Deich vor Westerhever setzt sich eine Schulklasse zeichnerisch mit der Umgebung auseinander. Sportlich gekleidete Menschen bewegen sich in Richtung Leuchtturm, dazwischen Schafe, Lämmer, Austernfischer. Ich steuere die Sandbank hinter den Salzwiesen an, ringsherum lautes Gezwitscher und Gepiepe. In Westerhever tummeln sich je nach Jahreszeit zahlreiche Zug- und Seevögel.

Als ich den Strand erreiche, trollen sich zwei Schafe, eine Mutter mit Kind, zurück in Richtung Grün. Eine Frau steht am Rand des Wegs, sieht erstaunt auf die Beachgirls und fragt: „Na, wo kommt ihr denn her?“ Ungerührt laufen die Schafe weiter, neugierige Blicke und Fragen ignorierend. Sand unter den Klauen, den Duft des Meeres in der Wolle. Heimat Westerheversand. Weitblick inklusive.

Eine halbe Stunde später stehe ich dem ehemaligen Wärter gegenüber. „Das muss ich nicht haben“, meint Heinrich Geertsen. Die Gruppe hat inzwischen Plattform 4 des Leuchtturms Westerheversand erreicht und somit die ersten 65 Stufen erklommen. Immer schön rundherum. Die Sonne erwärmt die gusseiserne Außenhaut des tonnenschweren Kolosses, der wohl berühmtesten Landmarke Schleswig-Holsteins.

Was Hein Geertsen nicht haben muss, ist das Trauen der Paare, die sich auf Plattform 4 das Ja-Wort geben. Dafür ist schließlich das Standesamt zuständig. Wohl aber sei er desöfteren Trauzeuge gewesen, der ehemalige Leuchtturmwärter. Auch letzteres wollte er eigentlich nie werden. Denn er wusste nur allzu gut, wie es war, ganzjährig hier draußen zu leben.

Dort draußen.

Auch Geertsens Vater war nämlich Wärter von Westerheversand. Als dieser den jungen Heinrich fragte, was er mal werden wollte, meinte der Junge: „Bloß kein Leuchtturmwärter.“ Schließlich wollte er Familie haben. Und welche Frau würde dieses Leben mitmachen? Doch dann kam alles anders. In den 60er Jahren suchte man verzweifelt nach einem neuen Wärter in Westerhever. Man kam auf Geertsen zu, der inzwischen Frau und Kinder hatte.

Andere Anwärter hatten sich bereits nach der Probezeit verabschiedet. Überraschenderweise sagte Geertsens Frau Ja zum Leben am Turm. Auf der Warft, die bei jeder Springtide vom Rest der Umgebung abgetrennt wird. Am Meer, dem wunderbaren, aber auch aufbrausenden. Wenn plötzlich im Herbst oder Winter die Wassermassen und der Wind um die Gebäude tosen. Wenn der Deich und das Leben dahinter weit entfernt scheinen.

Der letzte Wärter

Heute weiß Heinrich Geertsen: Es war die schönste Zeit seines Lebens.

Etwa acht bis zehn Mal im Jahr kommt das Meer zu Besuch und trennt die Warften vom Rest des Landes ab. Wie gut erinnert er sich an die großen Sturmfluten 1962 und 1976. Vor allem letztere hat er so präsent, als wäre es gestern gewesen.

Die Nordsee drängte sich über einen Meter hoch zwischen die Gebäude. Im Südhaus des Turms, das heute von den Freiwilligen im Ökologischen Jahr betrieben wird, gab es einen Wassereinbruch im Keller, damit fiel die Heizung auch im Turm und Nordhaus aus. Die Familie verschanzte sich im Nordhaus, wo sie mit einem Notstromaggregat einen Heizlüfter in Gang bringen konnten.

1962 wurde das Werkshaus von der Flut zerstört.

Familie Geertsen lebte größtenteils als Selbstversorger in Westerheversand. „Umso besser, denn wie beschwerlich war es, Dinge bis zum Turm schaffen zu müssen“, erklärt der ehemalige Wärter. Noch bis 1980, als die Leuchttürme schon auf Automatikbetrieb umgestellt wurden waren, gab es nur den historischen Stockenstieg, der zum Leuchtturm führte.

Über 1.200 Meter geht der schmale, geklinkerte Pfad vom Leuchtturm zum Deich, unterbrochen von ein paar Brücken, die über Prielen gespannt sind. Heute dürfen die Besucher den Stockenstieg im Sommer auf dem Rückweg zum Deich benutzen. War die Nutzung früher je nach Wetterlage eine rutschige bis beschwerliche Angelegenheit, wirkt sie heute wie ein Privileg. Familie Geertsen vermied es nach Möglichkeit, Sachen zu transportieren. Größere Dinge wie Möbel wurden mit der Kutsche über die Sandbank gebracht.

Der Stockenstieg

Als wir auf der oberen Plattform stehen und alle 157 Stufen erklommen haben, belohnt uns die Fernsicht. Der Blick schweift über Inseln und Halligen bis hin zu den Pfahlbauten Sankt Peter-Ordings.

Mehr als 40 Meter unter uns hoppelt ein Hase oder Wildkaninchen über die Wiese. Geertsen erzählt, dass er einen Jagdschein habe und die Kaninchen früher bejagte, wenn es zu viele wurden. Schließlich sollte der Untergrund des Turms nicht zu stark durchlöchert werden. Dass das gewichtige Gebäude auf dem sandigen Untergrund überhaupt gerade steht, erscheint mir wie ein Wunder.

Schweres Kleid

Doch dahinter steckt System: Zusätzlich zum Betonsockel stabilisieren 127 ins Watt gerammte, dicke Eichenpfähle das Gebäude. Darüber wurde ein weiterer Sockel gemauert, sechszehnseitig. Das gusseiserne Kleid des Turms besteht aus 608 miteinander verschraubten Platten, die zu einer konischen Form in die Höhe wachsen. Und ringsherum das Nichts.

„Wer hier lebt, lebt mit der Natur.“

Das Watt, die Priele, das Meer. Heinrich Geertsen hatte ein Boot, mit dem er auf den Priel hinaus paddelte, wenn sie mal Lust auf Fisch hatten. „Sandscholle gab es dann – schöne Sache.“ Doch heute seien die Schollenbestände geschrumpft. Als Grund nennt Geertsen die gewachsene Anzahl an Robben, auf deren Speiseplan ebenfalls Scholle steht. Die Familie baute Gemüse im Garten auf der Warft an. Einen Teil verkauften sie sogar und kauften Rindfleisch ein.

Leben am Leuchtturm

Die Versorgung war gesichert, auch wenn es mal Landunter hieß. Bei angekündigtem Sturm blieben die Kinder bei den Großeltern in Westerhever, wo sie die Schulbank drückten. Waren die Salzwiesen schon früh morgens überflutet, konnten sie manchmal nicht mehr bis zum Deich gelangen. Dann hieß es, mit den Eltern zu Hause zu lernen.

„Jeder Tag ein Abenteuer“, meint ein süddeutscher Urlauber aus der Gruppe, den Erzählungen des Wärters lauschend. Und der Mann, der so viele Jahre seines Lebens mit dem Meer als direkten Nachbarn verbrachte, schaut ihn an, lächelt sein feines Lächeln und sagt: „Aber ein schönes Abenteuer.“ Urlaub habe er erst nach dem Ende der Arbeitszeit gemacht. Im Harz. Nach vier Tagen seien sie zurückgekehrt.

„Man konnte gar nicht weit sehen.“

Fernblick im Herzen

Text und Fotos: Elke Weiler

Noch ein paar Infos:
Die Führungen mit dem ehemaligen Wärter finden immer montags statt. Karten für sämtliche Führungen sind telefonisch im Info-Hus am Parkplatz zu bestellen und spätestens eine Stunde vor der Veranstaltung dort abzuholen. Ein Ticket kostet derzeit sechs Euro, die Parkplatzgebühr beträgt drei Euro.
Für den ausgeschilderten Weg zum Leuchtturm kann man zirka eine Dreiviertelstunde einkalkulieren. Der historische Stockenstieg ist von Juli bis September auf dem Rückweg zum Deich benutzbar.

Auf der Sandbank

  1. Welch toller Einblick und Rückblick.. lieben Dank dafür! So eine Führung würde ich auch total gern einmal machen. Vielleicht bin ich ja mal in der Ecke und komme in den Genuss.

    Liebe Grüße,
    Franka

  2. Moin Elke,
    wundervoller Bericht, danke!

  3. Pingback: Frühling für Landeier | Teil 3 des Landei-Guides von Meerblog

  4. Helge Michael Nielsen

    Danke für den schönen Bericht samt Fotos.
    Nur, das Hasen keine Löcher und Bauten buddeln, Hasen sitzen in der Sasse.
    Kaninchen buddeln Löcher und leben unter der Erde, wenn sie nicht draußen grasen.

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