Spuren im Schlick

Noch steht das Wasser im Watt und glitzert in der Nachmittagssonne. Nur wenige Menschen haben sich an der Abgangstelle WW4 hinterm Deich eingefunden. Doch bis der Postbote Knud Knudsen am Treffpunkt erscheint, ist der wanderfreudige Trupp stark angewachsen. Wir erkennen ihn sofort, denn selbst bei aktuellen 13 Grad auf Pellworm trägt er nur Shorts. Oberkörper und Beine braungebrannt, die Fußsohlen unempfindlich gegenüber Muschelschalen.

„Schönes Wetter.“ Das stimmt wohl, die Sonne strahlt. Knud schaut in die Runde und konstatiert, dass sich Barfußläufer und Wattschuhträger die Waage halten. Bevor wir loslegen, gibt es ein paar organisatorische Dinge zu klären. „Wer will Kartoffelsuppe? Wer trinkt Kaffee?“ Knud muss dem Paar, das auf Hallig Süderoog lebt, alle Bestellungen weitergeben, denn sie bewirten die hungrigen Wattwanderer netterweise.

Wattschuh-Fraktion

Dann die letzten Anweisungen und Infos zur Tour. „Das Wasser im ersten Priel reicht ungefähr bis hier“, Knud hält die Hand an seinen Oberschenkel. „Und wir sinken stellenweise etwa knöcheltief in den Schlick.“ Obwohl es mich nicht gerade begeistert, wenn die Tour so glitschig wird, spüre ich Vorfreude aufsteigen. Doch Vorsicht auf dem letzten Stück! Da sollten wir uns möglichst an den Wattführer halten, beziehungsweise seinen Spuren folgen, um nicht plötzlich halb im Schlick zu versinken.

Knud Knudsen läuft die gut sechs Kilometer lange Strecke sommers wie winters hin und zurück, um die Post zur Hallig zu bringen. Eigentlich ist er Wasserbauer und arbeitet im Küstenschutz. Nach 17 Jahren kennt der 63-Jährige den Weg von Pellworm nach Süderoog in- und auswendig. Kein Wunder, geht er ihn doch zwei bis drei Mal pro Woche. Manchmal nimmt er Gäste mit, so wie heute.

Hallig am Horizont

Paare, Familien mit Kindern und insgesamt vier Hunde begleiten die Tour dieses Mal. Als Knud losläuft, hat sich das Wasser fast ganz zurückgezogen, nur im angekündigten Priel steht es noch. Jene Meeresarme laufen als erste voll, wenn die Nordsee zurückkommt. Und wir nutzen nun das ablaufende Wasser, um zur Hallig zu gelangen.

Das setzt uns unter einen gewissen Zeitdruck: 90 Minuten hin, 90 zurück, dazwischen eine Stunde Pause auf der Hallig. Während ich den Priel mit aufgekrempelter Hose durchquere, hoppelt ein großer Hund so an mir vorbei, dass es spritzt. „Entschuldigung“, erklingt eine Stimme neben mir. Eine Frau mit Hut. „Kein Problem“, meine ich lachend.

Von da an gehen wir nebeneinander. Das Gespräch variiert rund um die Themen Hunde, Schlick, Watt und Muscheln. Meine neue Bekannte heißt Ulrike und kommt mitsamt Familie aus Hamburg. Wir fragen uns, wie schwer der Rucksack des Postboten ist, erwägen das Für und Wider von Barfußwanderungen. Ich entdecke den Westerhever Leuchtturm in der Ferne und sage Ulrike, dass ich ungefähr dahinter wohne.

Trockengefallen.

Die Zeit verfliegt, während wir inzwischen parallel zur Hallig laufen – immer brav im Meer der Spuren. Knud und ein Großteil des Trupps sind uns weit voraus. Er hat uns gebeten, auf der Hallig vor dem Tor zu warten, da während unserer Wanderung wohl ein Kalb geboren werde, und er die Lage vor Ort erst prüfen müsse. Ich weiß, dass die Halligleute Nele und Holger neben ihrer Tätigkeit im Küsten- und Naturschutz auch einen Arche-Hof für seltene und gefährdete Haustierrassen aufbauen.

Leider haben die beiden erst kürzlich all ihre Hühner, Gänse, Enten und Puten verloren, als im März diesen Jahres die Geflügelpest auf der Hallig ausbrach. Ein harter Schlag. Auf den Fennen können wir ein paar Hochlandrinder, Schweine und Coburger Fuchsschafe ausmachen. Dann öffnet Knud das Tor und lässt uns hinein in den Mikrokosmos Hallig. Ein Stück weiter steht eines der Hochlandrinder wie zur Begrüßung direkt am Weg.

Der Coburger Clan

Kinder wie Erwachsene freuen sich sehr – wann kann man einem schnuckeligen Urvieh schon so nah kommen? Der Versuchung, das massige Tier zu streicheln, können wir nur schwer widerstehen. Der kleinste Hund aus unserer vierbeinigen Begleittruppe ist zugleich der neugierigste und nähert sich ganz vorsichtig, während das Rind gleichzeitig seinen Kopf beugt. Nase vor Nase – eine Begegnung mit Respekt.

Doch dann erfahren wir, was passiert ist. Unsere Empfangsdame hat gerade entbunden – leider zwei Totgeburten. Es passiert eher selten, dass eine Hochlandkuh Zwillinge bekommt, zudem lag eines davon quer vor dem Geburtskanal, so dass sie Unterstützung benötigte. Doch es half alles nichts, die Kälber lebten nicht mehr.

Dicke Umarmung!

Das macht uns traurig. Mit einem Mal verstehe ich, warum sie so orientierungslos dagestanden hat. Man hätte sie umarmen und trösten wollen. Holger erzählt, dass noch eine weitere Kuh schwanger ist, und wir wünschen alles Gute. Eigentlich formt Hallig Süderoog von oben betrachtet ein Herz mitten im Watt. Unsere Herzen sind mit der trauernden Mutter.

Die Gäste erreichen den Innenhof der dreiseitigen uthlandfriesischen Bebauung und wundern sich über den leuchtenden Garten mitten im Wattenmeer. Sogar Bienen gibt es hier. Nele und Holger haben nämlich zwei Völker der eigentlich in der Region beheimateten Heidebienen aus dem norwegischen Flekkefjord eingebürgert, wo sie noch erhalten geblieben sind.

Kleine Pause

Während wir die salzige bis süßlich duftende Luft auf der Hallig inhalieren und uns bei Nele mit Kartoffelsuppe, Zitronen- oder Mandelkuchen eindecken, lerne ich Fenja kurz kennen. Sie verstärkt seit letztem November das Halligteam und sieht die Gäste mit großen Augen an – mehr muss die kleine Tochter von Nele und Holger nicht tun!

Nach dem Essen führt Holger uns durchs Haus. In den Schutzraum, den sie 2013 zu Zeiten des Sturmtiefs Xaver erstmalig benutzt haben, sieht man mal vom Vogelzählen ab. Dafür eignet sich der erhöhte Raum nämlich bestens. Wir sind mitten im Nationalpark, Schutzzone 1. Noch bis Ende Mai logieren die Ringelgänse auf den Halligen.

Schutz- und Beobachtungsraum

Holger erzählt, dass der Schutzraum schon zu Zeiten der sogenannten „Hallig der Jungs“ errichtet wurde. Süderoog war noch im Privatbesitz der Familie Paulsen, als Hermann Neuton Paulsen hier 1927 ein Ferienlager für Jungen einrichtete. Er wollte eine internationale Begegnungsstätte mitten im Wattenmeer schaffen, Völkerverständigung statt Krieg hieß die Devise. 1951 führte die Schwedin Gunvor Paulsen das Werk nach dem Tod ihres Mannes fort.

Wir gehen ein Stück weiter, wo Nele und Holger einen wilden Haufen an Müll zusammengetragen haben, der tonnenweise Jahr um Jahr auf Süderoog angespült wird. Da steht ein englischer Fernseher neben Kitesurfbrettern, Fischerhandschuhen, Schutzhelmen, Schuhen und Kinderspielzeug. „Luftballons stellen ein riesiges Problem dar“, meint Holger. „Dabei sind es weniger die Ballons als vielmehr die Plastikschnüre.“ Nicht selten müssten sie Seevögel aus dem Geschnür befreien, manchmal käme jegliche Rettung zu spät.

Familienmitglied

Hin und wieder lande auch mal eine Flaschenpost bei ihnen, wobei das Glas manchmal an einer Steinböschung zerschelle. Doch zuletzt sei noch ein Brief aus Norwegen auf diesem Weg angekommen. Wir folgen Holger zurück ins Erdgeschoss, gehen hinaus und begutachten die an der Fassade dekorierten Heckfiguren der „Ulpiano“. Früher liefen nämlich häufiger Schiffe vor Nordfriesland auf Sand, wie etwa die Bark „Ulpiano“ an Heiligabend 1870.

Während Knud schon wieder startklar ist, er muss die Gruppe ja rechtzeitig vor dem Zurückdrängen des Wassers nach Pellworm geleiten, begutachten wir noch den Pesel des Hauses, die sogenannte „kalte Pracht“ uthlandfriesischer Häuser. Die gute Stube „Döns“ wurde damals mit einem Beilegeofen beheizt, der kühle, aber repräsentative Pesel nur zu besonderen Anlässen benutzt. Heute können hier Paare auf der Süderoog heiraten. Sie wandern mit Knud durchs Watt, sagen Ja, lassen sich von Nele und Holger kulinarisch verwöhnen und werden später von einem Schiff abgeholt.

Die Damen von der „Ulpiano“

Normale Wattwanderer hingegen dürfen ihre bereits beanspruchten Fußsohlen und Beinmuskeln noch einmal strapazieren. Gut gestärkt folgen wir Knud, der erneut ein strammes Tempo vorlegt. Ich werfe noch einen letzten Blick auf die trauernde Kuh, die nun ein Stück weiter im Gras ruht und in die Ferne blickt. Via Telepathie sende ich ihr eine Umarmung. Und ich weiß, sie ist nicht allein auf der Herz-Hallig Süderoog.

Text und Fotos: Elke Weiler

P.S.: Wer Nele und Holger nach der Geflügelpest beim Wiederaufbau des Arche-Hofs unterstützen will, kann dies über das Spendenkonto der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e.V. tun. Näheres siehe Link zur Halligseite.

Alles Gute, Süße!
Und bis zum nächsten Mal…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.