Karneval auf dem Kutter

Wir sitzen im Büsumer Hafen und schlecken preisgekröntes Eis aus Norddeutschland von einem kleinen Wagen. Obwohl Kapitän André uns gesagt hat, es sei noch Zeit, wollen wir den Fischkutter „Westbank“ schon entern. Den Kirmestrubel hinter uns lassen, hinaus aufs Meer. Heute mal ohne hineinzuspringen, ohne zu schwimmen. Und ohne Gewitter, die Sonne lacht breit.

Auf die „Westbank“ zu klettern, erfordert schon ein wenig Geschick und eine helfende Hand. Ein Seil zum Festhalten tut’s auch, nach dem Riesenschritt auf die Brüstung. Wir suchen Schatten auf der anderen Seite der Reling. An heißen Sommertagen zählen diese kleinen Freuden des Lebens. Höflich winken wir der ausgelassenen Besatzung auf den anderen Kuttern zurück, die teilweise wild geschmückt und laut aus dem Hafen herausfahren.

Wenn du Schlümpfe triffst, bist du in Büsum. Vielleicht.

Mit anderen Worten: nicht nur diese Kutter wurden thematisch ins Szene gesetzt, auch die jeweilige Besatzung scheint Teil des Gesamtkonzepts zu sein. Es ist wie mit den Karnevalswagen im Rheinland, nur eben auf dem Wasser. Auch die Musik weckt in mir Erinnerungen an alte Zeiten. Vor allem die Lautstärke. Und die Feierfreude der Menschen.

Schlumpfhausen mit blau bemalten Bootsleuten, das Südsee-Paradies mit Aloha-Feeling und wilde Piraten fehlen nicht. Mit sicherem Gespür haben wir die „Westbank“ ausgewählt. Vielleicht, weil sie so dezent in Frankreichfarben geschmückt ist, vielleicht weil sie weder übervölkert noch laut wirkt.

Angeberisch wie eh und je, die Piraten.

Nicht, dass ich etwas gegen Feierfreude hätte, bei Rheinländern jeht dat ja jar nich. Die Rheinländerin und der Rheinländer neigen im Gegenteil dazu, ihr Leben zu zelebrieren. So weit möglich. Aber irgendwie befremden mich Schlagermusik und Schminke gerade. Vielleicht liegt es auch an der Kirmes-Musik, die seit Freitag durch den Äther schallt.

Um Viertel vor eins legt die „Westbank“ ab, als einer der letzten Kutter düsen wir aus dem Hafen, passieren das Sperrwerk, das im Frühjahr generalüberholt wurde und zwei Monate lang außer Betrieb war. Die Krabbenkutter hatten sich für diese Zeit auf Meldorf, Tönning und Husum verteilt, die Ausflugsschiffe nach Helgoland legten im Vorhafen an.

Schiff ahoi!

Gespannt blicken wir aufs Meer. Was passiert nun eigentlich? Der Startschuss für die Regatta fällt ja erst um zwei. Aber wir tun, was alle tun: Wir cruisen. Hin und her, auf und ab vor der Büsumer Küste, die stets am markanten Hochhaus aus den 70er Jahren identifizierbar ist. Sogar von Sankt Peter-Böhl aus kann man es erkennen.

An den Schwarm der Kutter haben sich auch ein paar Segler, Yachten und ein Ausflugsschiff gehängt. Sowie eine nachgebaute Hanse-Kogge aus Bremerhaven. Vereinzelt ist ein Helgoländer Börteboot auszumachen. Die typischen Holzboote von der Insel starten in einer eigenen Kategorie beim Rennen. Auch die Küstenwache mischt mit, umkreist uns, winkt und zieht weiter.

Einfach mal cruisen.

Als der erste Fotorausch abebbt, setze ich mich aufs Oberdeck und packe die Picknicktasche des Hotels aus. Der Koch hat es wirklich gut mit uns gemeint. Die Anderen trinken, das Bier fließt in Strömen, eine mag lieber Prosecco. Ein Grüppchen begutachtet mein Krabbenbrot und meint: „Wir können die Nacht auf dem Kutter bleiben.“ Ich hätte ja genug zu essen dabei, sie hingegen die Getränke.

Der Deal steht, man lässt es sich gutgehen an Bord. Währenddessen beantwortet Heike, die Frau des Fischers, bereitwillig alle Fragen zum Prozedere. Wir sind etwa 40 Leute auf der „Westbank“, größtenteils Einheimische. Doch ein Trupp aus dem Schwabenland hat sich internationale Verstärkung aus Singapur geholt und legt nun größten Ehrgeiz an den Tag. Es geht um das Blaue Band.

Aus dem Getümmel wird eine Formation.

Die Spannung steigt. Auch die Stimmung. Kurz vor zwei bringen sich die Kutter der Klasse A in Stellung. Allerorten wird fleißig getutet. Dann saust das Leuchtfeuer am Büsumer Hafen in die Höhe, und Klasse A düst ab, immer Richtung Wendebojen. Über vierzig Minuten werden sie für die Strecke brauchen, meint Heike.

Obwohl oben im Steuerhaus nur einer am Hebel steht, Kapitän André, spüren wir die Aufregung, das Kribbeln, die leichte Anspannung, als sich Klasse B an der Startlinie versammelt. Wieder ein Schuss, wildes Gekreische an Bord, mit voller Kraft voraus! Nur einer kann das Blaue Band bekommen. Heike erzählt, dass ihr Mann es schon einmal mit einem anderen Kutter geschafft habe.

Und sie sehen nur noch unseren Streifen am Horizont.

Gute Voraussetzungen, denke ich. Die „Westbank“ wirkt allerdings nicht sonderlich schnittig: 24 Meter Länge, sechs Meter Breite, drei Meter Tiefgang. Aber Pustekuchen! André legt den Hebel auf den Tisch, mit 13, 14 Knoten fliegen wir übers Meer. Noch vor den Wendebojen überholen wir einen Kutter der Klasse A, was ungemein euphorisierend wirkt. Vor der Kurve um die Bojen bittet Heike alle am Oberdeck sich hinzusetzen und festzuhalten.

Speedy Gonzales ein Witz dagegen.

André nimmt die Kurve mit Bravour. Bald darauf preschen wir an einem zweiten Schiff vorbei. Der Kapitän wird angefeuert, der Schwabentrupp singt fast auf dem gesamten Rückweg: „So sehen Sieger aus!“ Heike hat ihn sich über die Büsumer Facebook-Gruppe an Bord gezogen, höchst zufrieden. Freie Plätze auf den teilnehmenden Kuttern gehen meist für 15 bis 20 Euro weg, Getränke sind extra. Es ist eine der seltenen Gelegenheiten, überhaupt auf einem Kutter mitzufahren, da diese eigens für die Regatta eine Erlaubnis zur Personenbeförderung erhalten.

Der Kapitän strahlt.

Fast haben wir das Stellwerk erreicht, da ruft André uns zu, eine La-Ola für das bunt verkleidete Begrüßungskomitee zu machen. Natürlich kommen wir aus dem Jubel und der La-Ola-Gymnastik kaum noch heraus. Irgendwie haben sich alle zu einer echten Mannschaft vereinigt, wildfremde Menschen fallen sich in die Arme.

Bevor ich von Bord klettere – der Kapitän hilft allen Passagieren persönlich – sage ich Heike, dass ich nächstes Jahr wiederkomme. Und die ungeschminkte, auf den ersten Blick etwas schwerfällig wirkende „Westbank“ wird am Abend bei der Siegerehrung zwar nicht das Blaue Band holen, wohl aber den ersten Platz in Klasse B machen. Und wir sind die Zweitschnellsten insgesamt! So entsteht wahre Feierfreude.

Singapur und Schwabenland vereint im Siegesrausch.
Auf Hoch auf André und Heike!
Das Renn-Schiff wird wieder zum normalen Kutter.
Bis zum nächsten Jahr!

Text und Fotos: Elke Weiler

Ich habe Büsum im Rahmen einer Pressereise auf Einladung des Hotels „Zur Alten Post“ erlebt – danke dafür! Bald folgen weitere Geschichten über Krabben, Kutter, Eiergrog und ein Blick zurück in die Vergangenheit.

  1. Einmal Karneval auf dem Kutter erleben als Rheinländer in Büsum bei der Regatta j

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