Leuchtturm in Sicht

Hintereinander steigen wir langsam rot beleuchtete Stufen hinauf. Seltsam dunkel ist der Raum, den wir erreichen. Lieber schaue ich erst mal zu den Sternen. Doch natürlich sind wir nicht allein auf der Brücke. Und noch seltsamer ist es, mit Unbekannten in einem Raum ohne Licht zu sein.

Der Mond hat die Form einer halben Melone, und die Nacht schweigt.

„Am Anfang ist es komisch, aber ihr gewöhnt euch nach ein paar Minuten an die Dunkelheit“, meint Peter, der zweite Offizier an Bord der Stena Scandinavica. Er spricht fließend Englisch, wie alle hier. Nur untereinander unterhält man sich auf Schwedisch. Außer Peter sitzt auch Kollegin Martina vor den doppelt vorhandenen Navigationsgeräten.

Vor nicht allzu langer Zeit haben wir in Kiel abgelegt, und Peter hält Kurs auf Göteborg. „Der Kapitän ist jederzeit für uns erreichbar“, klärt uns Peter auf. Und im kniffligsten Moment, beim Anlegen im Hafen, steht der Kapitän sowieso dort, wo wir jetzt stehen.

Auch über den Antrieb mit Methanol reden wir. Es stinkt nämlich nicht, wenn man auf dem Außendeck steht. Das liegt daran, dass sich durch den Einsatz von Methanol im Vergleich zu dem häufig auf See eingesetzten Schweröl der Ausstoß von Schwefel, Stickstoff, Rußpartikeln und Kohlendioxid signifikant verringert, Schwefel etwa ist kaum noch vorhanden.

Bordromantik

Die Ostsee nur eine schwarze Masse, aus der ab und zu ein Licht aufblinkt. Ein anderes Schiff? Peter hat alles auf dem Radar. Er redet nicht zu laut und mit beständigem Rhythmus, nüchtern und doch irgendwie sanft, obwohl es sich technische Erklärungen handelt.

So gewöhnen wir uns an den Raum und die Dunkelheit. Das Leben auf der Brücke eines Schiffs fühlt sich gut an, zumindest für uns, die wir keine Verantwortung tragen. Peter erklärt uns die Bildschirme, die Zeichen, den Ablauf.

Nicht nur den Namen anderer Schiffe kann er auf dem Radar sehen, auch deren Ziel und den Namen des Kapitäns. Im Zweifelsfall telefoniert man kurz, wenn über den Kurs des Anderen noch Unklarheit herrschen sollte.

Unser Schiff bewegt derzeit mit Autopilot vorwärts, Kontrolle ist da essentiell. Wir stehen mitten im Raum, bemüht nicht anzuecken, zu stolpern oder versehentlich etwas zu berühren. Durch das chillige Rotlicht mutiert die Brücke fast zum Club, auch wenn die Musik fehlt.

Schiff ahoi!

Ein Couchgarnitur steht gleich neben dem rechten Balkon, doch die sei tödlich, wenn man wachbleiben müsse, so Peter. Lieber sitzt er vorne und trinkt Kaffee. Wir dürfen aber probeweise auf dem Balkon stehen und durch das rechteckige Fenster auf dem Boden auf das rasch fließende Wasser etliche Meter unter uns schauen.

Sie brauchen die Brückenbalkone zum Manövrieren des Schiffs im Hafen, wenn es um Millimeterarbeit geht. Den Koloss richtig einparken, dabei hilft die Sicht vom überstehenden Balkon. Ich könnte noch eine Weile bleiben, auf das Fließen des Wassers und abwechselnd in die Sterne schauen.

Doch wir lassen Peter und Martina lieber in Ruhe arbeiten. Außerdem wäre da noch das schwedische Weihnachtsbuffet im Restaurant auf Deck 8, das „Julbord“. Ausführlich hatte ich darüber bereits in einem der Kommissar Winter*-Krimis von Åke Edwardson gelesen.

Der Göteborger Kommissar profitiert nämlich nicht nur von seiner Spürnase, sondern auch vom Sinn für gutes Essen. Besonders die Zubereitung des traditionellen „Julskinka“, des Weihnachtsschinkens, ist für Erik Winter ein Fest. Er beschreibt so detailliert, wie er sich der Senfkruste widmet, dass einem das Wasser im Munde zusammenläuft.

Landeplatz

Bei unserem „Julbord“ sind auch die roten Flusskrebse im Angebot, denen die Schweden im Sommer ein ganzes Fest widmen. Miriam erzählt uns von ihren Erfahrungen, was den Ablauf des Festes angeht. Vor allem aber, wie man die Flusskrebse isst, denn das nimmt sich recht kompliziert aus.

Lieber stürze ich mich auf „Janssons Frestelse“, also Janssons Versuchung, einen Auflauf aus Kartoffeln, Zwiebeln und Anchovis, der auch in der vegetarischen Version mit Kapern ziemlich lecker ist. Seitdem ich ihn mal in Finnland probiert habe, bin süchtig danach.

Auf dem Buffet entdecke ich Grünkohl in einer neuen Variante, nämlich als Salat. Dazu wird er nicht gekocht, sondern über Nacht in der Salatsoße aus Essig, Öl, Honig, Salz und Pfeffer in den Kühlschrank gestellt. Dadurch fällt er zusammen. Nun noch Feigen, Granatäpfel und Walnüsse zufügen – fertig!

Rote Beete, Rosenkohl, Lachs sowie Hering in diversen Varianten sind natürlich im Angebot. Und „Julkorv“, die klassische Weihnachtswurst wie eine würzige, gebratene Schinkenwurst, ist auch am Niederrhein beliebt. Aber so sahnig wie diesen „Risgrynsgröt“, schwedischen Reisauflauf, kriegen wir unseren Milchreis einfach nicht hin.

Leuchtturm in Sicht

Irgendwann bin ich zum Umfallen satt, rolle die Treppe zu meinem Gang hinauf und werfe noch einen Blick in die Dunkelheit. Doch draußen ist es kalt, und das Bett ruft. Die Wellen wiegen mich sogleich in den Schlaf. Als ich nachts aufwache, verschwindet der Mond gerade hinter den Wolken.

Und das Meer, so schwarz, schlägt schmatzende Schaumkronen. Als würde es auf diese Art reden. Vom Leben unter der Oberfläche. Von Küsten und Inseln. Dänemark, Norwegen, Schweden. Oder sind es nur meine Erinnerungen?

Alles am Schiff bewegt sich im Takt der Wellen, es knarzt und klopft und kracht, ruckelt und rattert. Nie zu laut, der Dunkelheit angepasst. Dann tritt der Mond wieder zum Vorschein, wirft einen hellen Streifen auf das Meer. Wie ein Scheinwerfer.

Ich könnte mich daran gewöhnen, morgens in den Schären aufzuwachen. Rasch, rasch jetzt, hinaus, das Licht ist besser als bei meiner letzten Göteborg-Tour. Ein rosaroter Hauch am Horizont, der langsam eine klare Form annimmt.

Küste in Sicht

Ein kleiner Leuchtturm, ein Haus. Und in meiner Vorstellung wechsele ich die Perspektive, sehe uns von dort, das weiße Schiff, das sich durch den Garten aus Steinen schiebt. Wie viele Knoten mögen wir jetzt draufhaben? 16? Auf der Brücke über mir werden sie sich jetzt langsam auf die Hafeneinfahrt vorbereiten.

Ich gehe mal nach rechts, mal nach links, die Küste kommt näher, die Häuser werden größer, bald sind wir dort. Ich stehe auf dem Hubschrauberlandeplatz, friere in der Strickjacke.

Doch ich weiß: Wenn ich jetzt gehe, ist die Vorstellung vorbei.

Text und Fotos: Elke Weiler

On the way

Noch mehr zum Thema?
Göteborg hat sich zur „Julstaden“, zur Weihnachtsstadt Schwedens entwickelt. Ohne Weihnachten geht es natürlich auch: Göteborg im Winter. And never forget: Have a break, have a „Fika“!

Mit Dank an Stena Line sowie Göteborg & Co, die meine Reise ermöglicht haben.

*Partnerlink

  1. Pingback: Vor Weihnachten in Göteborg | Schweden

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.