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Sonntags in Nervi

Ausflug von Genua

„Una festa sui prati…“ Das alte Lied von Adriano Celentano fällt mir wieder ein, als ich am Wochenende durch die Parks von Nervi schlendere. Ich singe leise vor mich hin: „Una bella compagnia…“

An Tagen wie diesen ist die Luft voller Musik in Italien, und die Gärten hinter dem einstigen Fischerdorf Nervi sind der Genueser liebstes Grün. Es herrscht Freibad-Atmosphäre auf den „prati“, den Wiesen. Auf dem kurz gemähten Gras zwischen Pinien, Oliven, Araukarien und Palmen wimmelt es vor Sonntagsausflüglern.

Darunter die vier sympathischen Seniorinnen, die ich zufällig im Zug kennenlernte. Oder besser: glücklicherweise, denn sonst hätte ich die richtige Station verpasst. Nun promeniert das lustige Quartett durch den Park, genießt den herrlichen Tag und das quirlige Ambiente.

Ball spielende Kinder, sich sonnende Jugendliche, Kinderwagen schiebende Mütter und Väter – der 10 Hektar große Park nimmt sie alle auf. Es sind die Gartenanlagen rund um vier historische Patriziervillen, die den Geschmack vergangener Zeiten widerspiegeln. So ließ etwa ein Marchese im 18. Jahrhundert alle vorhandenen Zitrusbäume, Weinstöcke und Olivenbäume durch exotischere Pflanzen ersetzen, und heute findet man Libanon-Zedern vor.

Mare e monti

Ich schaue abwechselnd an Baumstämmen und Hängen hoch, denn das ist die Herrlichkeit dieses Fleckens: Ein Spaziergang zwischen „mare e monti“, zwischen Meer und Bergen, zwischen Blau und Grün. Links der Höhenzug des Monte Fascio gesprenkelt mit pastellfarbenen Häusern, die eine fantastische Aussicht über den Golfo Paradiso haben müssen.

Mir ist warm, endlich mal, auch in Italien hat der Frühling eine leichte Verspätung. Noch am Tag zuvor hatten wir Nieselwetter bei 13 Grad in Genua. Umgeben von Palmen, Pinien und Pitosfora suche ich nun nach dem idealen Ort.

Auch Hunde mögen Sonntage.

Von der Existenz des immergrünen Klebsamens, also Pitosfora, hatte ich vor meinem Besuch in Nervi nicht die leiseste Ahnung. Dem Ganzen liegt ein kurzer Informationshandel zugrunde. Während ich schnuppernd vor weißen Blüten stand, fragt mich ein Passant nach der Uhrzeit. Wer will an einem solchen Tag schon die Uhrzeit wissen!

Familienausflug

Doch nutze ich die Gelegenheit und frage nach dem Namen der Pflanze. Das hat der Mann wohl falsch verstanden. Um den Passanten wieder loszuwerden, muss ich radikale Maßnahmen ergreifen. Denn gleich nach der Uhrzeit nach meiner Herkunft zu fragen, ist schon frech. Früher war meine gängige Antwort in diesen Fällen: Südafrika oder Peru. Schneller wirkt eine radikale Auskunftsverweigerung, will man männliche Parkspaziergänger in Frühlingslaune loswerden.

Eigentlich gehört Nervi an Sonntagen vor allem den Familien. Und neben zahlreichen Kindern führen sie hier auch Hunde sowie Frettchen spazieren. Der Park ist erfüllt von Stimmengewirr auf den Wiesen, die sich wie Oasen zwischen den Baumgruppen ausbreiten.

Bis der Riviera-Zug vorbeirauscht, dessen Zischen und Rattern für einen Moment alles übertönt. Doch die „festa sui prati“ geht unbekümmert weiter. In einem Pavillon hat sich eine Gruppe Jugendlicher zusammengefunden, einer singt laut: „Volare!“ und „Cantare!“ Ein altes Lied von Domenico Modugno, das zu sommerlichen Tagen passt wie die Sahne aufs Eis.

Badestelle von Nervi
Azzurro!

Ebenso „Azzurro“, das wohl berühmteste Lied von Paolo Conte. „Cerco l’estate tutto l’anno…“ Das ganze Jahr suche ich den Sommer, wie wahr. Una canzone, die der schönsten aller Farben gewidmet ist, ein Lied für das Blau des Sommers. Zunächst finde ich das Rot.

In der Villa Grimaldi, einem Teil des Parks, steht die Rosenblüte nämlich noch in voller Pracht. Weil der Frühling dieses Jahr eben auch in Italien spät dran ist. Bei uns zeigen sich aus demselben Grund noch nicht mal erste, zarte Knospen.Ich laufe über eine Brücke, überquere die Eisenbahnschienen, hin zum äußeren Rand des Parks. Auch hier sind kleinere Fleckchen Wiese zwischen Bäumen zu finden, die intimeren Stellen: Hier sonnen sich die Pärchen.

Fels und Meer

Zwischen dem Grün blitzt es auf, das Sonnenlicht bricht sich billionenfach im Wasser. Schroffes Felsgestein ragt aus den Fluten hervor, das Meer klatscht mit Wucht dagegen. Ein dicker kleiner Turm markiert den vorstehenden Zipfel des Ortes, dort ist Nervi, das Dorf, heute Ortsteil von Genua.

Das Meer von Nervi
Das magische Glitzern

Segelboote am Horizont, das Meer, der Himmel. Alles so verdammt „azzurro“. Eine Steinbank vor mir, eingelassen in die Mauer. Stundenlang könnte ich auf das Meeresglitzern schauen, nur dem Vogelgezwitscher und das Rauschen des Wassers lauschen.

Da ist diese unbändige Lust, am ersten wirklich warmen Tag dieses Jahres ins Wasser zu springen. Normalerweise baden die Genueser ab Mai, doch dieses Jahr ist das Meer noch frisch. Dann finde ich sie doch, die Badenden am „Stabilimento Balneare“, ein etwas sperriger Begriff für eine Badestelle.

Nur ein paar Schritte aus dem Park heraus. Eben noch roch es nach Pinien und Pitosfora, jetzt nach Meer und Sonnencreme. Der Duft des Sommers. Einer traut sich sogar ins Wasser, klettert aber schnell auf allen Vieren wieder heraus. Kurz darauf klatscht eine enorme Welle gegen die Badeplattform aus Fels und Beton. Komplett nass wird man an diesem Balneario also auch ohne zu schwimmen. Wieso habe ich meine Badesachen nur zu Hause gelassen?

„Azzurro, il pomeriggio è troppo azzurro e lungo per me…“ Nein, Paolo, so sehe ich das nicht. Der Nachmittag ist mir weder zu blau noch zu lang. Er ist genau richtig.

Text und Fotos: Elke Weiler

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CategoriesLigurien
Elke

Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern.

  1. Doris says:

    Danke, Elke, dass du bei der Blogparade dabei bist. Ein herrliches Grün, dein Blau :) Und deine Italien-Geschichten lassen mich wieder schwerst bedauern, dass mir meine Italien-Reise nächste Woche abgesagt wurde. Grummel (sorry).

  2. Super Beitrag – macht Lust auf Meer. Es wird Zeit auch endlich wieder einmal Salz auf den Lippen zu spüren. Ich werde immer ganz unruhig, wenn das Rauschen der Wellen zu lange aus bleibt. Ligurien ist da sicherlich ein heißer Tipp. :-)

    1. Elke says:

      Danke, Gerhard! Vielleicht hätte ich noch das Video mit dem Wellenrauschen einfügen sollen… Aber ich finde ja, im Original klingt das Meer am besten. ;-)

  3. Mela says:

    Oh wie schön – steigert die Vorfreude auf meinen baldigen Urlaub, der mich u.a. nach Genua (und infolge die Cinque Terre) führt ;-)

  4. Jessi says:

    Hach, wie schön! Ich will endlich Sommer! Dein Post hat das nur noch verstärkt und mich daran erinnert, dass der Mai nicht so usselig sein muss, wie er gerade ist. :-)

    Liebe Grüße
    Jessi

    1. Elke says:

      Danke. liebe Jessi! Ich finde es herrlich, dass du usselig sagst – eines der besten Worte vom Rheinland/Niederrhein überhaupt! ;-) LG, Elke

  5. Anita says:

    Toller Bericht! :) Ich mal wieder daran erinnert, dass ich Italien in meiner Reise-Laufbahn noch nicht genug Beachtung geschenkt habe und dies mal nachholen sollte :D

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