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Otavalo und die verrückten Meerschweinchen

Der erste Keks hat sich schnell verflüchtigt. Quasi in Luft aufgelöst. Der nächste und übernächste ebenso. Was für ein Glück, dass wir auf der Route der Bizcochos sind! Natürlich ist dies kein offizieller Name. Genau genommen sind wir unterwegs zum Kunsthandwerkermarkt nach Otavalo, die Sache mit den Keksen ist quasi ein angenehmer Nebeneffekt on the road.

Und diese Straße ist eine Legende: Wir fahren ein Stück entlang der Panamericana. Eigentlich bräuchte man für die 120 Kilometer knapp zwei Stunden nach Otavalo, doch wir geraten mitten in den Berufsverkehr rund um Quito. Und ich habe den Eindruck, dass in Quito den ganzen Tag lang „rush hour“ herrscht.

Bizcochos – fast so legendär wie die Panamericana

Bizcochos – fast so legendär wie die Panamericana

Ist man oberhalb des weiter östlich liegenden Flughafens angekommen, hat man das Gröbste hinter sich. 20 Kilometer außerhalb von Quito haben die Ecuadorianer ihren neuen Mariscal de Sucre International errichtet, der gefährliche alte Airport in der City wird nun zur Parklandschaft umfunktioniert.

Auf dem Weg nach Otavalo kommen wir am Reich der Rosen vorbei und legen einen kleinen Stopp auf der Hacienda La Compañía de Jesús ein, mehr als eine Stunde nördlich von Quito. Wir sind hier schon im Tal von Cayambe.

„Eine Rose steht jeder Frau“, meint der Rosenfarmer Francisco. Und diese Sache mit der Schönheit und Romantik erklärt vermutlich auch einen Teil seines Erfolgs. Sie haben nicht immer Rosen auf ihrem Grundstück angebaut, das geschah fast durch einen Zufall – als Experiment eines kolumbianischen Angestellten sozusagen.

Im Reich der Rosen

Im Reich der Rosen

Damals haben sie schnell festgestellt, dass es mit den Rosen so nah am Äquator und dank der fruchtbaren Vulkanerde bestens funktioniert. Wir spazieren entlang einer Reihe von Pinien und begegnen den ersten Rosen, die wie Bananen auf einer Seilbahn über das Gelände schweben. Langstielig, wie es der Europäer angeblich so liebt.

250 Mitarbeiter kann Francisco beschäftigen – auf dem ehemaligen Land der Jesuiten steht den Beschäftigten auch eine Kirche und ein Kindergarten zur Verfügung. Seit fünf Generationen ist das Land nun im Besitz der Familie von Franciscos Frau, und man wollte etwas vom Geist der Jesuiten bewahren.

Die Kapelle und der ehemalige Kornspeicher aus dem 17. Jahrhundert wurden kaum verändert, nur eine große Fensteröffnung hat sich Hausherrin María Gloria gegönnt, um den mächtigen Cayambe sehen zu können. Heute ist seine schneebedeckte Spitze von Wolken verdeckt, doch manchmal zeigt sich der Vulkan in voller Schönheit.

Im Garten der Hacienda passiert es dann: Die berühmten Bizcochos werden uns auf einem Teller gereicht, halbwarm, perfekt. Zusammen mit dem Käse der Region und einem Glas Beerensaft. Im Hintergrund Mozart. Es ist Liebe auf den ersten Biss. Wer diese Kekse einmal probiert hat, verfällt ihnen augenblicklich.

Dabei bestehen sie ganz simpel aus Mehl, Wasser, Butter, Zucker und Salz. Auf die perfekte Mischung und Verarbeitung per Hand kommt es an. Ganz wichtig: die richtige Temperatur im Holzofen. Mich wundert es nicht, dass sich die Quiteños eigens für ein paar Cayambe-Kekse mit heißer Schokolade von Quito auf die Panamericana begeben.

Es kommt, wie es kommen muss.

Es kommt, wie es kommen muss.

Auch bei uns bleibt es nicht bei diesen ersten Keksen. Aber zunächst einmal statten wir den Otavaleños und Otavalos einen Besuch ab. Bewundern die schönen Männer mit den langen Haaren schon bei der Ankunft in den Straßen. Zopf und dunkler Filzhut – einfach unwiderstehlich.

Während Ecuadors Bevölkerung sonst sehr gemischt ist und größtenteils aus Mestizen besteht, stellen die Kichwa in Otavalo und Umgebung die Mehrheit. Zur Erklärung: Indígenas mit Muttersprache Quechua heißen hierzulande Kichwa. In der Provinz, deren Hauptstadt Otavalo ist, sprechen sie den Kichwa-Dialekt von Imbabura.

Bevor wir uns den traditionellen Textilien der Otavalos auf der Plaza de Ponchos widmen, lockt uns gegrillte Forelle ins Restaurant „Inty Huasi“ auf der Calle Salinas. Eine der besten Forellen ever. Schließlich verlieren wir uns in den Farbenmeer des Marktes, wissen nicht, ob wir zuerst einen Poncho, eine Hängematte oder eine Decke kaufen sollen.

Zum Inty huasi

Zum Inty huasi

Anja von Travel on Toast schlägt bei den Hüten zu: endlich ein Panama-Hut, der ja bekanntlich aus Ecuador stammt. Ich muss unbedingt einen der Filzhüte als Souvenir mitbringen. Außerdem Poncho, Schal, Decke, Puppe und ein Glücksmeerschweinchen aus Stoff.

Im Handeln bin ich eine absolute Niete, was sich allerdings in Ecuador weniger problematisch ausnimmt als zum Beispiel in Marokko. Hauptsache, am Ende sind auf der Plaza de Ponchos alle glücklich. An jenem Montag wirkt er seltsam leer und fast surreal im grellen Licht, das zwischen den schweren Wolken hervordringt.

Wir besuchen Santiago, der Gitarren für professionelle Musiker anfertigt. Drei Monate arbeitet er an einem Einzelstück, das Handwerk hat er von seinem Vater gelernt. Die Zierholzkante ist typisch für die Gegend, die feine Musterung sieht aus wie gestickt. So ein gutes Stück kostet dann schnell mal um die 1.000 Dollares.

Santiago und die Gitarren

Santiago und die Gitarren

Als wir später in Santiagos Laden stehen, inmitten von Charangas (kleine Gitarren), Bombos (Trommeln) und natürlich einem Meer von Panflöten, können wir einfach nicht anders: Gemeinsam mit Luis gründen wir spontan die Band „Los cuyes locos“ – die verrückten Meerschweinchen.

Vermutlich der Beginn einer steilen Musikerkarriere, hoffen wir anfangs, zumal wir mit Luis einen Meister der Panflöte an unserer Seite wissen. Doch der Durchbruch bleibt bislang aus. Wir müssen zurückkehren in die Stadt, die uns so inspiriert hat. Cayambe-Kekse und gegrillte Forellen essen.

Auf dem Rückweg nach Quito futtern wir also mehr Bizcochos für mehr Inspiration. Wir nehmen ein paar Tütchen der Kekse mit – frisch aus dem Ofen sind sie flott wieder verschwunden. Wir begegnen noch anderen, vierbeinigen Einwohnern von Cayambe, von denen einer fast zu uns in den Wagen steigt. „Nehmt mich mit!“, sagt sein Blick.

Blinder Passagier

Blinder Passagier

Nächstes Mal. Denn allein die Bizcochos, die Musik und die Farben von Otavalo sind Grund genug, um wieder nach Ecuador zurück zu reisen. Möglichst bald.

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an Quito Turismo, die diese Reise ermöglicht haben.

6 Gedanken zu „Otavalo und die verrückten Meerschweinchen“

  1. Hallo Elke eben erst auf deinen schönen Artikel gestoßen. Ich möchte auch gerne mal die Panamericana entlang fahren. Am besten komplett von Alaska nach Feuerland. Kommst du mit?

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