Ein Kraut für alle Fälle

„GUAYUSA – ORIENTE $ 0,50“ lautet der letzte Eintrag in meinem roten Notizheft. Wir waren bei Doña Rosita, schon zum zweiten Mal. Mitten im historischen Zentrum Quitos, in der Straße Imbabura. Ihr kleiner Laden, vollgestopft mit duftenden Kräutern und Gemüse, ist nicht klein genug, als dass sie darin nicht verschwinden könnte.

Luis übernimmt die Kräuterführung, unser Guide mit indigener Mutter. Zwar hat Luis Informatik und nicht Kräutermedizin studiert, doch er weiß viel von zu Hause und aus dem ecuadorianischen Alltag. „Guayusa ist ein Allheilmittel“, meint Luis. „Die Blätter stammen aus dem Regenwald des Amazonas und haben eine reinigende Wirkung.“

Als ich zum zweiten Mal in Rositas Laden auftauche, ist sie nicht da. Ich frage den Mann, der auf dem Stuhl sitzt, in holprigem Spanisch nach dem Kraut, dessen Blätter dem Lorbeer ein bisschen ähneln. Guayusa, das Kraut für alle Fälle, als Tee könnte ich die getrockneten Blätter verwenden. Dann schreibt er mir alles ins Heft: Name, Herkunft, Preis.

Guayusa als Girlande
Guayusa als Girlande

Ich nehme ein kleines Bündel für einen halben Dollar mit. Guayusa ist Ecuadors Antwort auf Mate. Es enthält Koffein und Theobromin, wirkt stimulierend, schärft die Sinne und enthält doppelt so viele Antioxidantien wie grüner Tee. Es reduziert Stress und Bluthochdruck, senkt den Blutzuckerspiegel.

Im Gegensatz zu Mate ist Guayusa nicht bitter, sondern süßlich im Abgang. Die Kichwa sagen, der Genuss von Guayusa kann ihre Träume lenken, die dann vom Schamanen interpretiert werden. Dazu setzt man sich morgens früh zusammen, am besten so um vier, fünf Uhr.

Bei mir zu Hause wird es 11 Uhr, bis die Zeremonie losgeht. Ich nehme zwei Blätter, gieße sie mit heißem Wasser auf, lasse den Tee fünf Minuten ziehen und warte trinkend auf sogenannte Klarträume, die mich zurück nach Ecuador führen.

Quito von oben
Quito von oben

Ich sehe die Plaza de San Francisco vor mir, den weißen Komplex von Kirche und Kloster aus der Kolonialzeit. Ich mag das 16. Jahrhundert, weniger das Zitieren klassischer Elemente, sondern den neuen Schwung der architektonischen Strukturen, die neue Tiefe des Raums, gipfelnd im Spätbarock Borrominis: Sant‘ Ivo alla Sapienza ist eine der schönsten Kirchen Roms.

Nie hätte ich erwartet, das Design seines Kontrahenten Bernini so weit entfernt von Rom zu entdecken. Die konvex geschwungene Treppe, die zum Atrium von San Francisco führt, geht auf Berninis Entwurf zurück. Das ist aber auch schon das einzige, was mich in Quito an Rom erinnert.

Viel mehr noch als die ewige Stadt ließe sich Quito ertanzen. Schon im Flughafenterminal erschallen bei der Ankunft laute Merengueklänge, die Straßen der Altstadt sind voller Musik. Und nun, als wir vor San Francisco stehen, wird kräftig gefeiert. Die „Banda“, eine bunt verkleidete, maskierte Musikantentruppe, heizt ein: Fiesta!

Regen mit Musik
Regen mit Musik

Luis klärt uns auf: Im katholischen Ecuador haben die Menschen eine kleine Jesus- oder Marienfigur im Haus, die manchmal hinausgetragen wird. Dazu ernennt die Familie einen „Prioste“, der die Feierlichkeiten organisiert und bezahlt: Messe, Tanzgruppe, Fest.

Sogar Hühner feiern hier mit — im Holzkäfig auf dem Rücken der Tanzenden. Später wandern sie in den Kochtopf. „Auf den Dörfern sind die Fiestas häufig zu finden, seltener in Quito“, meint der Quiteño. Das Ende ist überall gleich: Es wird gegessen, getanzt, Chicha und Canelazo fließen in Strömen.

Wir haben also Glück, bei so einer Fiesta kurz mitwippen zu dürfen, mitten in Quito. Im Innern von San Francisco ist die Messe in vollem Gange. Der Priester singt ein Lied, das zu Herzen geht und ins multiethnische Ecuador passt: Über Jesus, der alle liebt, egal welche Hautfarbe. Musik ist in Ecuador auch in der prallgefüllten Kirche lebhaft und sanft, nicht so getragen wie in heimischen Breitengraden.

San Francisco bei Wolkenbruch
San Francisco bei Wolkenbruch

Stundenlang könnte ich dort bleiben, den Menschen zuschauen, dem Gesang lauschen, umnebelt von Weihrauchschwaden. Doch Luis wartet schon auf uns, draußen im Regen. Während wir über die Plaza laufen, scheint sich der Himmel zu öffnen. Luis deponiert uns bei einem Geschäft: „Ich hole den Wagen!“

Da stehen wir nun, lost in Quito. Es schüttet aus vollen Kübeln, schon bald ist kein Mensch mehr auf der Straße, alle retten sich entweder in „unser“ Lokal oder stellen sich irgendwo anders unter. Dicht an dicht stehen wir in dem Laden, grinsen uns wechselseitig an, das gemeinsame Erlebnis wirkt völkerverbindend.

Die Straßen mutieren zu Bächen, ein Bus schiebt eine volle Ladung auf alle, die wie ich im Eingang stehen. Ich schreie auf: Hose, Schuhe, alles klatschnass. Und muss lachen, wie die anderen Betroffenen. Nie war ein Wolkenbruch so amüsant! Ecuador, glücklich am Äquator, kennt nur zwei Jahreszeiten: Trocken- und Regenzeit.

Die Banda zieht weiter.
Die Banda zieht weiter.

Die ältere Frau mir gegenüber redet etwas von Klima auf Spanisch. Jaja, das Klima, ich pflichte ihr bei. Viel Regen um diese Zeit! Leider erschöpfen sich meine Vokabel zu früh. Wir führen die Konversation stumm lächelnd fort. Zum Adoptieren süß, die Quiteños!

Auf dem Panecillo, dem Brötchen-Hügel mit Weitblick, wärmen wir uns bei einer Colada morada wieder auf – Ecuadors Antwort auf rote Grütze. Luis erklärt uns, dass fermentierter Mais drin steckt, getränkt in den Saft roter Beeren und je nach Geschmack Naranjilla, Bergpapaya oder Ananas, dazu Ataco (Amaranth), Zimt, Sternanis. Vor allem rund um Allerseelen trinkt man Colada morada.

Zu meinem neuen Lieblingsgetränk avanciert heißer Canelazo, das Beste für den „Winter“ am Äquator. Wasser, Zimt und der Saft der Naranjilla treffen auf Zuckerrohrschnaps. „Wer das nicht getrunken hat, war nie in Ecuador“, behauptet Luis. „Wenn du willst, mach‘ noch ein bisschen Zucker rein!“

In den Straßen der Altstadt
In den Straßen der Altstadt

Typisch, denke ich. Der Schokolade frönen die Ecuadorianer eher selten. Aber dafür dem Rohrzucker, pur, oder auf diversen Snacks wie „Caca de perro“ (wortwörtlich: Hundekacke) – in Öl gebratener, karamellisierter Mais.

„No quiero verte más“, singt eine Frauenstimme vom Band lauthals in der Nähe der Plaza Santa Clara, und ein Verrückter stimmt mit ein. Ich mag Quito in meinem Klartraum, der nichts anderes ist als ein Stück Vergangenheit von mir.

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an Quito Turismo, die diese Reise unterstützt haben.

11 Kommentare zu „Ein Kraut für alle Fälle“

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    Ja, Zuckerrohr auslutschen! Der Snack für unterwegs : ) So, so, und die Hühner im Käfig werden zuerst duselig getanzt, damit sie im Angesicht des Todes gar nicht wissen wie ihnen geschieht! Guayusa hört sich definitiv attraktiver an als Mate! Mate schmeckt wie aufgegossenes Heu … sage ich immer zu meinem Mann, dessen Vorräte aus Argentinien sich glücklicherweise erschöpft haben. Bald will er wieder in die Heimat. Ich werde ihm aber vorsorglich nur einen ganz, ganz kleinen Koffer mitgeben! Gute Nacht, Jutta

    1. Elke

      Ja, die armen Hühner! Aber immer noch besser, als auf dem Fließband geboren zu werden… Mate mag ich auch nicht. Aber Argentinien – nicht schlecht! ;-) Tanzt ihr Tango? Wir haben das mal probiert, aber Stratos ist nicht so der große Tänzer… Am besten, du fährst mit nach Argentinien, dann hast du einen Überblick. :-D

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  7. Avatar

    Hey Elke

    Ich bin selber aus Ecuador und finde deinen Blog super!! Denn Quitoist echt eine schöne Stadt aber leider gibt es viele Leute die sagen das es gefährlich ist und dies führt natürlich dazu das viele dich dann entscheiden nicht nach Ecuador zu reisen. Deshalb bin ich dir sehr dankbar denn solche Texte fördern auf jeden Fall den turismus in Ecuador. Ich hoffe du schreibst noch weiter tolle Blogs !

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