Das Schreiben

Elke Weiler, Pals

Wie entsteht ein Roman?

Immer mal wieder werde ich gefragt, wie funktioniert das eigentlich, ein Buch zu schreiben? Nicht den Reiseführer mit seiner vorgegebenen Struktur, die sich aus Einzeltexten zusammensetzt. Nein, der Roman. Wie machst du das, wie gehst du mit einem Textungetüm um?

Jeder Autor, jede Autorin macht es anders.

Grundsätzlich gehöre ich zu denen, die ohne Schreiben nicht können. Das war schon immer so. Gebt mir ein Heft, einen Stift und Nahrung für Hirn, Seele, Körper. Ich verarbeite, ich lebe schreibend.

Und dann ist da die Fantasie, dieses wilde Monster.

Als Heranwachsende war ich der Tagebuchtyp, später der Blogtyp. Also wieder nur Sequenzen? Können sich persönliche Texte zu einem Buch zusammenfügen? Ja und nein. Denn es braucht nicht nur eine Struktur, sondern auch eine treibende Grundidee. Etwas, das den Autor reizt, sich intensiv damit auseinander zu setzen. Etwas, das ihn stark beschäftigt. Etwas, das ihn antreibt und nicht mehr loslässt. Etwas, das ihn durch eine größere Geschichte trägt. Eine Geschichte, die er unbedingt erzählen will.

Drei Worte zur Sprache

Wie er diese Geschichte erzählt, ist ein essentieller Bestandteil der Geschichte. Und ich meine jetzt nicht einzelne Stilmittel wie etwa die Alliteration. Gerade habe ich zwei grandiose Bücher gelesen, die sprachlich nicht unterschiedlicher sein könnten.

„Ungefähre Landschaften“ von Peter Stamm. Sprachlich so schnörkellos, so reduziert wie das Leben der weiblichen Hauptfigur in einem norwegischen Dorf jenseits des Polarkreises. Eine Sprache von der Schönheit frischen Schnees, der alle Grenzen bedeckt.

„Und so verlierst du sie“ von Junot Díaz, einem US-amerikanischen Autor dominikanischer Abstammung, zeichnet sich hingegen durch einen Sprachreichtum und einen Sprachmix aus, der das kulturelle Spektrum von Díaz sowie seiner Hauptfigur widerspiegelt. So beließ die Übersetzung glücklicherweise die spanischen beziehungsweise lateinamerikanischen Originalbegriffe. Eingestreut wie im Alltag der Figur. Man gewöhnt sich daran, versteht sie auch ohne Erklärung.

Beide Bücher haben mich auf ihre Art und Weise sofort in die Geschichte hineingezogen. Und für beide ist ihre spezielle Sprache ein wichtiger Teil der Kernaussage. Wie eine musikalische Basis.

In der Schule, damals

Ich lese gerne, ich lese viel. Doch kann ich nicht behaupten, dass Deutsch am Gymnasium zu meinen Lieblingsfächern gehörte. Das mag teilweise am ausgewählten Lesestoff gelegen haben, der sich für meinen Geschmack zu sehr an den Klassikern einer bestimmten Epoche deutscher Literaturgeschichte orientierte. „Effi Briest“ von Theodor Fontane hat mich an den Rand des Wahnsinns getrieben, weniger die Lektüre als vielmehr das ausgedehnte Besprechen im Unterricht. Auf das Lesen habe ich mich immer gefreut. „Der Schimmelreiter“ von Theodor Storm war eher meins. Und unvergesslich: „Der Fänger im Roggen“ von J. D. Salinger aus dem Englischunterricht.

Grundsätzlich ist das Lesen eines Buchs eine genauso persönliche Angelegenheit wie das Hören eines Musikstücks. Meine schönste Erinnerung an den Deutschunterricht ist eine Klassenarbeit im ersten Jahr auf dem Gymnasium. Uns wurde ein Teil einer Geschichte vorgelesen, die wir in der Arbeit zu Ende dichten durften. Wunderbar. Und das einzige Mal, dass ich eine Eins in einer Deutscharbeit hatte.

Was ich sagen möchte: Noch mehr als das Schreiben mag ich dieses Drauflos-Schreiben, von dem du nicht weißt, wohin es dich führt. Als Journalistin unmöglich, da ist der rote Faden, da sind die Fakten gegeben. Vor ein paar Jahren auf dem „Blogsofa“, einer Veranstaltung der Stadtbücherei Düsseldorf, habe ich darüber sinniert, auch erfundene Geschichten auf dem Blog zu veröffentlichen. Irgendwann.

Aller Anfang

Aber in Buchform macht das mehr Sinn. Da ist die Spielwiese einfach größer. Am Anfang eines jeden Romans steht eine Vorstellung, manchmal vage, manchmal sehr konkret. Ein Geflecht aus Gedanken, wie ein Traum, kein starres Gerüst. Das Entwickeln der Geschichte während des Schreibens ist für mich essentiell. Ich wusste, wer in meinem ersten Krimi mit dem Arbeitstitel „Kühe im Nebel“ sterben würde, war mir über den Tathergang und den Täter aber erst spät im Klaren. Sehr spät.

Letztens las ich, dass man bei Romanautoren grob zwischen Plotter und Pantser unterscheidet, die meisten aber Mischwesen sind. Während der Plotter seinen Roman komplett durchplant und beim Schreiben quasi abarbeitet, lässt der Pantser es fließen und sich entwickeln. Vorteile der ersten Arbeitsweise: Nur wenig muss überarbeitet werden. Nachteil: Eine gewisse Starre, die daraus resultiert, das alles streng dem Plot unterworfen ist. Der Pantser hingegen arbeitet flexibler, schreibt lebendiger, überarbeitet aber mehr.

So gehöre ich wohl zu letzteren. Wobei, wie gesagt, eine tragende Idee vorhanden ist. In der Phase vor dem Schreiben sammele ich Notizen. Wobei sich eine Recherche nun anders gestaltet als im journalistischen Bereich. Sie ist langsamer, sie braucht Zeit und Zuneigung.

Vor Ort, um die Atmosphäre des Settings einzufangen. Und dann kommen einem die besten Ideen ja, wenn man gerade nicht danach sucht. Nachts im Bett. Während einer anregenden Unterhaltung. Wenn ich aufs Meer schaue oder sonst irgendwo in der Natur zur Ruhe komme. Planvolles Arbeiten ist daher genauso wenig möglich wie geregelte Arbeitszeiten.

Manchmal komme ich an einer bestimmten Stelle nicht weiter. Dann hilft es, sich zu lösen, zu reden, hinauszugehen, etwas Schönes zu tun. Manchmal keinen Plan zu haben, keine Lösung und keine Idee, gehört einfach dazu. Eigentlich arbeite ich immer, aber es fühlt sich nicht so an. Es fühlt sich wie Leben an.

„Without my imagination, I couldn’t go anywhere.“

Vigdís grímsdóttir

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