Sevilla mit Sonnenschirm

Noch sind die Orangen grün, und die Herbstsonne scheint warm auf Sevilla. Im Oktober kann das Thermometer noch locker auf 26 Grad klettern, im November auf 20. Und die Orangenbäume werden reife Früchte tragen, wenn erst der Winter kommt. Sie tragen ihren Teil zur Schönheit des Alcázars bei, als seien sie feste Bestandteile des Mudéjar-Stils.

Was heute zu Sevillas beliebtesten Kulturgütern zählt, entstand zu einer Zeit, als drei große Religionen miteinander in der Stadt lebten und am könglichen Hof zusammen arbeiteten. In dieser Epoche genoss der maurische Stil hohe Anerkennung, hatten die Mauren doch prachtvolle Architekturen in Granada und Córdoba hinterlassen, sowie auch den Giralda-Turm in Sevilla.

Eine Schlange von beträchtlicher Länge hat sich vor dem Königspalast gebildet. Und Silverio informiert uns, dass die Onlinebucher nur eine Viertelstunde vor dem Alcázar warten müssten. Wir umgehen die Schlange und treten ein in das Land aus tausendundeiner Nacht, wo die Orangenbäume nicht mehr blühen, sondern Früchte tragen.

Der Mudejar-Stil

Die Besucher schieben sich in Gruppen von Punkt zu Punkt, bis sie im größten Garten der Anlage landen. Aufgrund der Massen ist es schwierig, den Details die nötige Aufmerksamkeit zu schenken und alles in vollen Zügen zu genießen. Ein Engpass an der Treppe, dann geht es stockend weiter. Man macht uns auf die Alabasterkapitelle aufmerksam, die von Eisenringen unterlegt sind. „Auch nach 700 Jahren funktioniert diese Erfindung noch“, sagen sie. Die Region sei nämlich nicht gerade erdbebensicher, und die Eisenringe bieten scheinbar genügend Spielraum, um Schwankungen auszugleichen.

Auch das System der Belüftung durch Patios, Wasser und Architekturelemente ist so ausgeklügelt, dass es im heißen andalusischen Sommer genug Kühlung verspricht – vorausgesetzt alle Fenster und Türen sind geöffnet. Grandios und schön und intelligent, jener Bau im Mudéjar-Stil, abgeleitet von den Mudejaren, den damals in Spanien verbliebenen Mauren.

Schön und kühl: Wasser.

„Unglaublich“, raunen die Besucher von allen Seiten in diversen Sprachen. Das ist Architektur, das ist Kunst, das ist ein Erlebnis. Dann gehen sie wieder hinaus in unsere komplexe, komplizierte und globalisierte Welt und fühlen sich wohl mit dem, was sie kennen. Aber erst, wenn sie wieder zu Hause sind. Dann schließen sie die Türen, so als würde irgendetwas auf dieser Welt irgendjemandem gehören.

Ich verliere meinen Rhythmus im Menschengewirr, lasse mich alsbald in einem Patio nieder, der weniger frequentiert ist. Auch hier hängen die Orangenbäume voller Früchte, auch hier verblüfft die Schönheit einer alten Kultur, die einen umfängt wie ein Buch, das man gerade liest, ein packendes Buch.

Patio de la Alcubilla

Und endlich die Stille, die einst geherrscht haben muss, um das Wasser der Brunnen zu hören. Plötzlich schwillt das Stimmengewirr ab, klingt wie ein entferntes Summen, und alles ist leicht, fast schwerelos die Zeit, der Ort, die Stimmung. Neben mir ein französisches Paar, etwas älter, ebenfalls schwer begeistert. Sie liest ihm mit angenehmer Stimme aus einem Reise- oder Architekturführer vor.

Links, ein Stück weiter, hockt ein weiteres französisches Paar auf der steinernen Bank, etwas jünger und still die Sonnenstrahlen genießend, die schräg in den Patio dringen. Kinderstimmen schallen aus dem überfüllten Garten, der mal ein öffentlicher war. Den ganzen Tag könnte ich hier sitzen, doch ich will in die Gassen Sevillas, weg von den sogenannten Highlights.

Warten auf Kundschaft

Das heißt, eines steht doch auf meiner Wunschliste, eine neue, kuriose Architektur. Ich laufe durch die Gassen der Altstadt ungefähr parallel zur zentralen Einkaufsstraße, der Avenida de la Constitución, und dann weiter nördlich. Entdecke dabei einen kleinen Laden mit „Organic Food“ und dem lustigen Namen „Coq & Roll“, der aus einer Theke, einem langen Tisch und einem Regal besteht.

Neben dem Frühstück kann man hier Sandwiches, Wraps oder Salate futtern, mein vegetarisches Sandwich mit Hummus wird frisch zubereitet, das Kichererbsen-Püree haben sie natürlich selbstgemacht. Die Spanierin hinter der Theke spricht Spanisch und sonst nichts, versteht aber ein wenig Englisch.

Sevilla, die Schöne

Der Engländer, der sich ebenfalls an den langen Tisch setzt, spricht Englisch und sonst nichts. Ich wechsele zwischen Englisch und Spanisch und denke Italienisch. Aber häufig verstehe ich, was auf Spanisch gesprochen wird, und es stört mich, nicht spontan antworten zu können.

Die Straßen Sevillas sind voller Leben, Flamenco-Tänzerinnen geben eine Darbietung unweit der Kathedrale. Als ich zuletzt in Andalusien war, und das ist schon einige Jahre her, kam ich in den Genuss einer Sevillanas-Tanzstunde mit der renommierten Flamenco-Tänzerin Charo Cruz.

Alte Landmarke: die Kathedrale

Was für eine Energie, was für ein Wille, was für eine Kraft in diesem Tanz steckt. Wenn du es selbst probierst, merkst du schnell, dass allein die Power dir fehlt, und du dich lasch fühlst neben einer Charo Cruz. Das ist wie klassisches Ballett ohne Grazie. Binnen einer Stunde wird das nichts, und doch hast du eine Ahnung.

Auf dem Weg zur Plaza de la Encarnación ragt plötzlich etwas Ungewöhnliches in die Höhe, das sich zwar farblich nicht herausnimmt, doch die Regeln der architektonischen Gestaltung in der Altstadt sprengt. „Las Setas“ – das müssen sie sein. Die Pilze, wie die Sevillaner sie nennen. Und das ist nicht weit hergeholt, da sprießt etwas in der Mitte des Platzes, das sich zu den Seiten ausbreitet und quasi den Raum sprengt. Ein kühner Entwurf im historischen Zentrum.

Eine organische Form, die zu leben, zu wuchern scheint.

Der Vergleich mit enormen Pilzen oder Pinien liegt nahe. Sechs Gewächse, deren Schirme sich zusammenschließen zu einer Art Dach, auf dem man flanieren kann. Der Architekt Jürgen Mayer H. hat es gewagt, eine eigenwillige Pflanze zwischen die alten Gemäuer zu setzen. Und wenn auch die Form den Rahmen sprengt, ging er behutsam mit dem freien Raum um.

Neue Landmarke: Las Setas, die Pilze

Dabei hilft die wagenförmige, durchlässige Struktur aus Furnierschichtholz, die mit Polyurethan beschichtet ist. 3400 einzelne Elemente, aufeinander abgestimmt und zusammengesteckt wie Geschicklichkeitsspielzeug. Zwar nimmt die Gesamtstruktur den Raum in Besitz, doch lässt sie ihm Luft zum Atmen. Und sie ist alles andere als eigennützig, spendet das Dach, das auch den sechs Schirmen entsteht, doch Schatten in Sevillas heißen Sommern.

Daher auch der offizielle Name: Metropol Parasol. Sevillas Sonnenschirm ist ein multifunktionales Gebäude. Ein Treffpunkt, ein Ort des Relaxens, den die Menschen auch nutzen, wenn sie weder in die integrierte Markthalle, noch ins Museum oder Café gehen wollen. Man sonnt sich auf den Stufen des Gebäudes, sieht dem städtischen Treiben zu.

Achterbahn laufen.

Wer nicht gebürtig aus Sevilla ist oder hier lebt und aufs Dach möchte, bezahlt drei Euro Eintritt. Das lohnt sich allemal, denn nicht nur die Sicht auf die Stadt ist fantastisch. Das Gebäude auf diese Weise zu erfahren, ist ein Erlebnis. Ich laufe die sich wie Schlangen windenden Wege entlang, mal hinauf, mal hinab.

Auch hier pocht das Leben, sitzen die Menschen im Café oder flanieren wie ich. Wie etwas Lebendiges, wie ein Baum füllt der Metropol Parasol den Raum dieses Platzes inmitten der Stadt. Ein Raum, der neu erschlossen wurde und erschließbar wird, bei jedem einzelnen Gang, jedem Erlebnis, jedem Licht, jeder Tageszeit, jedem Wetter.

Es ist ein sozialer Raum und zugleich ein abstrakter, ein ungewohnter Raum, der durch seine Konstruktion befremdet. Wabenförmige Strukturen sind wir nicht gewohnt, zumal nicht in dieser Höhe. Sie sind licht, und doch stabil. Ich könnte ewig hier oben über die Waben laufen.

Ein überdimensionierter, urbaner Bienenstock mit Menschen, die sich hin und her bewegen, ferngesteuert, fasziniert und glücklich.

Text und Fotos: Elke Weiler

Wenn Architektur pflanzengleich wuchert.

Mit Dank an Thomas Cook und Andalucía, die zu dieser Reise eingeladen haben.

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