Das blaue Haus am Meer

Als wir Europa verlassen, ist da nur noch das Blau des Ozeans unter uns, wie eine zähe Masse aus Samt. Sonst nichts als Himmel, wir sind ihm näher als dem Rest der Welt. Wolkenfelder in der Ferne, die zu einer anderen Realität gehören, die sich verdichten und uns vom Meer trennen.

Schließlich nur noch ein weißer Schleier, der sich erst Stunden später in ein Heer aus Schäfchenwolken auflöst. Zeit wird relativ, sie fliegt über die Wolken, so wie wir die Zeitzonen wechseln, ohne es zu merken. Wie spät ist es? Hier oben zählt nichts mehr von dem, was den täglichen Rhythmus des Lebens auf der Erde bestimmt.

Es gibt keinen Alltag mehr.

Es gibt Gespräche, Bücher, Filme, Musik, Mahlzeiten. Und ein bisschen Arbeit. So schreibe ich an einem Artikel, der meiner Vergangenheit angehört. Was fehlt sind die Bilder. Die Plastizität einer Architektur, ihre Dynamik. Als hätte das große Nichts rund um den Flieger meine Erinnerungen in Watte gepackt, so undurchsichtig erscheinen sie mir.

Bonjour, ma belle!

Und plötzlich siehst du, es bleiben nicht einmal drei Stunden, um in der Karibik zu landen. Die Karibik, die verlockende Karibik, allein das Wort erweckt Sehnsüchte. Der weite Ozean zwischen den Welten erscheint dir wie eine Brücke der Zeit. Du gehst nicht vor und nicht zurück, doch auf der anderen Seite bist du jünger.

Und das Leben wirkt leicht, getragen von der Hitze, von der Musik, von Wind und Meer, warmem Regen, Palmen, Mangobäumen und alten Feigenbäumen, deren Luftwurzeln wie das lange Haar eines Weisen aussehen. Martinique ist nicht Europa, auch wenn sie dir etwas anderes erzählen. Auch wenn Französisch neben Kreol gesprochen wird. Auch wenn du mit Euro bezahlen und wie zu Hause surfen kannst, 7.000 Kilometer davon entfernt.

Die Farben

Alles ist anders, und das Andere ist schön. Auf Martinique wohnst du in einer türkisblauen Hütte am grünen Meer, ganz in der Nähe des Ortes Le François. „Hier lebten einst die Béké“, sagt Édouard. Béké, so nennen sie die Nachfahren der Kolonisten, die sich nicht mit den Einheimischen vermischen wollten. Selbst heute würden sie es nicht tun. Unter ihnen der reichste Mann der Insel.

Willst du reich sein? Nein. Du willst einfach in dieser Hütte am Wasser leben und nachts dem Meeresrauschen lauschen, das mal stärker, mal schwächer durch das offene Fenster getragen wird. Einen Roman auf dieser Terrasse schreiben, ab und zu zum Horizont blicken, der sich verfärbt, mal bunt, mal hell, mal blau, mal dunkel drohend. Der Insel all deine Aufmerksamkeit schenken, wohlwissend, dass sie dich inspirieren will.

Das Drama

Der Wind treibt das Meer vor sich her, sein Rauschen dein Schlaflied. Doch manchmal gewinnen die Antillenfrösche, zumindest akustisch. Nach Anbruch der Dunkelheit, und das ist früh in der Karibik, singen sie unentwegt im Kanon. Zu laut für winzige Frösche, ein Chor Größenwahnsinniger, der sämtliche Vogelstimmen übertönt.

Vielleicht wirst du ohne dieses Konzert nie mehr richtig schlafen können, denkst du und gehst hinaus in die Nacht.

Eine riesengroße Krabbe säumt deinen Weg und krabbelt mit aufgeregtem Klaklaklak den schmalen Holzsteg vor dir her. Immer an der Wand entlang, bis sie geräuschvoll im Gebüsch verschwindet. Die Nacht ist lau und feucht, der salzige Geschmack des Meeres auf deinen Lippen. Du sitzt fast am Strand, endlich wieder barfuß, und knabberst an den ersten frittierten Teigbällchen mit Stockfisch „accras de morue“. Ihnen verdankst du es, dass dich der erste Planteur, Fruchtsaft mit Rum, nicht gleich umhaut.

Barfuß am Strand

Erst am Morgen siehst du alles, die Farben des Wassers, den Strauch der Frangipani vor der Terrasse, das Segelboot, das vor der Küste ankert. Du läufst über den Holzsteg, mit wehendem Bademantel, bereit für das erste Bad. Seenadeln schlängeln sich wie schwarze Algen mit Rüsseln im Wasser. Schwärme kleiner Fische huschen weg.

Seegras schwimmt hier und dort, weiter hinten haben sie sogar Barrieren deswegen aufgebaut. Dieses Jahr gäbe es ungewöhnlich viel davon, die Klimaerwärmung! Die Zeichen mehren sich. Du schwimmst die Gedanken weg, lässt dich treiben, blickst zum Himmel. Ein schwarzer Reiher zieht seine Runden, während du sachte im Wasser schaukelst, das dich trägt, als wärst du federleicht.

Das blaue Haus

Du bist ganz dort. Ein Gefühl von Freiheit, ein Geschenk des Meeres.

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an La Martinique, Saint Lucia und Condor, die zu der Reise in die Karibik eingeladen haben. Bald erzähle ich mehr über die beiden karibischen Inseln, die so verschieden und doch so ähnlich sind. Wer meine Insta-Stories und Fotos gesehen hat, weiß schon ungefähr, was ich erlebt und wen ich (wieder)getroffen habe. Renaud zum Beispiel, der dafür sorgt, dass traditionelle Lieder, Tänze und Gerichte auf Martinique nicht in Vergessenheit geraten. Aber dazu mehr im nächsten Artikel.

La mer

Noch ein paar Infos

Die karibische Insel Martinique (auf Kreol: Matinik) zählt zu den Kleinen Antillen und liegt zwischen Dominica und Saint Lucia. Als französisches Übersee-Département bildet Martinique einen Teil der EU, so dass Visa-Verfahren entfallen, man überall mit Euro bezahlen und seinen Telefon- und Roamingvertrag auch in der Karibik nutzen kann. Der Zeitunterschied beträgt im Winter fünf Stunden, ansonsten sechs.
Obschon das Lohnniveau niedriger als in Frankreich ist, lassen sich die Lebenshaltungskosten in etwa vergleichen, viele Waren werden aus Frankreich importiert. Das gilt natürlich nicht für lokale Produkte wie Maniokmehl. Und Martinique ist unter Karibikkennern als kulinarischer Hotspot bekannt, auch dazu später mehr.

Morgens am Steg

Wir sind mit Condor ab Frankfurt geflogen, was im aktuellen Winterflugplan immer samstags möglich ist. Auf dem Rückflug wird ein Stopp auf Barbados eingelegt, die Passagiere von Martinique werden dabei für eine Stunde in den Transitbereich geleitet.
Die Flugpreise beginnen bei 369,99 € in der Economy Light, 499,99 € in der Premium und 999,99 € in der Business Class. Das System ist flexibel, so können Gepäck-, Menü- und Entertaiment-Optionen in der Economy Light hinzu gebucht werden.
Interessant ist Condors Vereinbarung mit der karibischen Airline LIAT, die ein Einchecken bis zum Zielort ermöglicht, wenn das Ziel nicht Barbados oder Martinique, sondern etwa Saint Lucia heißt.
Im übrigen kann man von Fort-de-France auf Martinique mit dem Boot nach Dominica, Guadeloupe und Saint Lucia gelangen. Man traut es der Karibik kaum zu, doch dabei kann es recht wellig zwischen den Inseln werden. Wer schnell seekrank wird, sollte Vorsorge treffen.

Meine Hütte gehört übrigens zum Cap Est Lagoon Resort.

  1. Wie schön ist doch die Karibik, kann man dort leben, ja vielleicht, wenn man jung ist und und einen Neuanfang startet.

  2. Wunderschön, bin gespannt auf weitere Berichte

  3. Für mich wäre es zu warm dort, aber faszinierend sind neben den satten Grüntönen diese Winzlinge mit dem kräftigen Organ. Im Botanischen Garten Bonn hat man im Regenwaldhaus welche ausgesetzt. Ab und an darf man bis spät abends rein, dann kann man sie singen hören, und wie!

    Einen guten Start in die neue Woche wünsche ich!

    Franziska

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.