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Die hippe, stille Landzunge

Der Wettergott meint es gut mit mir. Als ich Heiligenhafen erreiche, knallt die Sonne dermaßen, dass ich gleich über die schmale Brücke zum Strand düse. Sämtliche Sonntagsausflügler und Urlauber scheint es nach Steinwarder verschlagen zu haben. Angesagte neue Hotels, eine schicke Seebrücke, die Landzunge von Heiligenhafen macht auf mondän – mit sportlicher Lässigkeit. Mit Coolness.

Man wandelt über Bretter, die aufs Meer hinausführen. 2012 wurde die Seebrücke eingeweiht, doch sie ist nicht einfach eine Promenade übers Wasser. Sie ist Spielplatz, Treffpunkt, Raum zum Chillen und Schnacken. Demensprechend sind alle Bänke und Liegen belegt, als ich auf der Bildfläche erscheine. Man tankt Sonne, das kann dauern.

Ich laufe weiter, bis es nicht mehr geht. Türkisgrün bis blau das Wasser unter mir, vor mir. Verwoben die Töne, marmoriert wie ein Edelstein. Auf der Brücke kann man ewig liegen oder sitzen. Bis zum Horizont, bis zur Fehmarnsundbrücke schauen und Pläne machen. Oder lieber das Wasser testen, das sich so verlockend ein paar Meter unter den Füßen ausbreitet. Schwimmen!

Seebrücke Heiligenhafen
Das Grün

Nicht wenige Urlauber begeben sich am flach abfallenden Strand ins Wasser. Das Meer, so zurückhaltend und gefällig, wie es nur die Ostsee an Tagen wie diesen kann. Gut situierte Pärchen und junge Familien lümmeln sich in Sitzsäcken auf den Verandas oder an der Beachbar direkt im Sand.

„Sind wir Hipster genug, um dorthin zu gehen?“,

scherzt ein Paar mit Blick auf die Bar. Sie lachen.

Immer wenn ich in Heiligenhafen bin, lockt mich der Graswarder. Er zieht sich wie zerfranstes Land, das sich vom Steinwarder in Richtung Fehmarn zieht. Glatt ist nur die Wasserkante, der Strand, im Kontinuum von der Urlauberzone bis ins Naturschutzgebiet. Die Häuser mit den bunten Fassaden, tausendfach fotografiert wie die Wahrzeichen von Heiligenhafen. Ein Sehnsuchtsort, denn wer möchte nicht so nah am Wasser leben? Ich jedenfalls würde wollen.

Graswarder Häuser
Das Blau

Zudem geht es um eine in Schleswig-Holstein einmalige Lage. Tür an Tür mit dem Meer, nasse Füße inklusive. Denn die Ostsee kann auch anders. Es war vor allem das Sturmhochwasser von 1872, das heftig an der Küste gewütet hat. Doch es passiert immer wieder, zuletzt ließ Sturmtief „Benjamin“ Anfang 2019 die Pegelstände anschwellen. Das Hochwasser nagte an der Düne, an den Fundamenten der Strandvillen und stieg in die Keller. Die anfangs nur als Sommerresidenzen geplanten Häuser trotzen den Unwettern seit über 100 Jahren, wenn auch nicht immer unversehrt. Wer hier wohnt, muss daher auch die finanziellen Mittel zur häufigen Restaurierung mitbringen.

Gansgetümmel am Graswarder

Der Graswarder, ein Naturschutzgebiet über zweieinhalb Kilometer, ist eigentlich ein Nehrungshaken, der nach Osten wandert. Mit jedem Schritt spüre ich die Ruhe deutlicher, entdecke zum ersten Mal in meinem Leben Kanadagänse, die ich mithilfe der Schilder identifizieren kann. Sonst lasse ich mir in solchen Fällen von der NABU-APP Vogelwelt helfen. Alte Bekannte wie Graureiher und Graugänse lassen sich ebenfalls blicken. Etwa 40 Brutvogelarten zählt der Graswarder, wie mir die Schilder suggerieren.

Zur Linken der Strand mit seinen Häusern, zur Rechten ein Gebiet aus Salzwiesen und Wasserflächen. Dahinter ab und an ein in den Hafen einfahrendes Boot. So wird der Graswarder vom Wasser flankiert, ein gewisses Inselgefühl macht sich breit. Kaum Autoverkehr, nur die Bewohner der 15 denkmalgeschützen Häuser dürfen hier fahren, und das auch nur ganz langsam. Ein Träumchen also.

Noch in den touristischen Anfangsjahren war der Graswarder genau das: eine Insel, nur durch einen Steg mit dem Festland verbunden. Heute werden hier keine Baugenehmigungen mehr erteilt. Lediglich für den Vogelbeobachtungsturm des NABU wurde eine Ausnahme gemacht. Eine architektonische Glanzleistung von GMP übrigens, die mit der Umgebung harmoniert, sich zurücknimmt und gleichzeitig als twistende Holzskulptur raumdefinierend wirkt.

Steinwarder
Back to civilization

Langsam gehe ich wieder zurück zum Steinwarder. Wer Glück hat und wie ich ein Zimmer mit Aussicht in einem der Strandhotels ergattert hat, kann den Sonnenuntergang auf dem Balkon genießen. Direkt am Strand ist es noch schöner. Einfach in den Sand setzen, ein bisschen Smalltalk oder nur dem Klatschen des Wassers lauschen. Den Wolken zuschauen, die am Himmel segeln. Dem Licht, das sich ständig ändert. Dem Farbenspiel des Meeres. Als gäbe es nichts anderes.

Text und Fotos: Elke Weiler

Steinwarder
Love is in the air.

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7 Gedanken zu „Die hippe, stille Landzunge“

  1. Absolut traumhafte Bilder! Bei mir sollte es eigentlich an Ostern für eine Woche ans Meer gehen. Ist Corona-bedingt leider nichts draus geworden. Naja, vielleicht klappts im Herbst. Solange begnüge ich mich mit deinen Blogbeiträgen und tollen Fotos ;)

  2. In Heiligenhafen wurde in den letzten Jahren wirklich einiges gemacht. Wenn du dir mal Fotos von vor 15 Jahren anschaust, erkennst du nichts mehr wieder. Dennoch gefällt es mir wirklich sehr gut. Ich wäre gern wieder da.

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