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Schöne alte Hüttenwelt

Zerpflückt wirkt das Land, der Ort wie eine Insel, an drei Seiten von Wasser flankiert, dem Meer, dem Großen und dem Sehlendorfer Binnensee: Hohwacht. Ich bin zum ersten Mal hier, und hätte fast den Strand nicht gefunden. Da sind die Bäume, die bis an den Strand wachsen, wie ein grüner Schutzschild. Fast kommt es mir vor, als wollten sie den Strand behüten. Aber so ist es oft an der Ostsee, auch auf Langeland habe ich das gemocht, im Stengade Skov. Ein Buchenwald, der quasi das Wasser küsst.

Hohwacht ist anders. Ich laufe durch den Kurpark, irgendwo dahinter muss der Strand sein. Der Morgen ist noch frisch, außer mir kaum jemand unterwegs. Ich mag diese Eckzeiten des Tages, wenn die Stille erlebbar wird, die Düfte intensiver sind, die moosigen, würzigen, erdigen des Waldes. Ich habe die Ostsee oft stiefkindlich behandelt, seitdem wir in Schleswig-Holstein wohnen, kenne nur Orte wie Eckernförde, weil wir mit dem Bulli in der Nähe campierten, Holnis natürlich und die Geltinger Birk. In Weißenhäuser Strand war ich als Kind mit den Eltern, habe jedoch keine prägenden Erinnerungen. Heiligenhafen, Grömitz und Pelzerhaken, Neustadt in Holstein und Timmendorfer Strand, also die Lübecker Bucht kenne ich schon ein bisschen. Aber so kleine Perlen wie Hohwacht habe ich erst im Rahmen einer Buchrecherche entdeckt. Ein Buch, das übrigens nie publik wurde, der Verlag hatte sich anders entschieden hat. Für Hohwacht und die Entdeckung der kleinen Schätze hat es sich allemal gelohnt.

Kiosk in Hohwacht
Komfort-Kiosk

Als Erstes fallen mir die bunten Badehütten auf, die sich an den Waldrand schmiegen. Nicht so exponiert wie in Dagebüll an der Nordsee, wo sie am Fuße des Deichs wie ein Empfangskomitee im Sommer wirken, wenn man mit dem Schiff ankommt. Dann frage ich mich jedes Mal, warum es nicht mehr Badehäuschen auf der Welt gibt. Sie gehören zur Ikonografie des Sommers, reden vom Meer, vom Barfußlaufen und von der Leichtigkeit des Seins. Flatternde Handtücher und Badesachen im Wind. Salz auf den Lippen und der Geruch von Sonnencreme in der Luft. Kinderrufe, Möwengeschrei. Das Glucksen beim Eintauchen. Wasserbläschen um dich herum. Auf dem Meer schaukeln.

Ein Hauch von Schrebergarten

In Hohwacht liegen die Häuschen ein Stück hinter der Promenade, was ihnen größere Intimität beschert. Dazu versprühen sie den gewissen Charme von Schrebergartenlauben. Auch wenn die Hüttenbesitzer hier kein Gemüse ziehen, stehen die Häuschen doch mitten im Grünen. Einerseits ist man vor Wind geschützt, andererseits profitieren die Glücklichen im Sommer vom Schatten der Bäume. Und das meist schon seit mehreren Generationen, zumindest sind einige der Buden noch im Besitz derselben Familie. Etwa in der Mitte des 19. Jahrhunderts schoben die Hohwachter ihre Badekarren an den Strand, in denen sie die damals üppige Badekleidung wechseln konnten. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts stand dann auch die erste feste Bude am Strand, die Anzahl wuchs bis in die 20er Jahre. Auch ein Kiosk kam hinzu, der sich Milchgaststätte nannte. Sogar das Übernachten war in den Hütten erlaubt, nur Kochen durfte man nicht, darauf achtete ein Strandwärter.

Badehütte in Hohwacht
Es ist wirklich nicht Meerblogs Hütte!

Im Laufe der Zeit wurde manche Bude erneuert, vergrößert, verschönert. Doch existierten nie Baugenehmigungen, und in den 1950er Jahren sollten die Buden dem Strandtreiben ausweichen und an den Waldrand ziehen. Fast wäre es vor zwei Jahren zum Aus für die schöne alte Hüttenwelt gekommen, doch konnte das Blatt noch mal gewendet werden. Mein Eindruck ist, dass diese einfachen kleinen Architekturen aus Holz das Gesamtbild des Strandes stark beeinflusst haben. So wurde auch das falunrote DLRG-Haus aus Holz gebaut und passt sich dem Ambiente genauso an wie das kleine Bistro „Tom’s Hütte“ – beide sind übrigens mit Gründächern ausgestattet. Gemeinsam mit den Buden bilden die Holzhäuser die andere, lässigere Seite eines Ortes mit seinen Kureinrichtungen und einer gediegenen Atmosphäre.

Auf der Flunder

Einige der Hütten besitzen sogar eine Terrasse und sind mit liebevollen Details ausgestattet, so dass sie schon wie Tiny Houses wirken. Sie sind von unterschiedlicher Größe und größtenteils mit Satteldächern ausgestattet, also insgesamt komfortabler und individueller als ihre Dagebüller Pendants. Was da ist, darf instandgehalten, jedoch nicht mehr vergrößert werden. Würde ein Häuschen abbrennen, darf es leider nicht neu aufgebaut werden. Was mir auffällt: Die Hütten haben Hausnummern. Was ich vermisse: Budenbesitzer:innen zu treffen, mit denen ich ein paar Worte wechseln könnte. Vielleicht bin ich zu früh am Tag oder zu spät in der Saison, es ist September. Also werde ich wiederkommen, vielleicht in diesem Sommer, in dem alles anders ist als in sämtlichen Sommern meines Lebens.

Nun erst mal hinaus aufs Meer, das aufgewühlt erscheint. Mein Weg führt auf die „Flunder“, eine 370 Quadratmeter große Plattform über den Wellen. Hier stehen ein paar Gäste zusammen und reden, Andere blicken aufs Wasser, in die Ferne, eine Frau hat sich zum Lesen niedergelassen. Über den Eichenbohlen spannt eine Stahlkonstruktion, die an einem Pylon hängt. Der Mast eines Segelschiffs wird hier angedeutet, rundherum die tosende Ostsee, als wäre die „Flunder“ ein gestrandetes Schiff. Nicht nur zum Sinnieren oder Schnacken ist sie beliebt, auch für Heiratsanträge.

Nicht höher als der Wald

Der Geruch von Tang weht vom Strand hinauf. Dass Hohwacht mal ein Fischerdorf war, ist hier am Kurstrand nicht mehr spürbar. Nur im weiter nördlichen Lippe wird noch hauptberuflich gefischt, dort existiert ein Hafen. Ein Ort geht am Strand in den nächsten über, und so laufen die meisten munter drauflos. Stieleichen wachsen am Strand, silbrig glänzender Sanddorn und die ewigen Hagebuttensträucher. Daneben Berg-Ahorn, Zwergmispeln, Brombeersträucher, Birken. Von den drei Kilometern des Hohwachter Sandstrands gehört gut einer der Steilküste. Glücklicherweise haben die Hohwachter in der 1960er Jahren beschlossen, dass kein Haus höher sein darf als der Wald. Und ich wünschte, diese Eingebung hätten sämtliche Orte an den Küsten der Welt gehabt.

Text und Fotos: Elke Weiler

Hohwacht, Strand
Bringt Glück!


Hohwacht mit seinen Badehütten bildet den dritten Teil der Budenzauber-Serie von Meerblog. In Teil 2 ging es zu den Dagebüller Buden, Teil 1 führte zu den Amrumer Strandhütten. Schon bald werde ich auf der dänischen Insel Ærø den vierten Teil recherchieren. Kennt ihr Orte mit Badehütten? Welche mögt ihr besonders und warum?

6 Gedanken zu „Schöne alte Hüttenwelt“

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