Svendborg am Sund

Ich mag Städte, wenn sie morgens erwachen. In dem Moment sind sie alle gleich, leicht verschlafen, ruhig, irgendwie unbenutzt, frisch wie der Morgentau. Weil ich Abend für Abend in Svendborg schon bei Sonnenuntergang ins Bett falle, bin ich jeden Morgen früh auf den Beinen. Und jeden Tag sieht Svendborg anders aus: mal wie ausgewaschen, dann voller Farbe, Licht und Schatten.

Sonntags wirkt es verlassen, wochentags öffnen neben der Thurø-Bäckerei nach und nach auch die Cafés. Thurø ist eine der zahlreichen Inseln im Svendborg-Sund. Über eine Brücke ist sie mit Fünen verbunden, während man die meisten Eilande hier mit der Fähre erkundet. Hungrig kehre ich bei der gleichnamigen Bäckerei ein. Die Frau hinter der Theke wirkt schon recht munter und gutgelaunt. Ich frage nach Kaffee, bevor ich mir ein Teilchen aussuche, mein Blick fällt auf den kleinen Tisch mit zwei Stühlen. Mein Platz für ein frühes Frühstück am Sonntag.

Morgenruhe

Nur „Instant Coffee“ habe sie, meint die Frau. Ich sage Ja, Instant ist heute alternativlos. Dazu bestelle ich ein Thurø-Hörnchen mit Nougatfüllung. Köstlich und extrem sättigend! Wider Erwarten schmeckt auch der Kaffee, um nicht zu sagen: Es handelt sich um den besten „Instant Coffee“ meines Lebens. Gestärkt mache ich mich auf den Weg zum Schloss Egeskov.

Einen Tag später kann ich das stylische Café „Brød“ ausprobieren. Über Auswahl in Sachen Kaffee, Brötchen und Teilchen kann man sich nicht beklagen, so dass ich auch am dritten Tag dort einkehre. Am schönsten aber gestaltet sich mein letzter Morgen. Ich sitze draußen auf einer Bank vor der „Knæwr Kaffebar“ – in der Hand ein Schoko-Croissant, das durchaus mit original französischem „Pain au chocolat“ mithalten kann.

Pain au chocolat!!!

Es ist noch warm, der Bäcker hat es kurz zuvor auf einem ganzen Blech voller Herrlichkeiten hereingetragen. Und wie er sich gefreut hat, an diesem Morgen so sehnsüchtig erwartet zu werden! Wenn die Gäste mit großen, erwartungsvollen Augen dort stehen. Da geht ihm das Bäckerherz auf. Im Café gibt es eine Riesenauswahl an diversen Öko-Kaffee- und Tee-Spezialitäten, sogar in der Presskanne, wenn man denn will.

Während ich tagsüber die Inselwelt im Svendborg-Sund erkunde, bleibt mir morgens und abends Zeit für die kleine Stadt mit maritimer Vergangenheit. Auch mein Apartment ist mit Details aus dem Leben auf See ausgestattet und in einer ruhigen Gasse inmitten sonnig gelber Häuser gelegen. Abend für Abend zieht es mich in den Hafen, ich bin schon Stammgast im „Bendixen“, eine Art Edel-Fischimbiss.

Von hier aus ins Südfünische Inselmeer.

Auch deswegen, weil es das einzige Lokal direkt am Wasser ist, und mir die Atmosphäre unter Einheimischen und braungebrannten, unkonventionellen Seglern so gefällt. Einmal spielt sogar einer auf dem Schifferklavier. Unter Seglern ist Svendborg bekannt, auch heute tummeln sich die Boote im Hafen. „Svendborg ist die Stadt der Segler“, meint auch Maj-Britt, die im Hafen arbeitet.

Genauer gesagt, auf Frederiksø, einer ehemaligen Werft-Insel. Eigentlich stammt sie aus dem nordfriesischen Galmsbüll, einer Gemeinde nahe Dagebüll. Wie auch ihr Freund, der derzeit die „Svendborg International Maritime Academy“ besucht, die größte und wichtigste ihrer Art im ganzen Land. Beide sprechen mindestens so gut Dänisch wie Deutsch, sie haben sie auf der dänischen Schule in Nordfriesland kennengelernt.

So ein Zufall: Einwohnerin Maj-Britt stammt aus Nordfriesland.

Svendborg ist jedenfalls ein netter Ort zum Studieren und Arbeiten, so scheint es. So idyllisch es wirkt, manchmal tobt der Bär. Maj-Britt kellnert in der „Kammerateriet“, was Kameraderie bedeutet. Die Hafenbar zählt ebenfalls zu meinen Lieblingsorten in Svendborg. Auf jenem Werftgelände am Hafen, das von der Vergangenheit Svendborgs spricht. Die Insel ging aus einer Sandbank hervor, die vom Schlamm der Ausgrabungen für die Fahrrinne der Schiffe beständig wuchs.

Seit dem 19. Jahrhundert wurden auf Frederiksø Schiffe gebaut, gingen die Werftarbeiter ein und aus, wurde gehämmert und geschraubt. Noch heute dient ein Teil der Werftanlage zur Reparatur von Holzschiffen, die große Werft schloss allerdings 2001. Nun kommen die Leute für coole Konzerte und einen Kaffee oder Absacker mit Blick aufs Wasser. Im Sommer finden sich Foodtrucks ein, was für mich eine Alternative zu „Bendixen“ gewesen wäre.

Svendborg downtown

Aber nun gibt es halt Fisch am Abend. Bis auf eine Ausnahme, denn Maj-Britt empfiehlt mir die „Børsen“ auf der Gerritsgade mitten in Svendborg. Ein Gastropub mit meist jüngerer Klientel. Zwar ist es am Abend etwas frisch, doch ich bleibe draußen. Immerhin gibt es Decken und Heizpilze wie in Italien im Winter. Ich probiere das „Klassisk Bøfsandwich“ mit Burger, gerösteten Zwiebeln, eingelegten Gurken, roter Beete, Senf, Remoulade, Ketchup und viel brauner Soße.

Ein dänischer Klassiker, wie die Kellnerin meint. Irgendwie scheint sie sich über meine Wahl zu freuen. Wenn sie ihre Großeltern besuche, gäbe es immer dieses Gericht für sie. Schon als Kind hätten Oma und Opa sie damit glücklich gemacht. Ich kann das verstehen, so wie ich den Sauerbraten meiner Uroma geliebt habe. Niemand konnte ihn besser machen.

Chillen auf Frederiksø.

Svendborg hat diese Freundlichkeit, diese Imitimität. Mit seinen Gassen und hübschen Häusern. Es hat jenen Charme alter Zeiten in die Gegenwart gerettet. Mit jedem Tag gefällt es mir ein bisschen mehr. Zum Nachtisch gibt es in der „Børsen“ übrigens Skarø-Eis, ein Bio-Eis, gesüßt mit Birkensaft, von der nahen Insel Skarø. Doch das ist eine andere Geschichte.

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an Visit Fyn, die diese Reise ermöglicht haben.

Hej hej & farvel!
  1. Hallo Elke,
    was für ein schöner Artikel,
    Ich bin im Moment zwar eher auf eher exotische Ziele in Äquatornähe geeicht, aber Dein Bericht von Svendborg macht auch Lust auf ein bisschen europäischen Norden. :)
    Quasi ein neues Ziel auf der schier endlos wachsenden „Würde-ich-gern-sehen“-Liste.

    Viele Grüße
    Susanne aka Wortgestalten

    • Danke, liebe Susanne! Dann erst mal schöne Reisen an den Äquator, was toll ist! Während meine nächste Reise wieder über Nachbarsgrenze und in Richtung Norden geht. ;-) Liebe Grüße, Elke

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