Hinter dem Horizont

London – Antigua. Wir sind gerade mal eine halbe Stunde in der Luft, ein Bruchteil der achteinhalb Flugstunden. Ich schaue aus dem Fenster, eine Komposition aus Weiß und Blau. Wie eine zähe Masse das Meer unter uns. Ein weißes Schiff zieht seine Bahnen. Hinterlässt ein V aus weißen Schaumkronen.

Hören, sehen die Menschen auf dem Schiff vielleicht gerade den Flieger, so dass sich unsere Blicke treffen? Oder schauen sie auf das endlose Blau? Sehnen sich nach dem nächsten Landstreifen, der doch so bald nicht am Horizont auftauchen wird…

Wann wird das Meer zu blau, zu eintönig, zu dominant? Ab wann lässt es den Seefahrer winzig erscheinen, als Spielball der Natur in seiner enormen, alles vereinnahmenden Welt? Tage und Nächte nur Wasser, kein Handy, TV, keinerlei Ablenkung. Vielleicht ein paar Delfine, die das Schiff ein Stück weit begleiten. Seevögel, die sich an die salzige Welt angepasst haben. Das Gefühl von Einsamkeit.

Über den Wolken

Das Schiff ist längst aus meinem Blickfeld verschwunden. Ein Wolkenschleier trennt mich vom Meer und den Gedanken so weit unter uns. Ein Teppich aus Wolken, über den wir fliegen. Minuten vergehen. Die Zeit ist nicht dein Freund, selten bist du in der Zeit. Zu schnell, zu langsam ist sie, die immer gleich ist.

England, Frankreich, der Kanal, Europa liegt hinter uns. Vor uns nur noch der Ozean. Ein paar Inseln wie versprengte Landflecken: die Azoren. Mitten im Atlantik. Dann nichts mehr. Segelwolken. Zwillingswolken. Wolkentiere. Träume, zerrissen. Angekündigte Turbolenzen, kaum wahrnehmbar. Der Ozean, noch weiter weg. Wolkentupfen. Eine Handvoll Schlaf.

Der Flug über den Ozean, ein Fingerschnipp der Zeit.

In einem Traum erwachen. Weiße Segelboote in einer Bucht. Das Wasser, so klar und von leuchtendem Türkis. Bunte Häuser, die sich über dichtgrüne Hügel ziehen. Feuchtwarme Luft empfängt uns in dieser anderen Welt, zurück auf der Erde. Angekommen auf einer Insel, die weit hinter unserem Horizont liegt.

Waren das wirklich nur acht Stunden vom unterkühlten englischen Sommer, vom ewigen Regen Londons zu diesem Ort, der Kälte nicht kennt, nur überbordende Wärme? Mit einem Mal erscheint mir die Anreise von Europa in die Karibik viel zu kurz. Ich bin nicht mehr müde, obwohl ich weiß, dass ich spät ins Bett gehen werde – der Zeitunterschied beträgt sechs Stunden. Ich möchte ankommen, ganz hier sein.

Sweet Caribbean home

„Ihr seid spät dran“, meint Nicole vom Bed & Breakfast „Siboney Beach Club“ an der Dickenson Bay in Antigua. Der Weg vom Flughafen war nicht lang, immer noch halten wir uns in der Inselhauptstadt Saint John’s auf. Ohne jedoch etwas vom städtischen Treiben zu spüren. Nicole lächelt, sie weiß Bescheid. Der Flieger ging mit Verspätung in die Luft. Dann die Passkontrollen nach der Ankunft.

Sie führt uns herum und überlässt uns unserem neuen Leben. Mit mechanischen Handgriffen richte ich mich in meinem Apartment ein. Eigentlich möchte ich sofort hinaus, das Meer ist gut hörbar. Und so mache ich es an diesem ersten Abend wie die Einheimischen, wandele unter Palmen, die sich im Wind wiegen, und gehe schwimmen. Wie gut das tut.

Ich lausche dem Wind, der die Palmblätter gen Süden drückt. Ich lausche dem Meer, das um mich herum prustet und platscht, leise vor sich hin quatscht. Seine ewige Geschichte erzählt, die an jedem Ort auf dieser wunderschönen Welt gleich zu sein scheint. Die Geschichte vom Zyklus des Lebens.

Mal kurz telefonieren?

Der Himmel ist bedeckt. Wolken türmen sich über dem Wasser. Hinaufragende Gebilde, wie von den Händen eines Bildhauers geformt, der Natur. Wolken, die ich zuvor von oben gesehen habe. Aus einer Perspektive, die nur den Vögeln natürlich erscheint. Eigentlich hat der Traum schon dort oben in der Luft begonnen.

Im „Papa Zouk“ empfängt uns Bert. Seit 40 Jahren lebt der ehemalige Frankfurter hier, längst hat er seinen deutschen Pass abgegeben. Bert empfiehlt uns eine Bouillabaisse als Vorspeise. Oder Tapas mit gebratenen Kochbananen. Als der gegrillte Mahi Mahi auf den Tisch kommt, bin ich eigentlich schon satt.

Der erste Rumpunsch auf Antigua, den Bert als Spezialität des Hauses anpreist, gibt mir den Rest. Wieder zurück im Bed & Breakfast schlafe ich sofort ein – dem Rhythmus des Meeres lauschend. Für eine gefühlte Ewigkeit. Nach karibischer Zeit wache ich früh auf, doch es ist genau die richtige Zeit. Badezeit.

Wieder sehe ich die Palmen, das Haus, die Menschen. Bewege mich frei im warmen Wasser. Wie ein Fisch. Und ich weiß: Jede Stunde unserer langen Anreise hat sich gelohnt.

Text und Fotos: Elke Weiler

Infos

Es gibt diverse Möglichkeiten, nach Antigua zu gelangen: Ganzjährig ab London Gatwick mit Virgin Atlantic oder ab London Heathrow mit British Airlines. Direktflüge ab Deutschland gibt es mit Condor ab Frankfurt, sie starten ab Mitte September, wenn die Hochsaison in der Karibik beginnt.

Für die Einreise benötigt man einen noch mindestens sechs Monate gültigen Reisepass. Passkontrollen werden sowohl in London als auch in Antigua durchgeführt.

Ich bin zum Karneval nach Antigua geflogen. Wie in Barbados findet dieser im Sommer statt, also in der karibischen Nebensaison. Neben dem Unabhängigkeitstag am 1. November gilt der Karneval als eines der wichtigsten Inselfeste und feiert seinen 60sten in diesem Jahr.

Schattensuche

Bald mehr dazu und zum Thema Baden, Schnorcheln sowie zu den Stachelrochen rund um Antigua.

Mit Dank an Visit Antigua & Barbuda, die meine Reise in die Karibik ermöglicht haben.

  1. Die Bilder sehen schon mal richtig nice aus! Wir planen nächsten Sommer die Karibik zu besuchen, wohin, wie lange usw steht jedoch noch alles in den Sternen 😉

  2. Melanie Mairose

    Hallo Elke!
    Ein wunderschöner Bericht. Genau, was ich gesucht habe. Vielen Dank! Ich bin Mutter von 4 Kindern und kein Fan von Pauschalurlaub. Nun ist so ein Urlaub für uns eine große Investition. Wir haben bereits eine erschwingliche Unterkunft für Selbstversorger gefunden, fragen uns aber, wie die Lebenshaltungskosten aussehen. Kannst du mir dazu vielleicht etwas sagen?
    Herzliche Grüße,
    Melanie

    • Danke, Melanie! Leider müssen sehr viele Dinge nach Antigua importiert werden, so dass alles nicht Lokale auch eher teuer ist. Ein Beispiel: Man kann kein Wasser aus dem Wasserhahn trinken, dadurch ist man darauf angewiesen, Wasserflaschen zu kaufen. Lokales Obst und Gemüse auf dem Markt hingegen ist ok. Ein Besuch im erwähnten Restaurant „Papa Zouk“, das von vielen Einheimischen frequentiert wird, bedeutet mittleres Preisniveau. Hoffentlich konnte ich dir ein wenig helfen! LG, Elke

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.