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Der Wald

Kiefernwald SPO

Als Kind ging ich manchmal mit meinem Vater im Wald joggen, auf dem Hohen Busch. Wie der Name unschwer erkennen lässt, handelt es sich dabei um einen Höhenzug am sonst flachen Niederrhein. Auch wenn mir an der Stadt nichts mehr liegt, denke ich gerne zurück an den Wald. Mir gefiel vor allem sein erdiger Geruch, der bei Feuchtigkeit ausdünstet, und die Bucheckern auf dem Boden. Ich mochte den Wald besonders im Herbst. Übrigens produzieren Buchen erst Früchte, wenn sie mindestens 40 Jahre alt sind. Und ein Wald ist umso schöner, je älter er ist.

Bei Schietwetter gehen wir immer in den Wald. Natürlich nicht, wenn es dabei stürmt, dann drehen wir die Gassirunden in den Städtchen der Halbinsel, vor allem Garding ist bei den Hunden sehr beliebt. Im Gardinger Wald wiederum ist man schnell ausgelaufen. Für längere Spaziergänge bei Schietwetter taugt aber der Wald von Sankt Peter-Ording. Auch wenn es vor allem ein Nadelholzwald ist, der den Regen weniger abhält.

Dünen und Nadelholz

Jedes Mal, wenn ich wie heute durch den Wald laufe, merke ich, was ich in Nordfriesland vermisse. Schleswig-Holstein gilt als waldärmstes Bundesland von Deutschland. Das war nicht immer so. Gerade an der Küste wurde das Land für den Deich- und Sielbau in der Vergangenheit kräftig geschoren. Seit den 70er Jahren des letzten Jahrtausends wird wieder regeneriert, inzwischen liegt der Waldanteil bei durchschnittlich zehn Prozent im Land. Davon hält das Herzogtum Lauenburg mit einem Viertel seiner Fläche den größten Anteil.

Der Kiefernwald von Sankt Peter-Ording wurde noch während der dänischen Zeit angelegt, die bis 1864 andauerte. In der einst von der Landwirtschaft geprägten Gegend galten Sankt Peter und Ording als das Armenhaus, litten sie doch unter dem Sandflug. Den Dänen sei dank konnte dieser durch das Pflanzen von Dünengras langsam gestoppt werden. Wer heute durch den Kiefernwald von Sankt Peter-Ording spaziert, joggt oder nordicwalkt, freut sich immer noch über die Maßnahmen im 19. Jahrhundert.

Heute habe ich ihn wieder eingesogen, diesen modrigen, erdigen Duft des Waldbodens, der wie ein Versprechen ist. Der Geruch der Kindheit, der Unbeschwertheit, des Einswerdens mit der Natur. Ich liebe das Moos, das selbst bei grauem Wetter den Wald leuchten lässt. Den Boden, der unter jedem Schritt nachfedert, als laufe man über Kissen oder einen fliegenden Teppich. Man will sofort die Schuhe ausziehen, das Moos unter den nackten Fußsohlen spüren. Wie zart und weich es ist. Wie verletzlich. Man will sich verlieren in diesem Wirrwarr von Baumstämmen, die Wege abschaffen und sich frei fühlen.

Immergrün

Doch wie so oft hierzulande sind nicht alle Möglichkeiten erlaubt, und die Dünen sollen geschützt werden. Ein grauer Samstag im Winter, eigentlich sollte es regnen. Sowohl auf dem Weg zum Strand als auch im Wald begegnen wir Menschen und Hunden. Wochenendstimmung. Dann das Paar, das stehenbleibt, um uns nach dem Weg ins „Dorf“ zu fragen. Wir müssen grinsen. Man kann sich also doch im Wald von Sankt Peter-Ording verlieren. Ein bisschen zumindest.

Auch der größte Wald von Nordfriesland, der Langenberger Forst, geht auf eine Aufforstung im 19. Jahrhundert zurück. Wo einst die Heide wucherte, entstanden rund 1.000 Hektar Mischwald. Wenn im Sommer die Linden blühen, hat man den Eindruck durch eine Zuckerwerkstatt zu wandeln, so süß duftet der Wald dann. Es gibt diverse gekennzeichnete Wege durch den Langenberger Forst, am liebsten mag ich das Teilstück des ehemaligen Ochsenwegs. Älter als der Wald, nämlich aus dem 15. Jahrhundert stammend, führt der Pfad mal breit, mal schmal, mal licht, mal verschattet, mal gerade, mal verschlungen durch den Forst. Und es ist schwer vorstellbar, dass genau hier Rinderherden trabten und Räuber hinter Hecken lungerten.

Windgeformt

Je älter, dichter und verworrender, desto schöner der Wald. Je größer der Reichtum an Grüntönen. Doch auch im noch relativ jungen Kiefernwald von Sankt Peter-Ording atme ich auf, atme ich, genieße, verstehe, bin ganz bei mir und in der Natur, der es selbst im Winter nicht an Farbe, Details und Duft mangelt. Wenn ich die vom ewigen Wind geformten Stämme berühre, wenn das Rauschen des Meeres bis hierhin tönt. Dann denke ich jedes Mal, wir sollten nicht nur bei Schietwetter durch den Wald laufen. Doch besonders dann ist es wieder da, dieses Gefühl, dass der Wald einen beschützt wie eine grüne, lebendige Höhle. Eine Art Urvertrauen.

Text und Fotos: Elke Weiler

Autor

Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern.

6 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Avatar Ingrid sagt:

    Der Wald gibt uns viel Sauerstoff,unsere Lunge freut sich über diese gesunde Einatmung der so reinen Luft und auch die Bewegung darin ob Spaziergänge oder Walken und Nordic Walking ist für unsere Gesundheit perfekt

  2. Avatar Kai sagt:

    Oh, wie wahr.
    Ich bin mit meinen Geschwistern sozusagen mit dem Wald groß geworden. Wir haben direkt an einem großen Wald gewohnt, jede frei Minute darin gespielt, Staudämme gebaut, in die Bäume geklettert, Haselnüsse geerntet, Eimer voll Himbeeren und Brombeeren gepflückt und im Winter bei Schnee mit Fackeln Nachtwanderungen gemacht. Doch dann zog ich nach Schleswig-Holstein..:-)
    Wie ich ihn liebe, den Duft von Tanne, vermodernden Holz und Moos, dem Klang des Windes in den Bäumen und der unheimlich anmutenden Mystik einer Vollmondnacht……
    Vor wenigen 100 Jahren bestand SH übrigens noch aus dichten, fast undurchdringlichen Urwäldern und unzähligen Mooren.
    Leider gibts hier in Angeln fast keinen Wald und auch kaum noch Vögel und Insekten. Aber ein Spaziergang durch Euren Wald bleibt unvergessen. Schön ist er.
    Lieber Gruß von Kai

    1. Avatar Elke Weiler sagt:

      Lieber Kai,

      so war es! Südjüten und die ersten Friesen haben die Gegend noch ganz anders erlebt. Man sagt, die Eichhörnchen konnten bis zum Strand von Baum zu Baum klettern. Und Eiderstedt war von Prielen zerfurcht. ;-)
      Deine Kindheit klingt sehr schön! Das bestätigt mal wieder meinen Eindruck, dass Stadtkinder (bis zu einem gewissen Alter) schwer im Nachteil sind. Ich war so verzweifelt, dass ich damals mit einer Schulkameradin in den Pausen auf einem Stück Acker Anbaupläne geschmiedet hatte. Wir haben dann auch schon mal die Pausenklingel verpasst und kamen mit dreckverschmierten Schuhen zurück in die Klasse, wo wir uns irgendeine blöde Ausrede einfallen lassen mussten. „Wir sind in der Landwirtschaft tätig“, hätte komisch geklungen. Zumal illegal!
      Eine Nordfriesin, die heute zwischen Osnabrück und Oldenburg wohnt, hat mir mal von ihrer Kindheit auf Eiderstedt berichtet. War ich neidisch! :-)

      Liebe Grüße, Elke

  3. Avatar Jutta sagt:

    Wald kann so vieles sein! Ich liebe den federnden Boden unter den Füßen, den würzigen Geruch, im Herbst das Farbrauschen. Vor einigen Wochen habe ich zum ersten Mal einem Fuchs im Wald in die Augen gesehen und mich gefreut wie ein kleines Kind! Oft höre ich das Hämmern von Spechten. Meist sehe ich sie nicht, aber das ist dann einerlei. Ich sammle gerne Zapfen oder Blätter, manchmal Kastanien … je nachdem. Und seit mein Sohn mit dem Waldkindergarten „Bäume kuscheln“ praktiziert hat, bin ich – wenn keiner guckt : ) – auch so unterwegs! Schon mal das Rauschen im Stamm nach einem trockenen Tag gehört? Schon mal in einen hohlen Baum gekrochen? Alles ganz wunderbar unaufgeregte Dinge für ganz viel Glücksgefühl! Schön, dass du dem Wald diesen Artikel widmest! Liebe Grüße, Jutta

    1. Avatar Elke Weiler sagt:

      Einen Waldkindergarten finde ich die einzige wirkliche Alternative zu einem Wattkindergarten, liebe Jutta. Was meinst du? Als Kind hätte man sich über beide Möglichkeiten ausgesprochen gefreut. :-) Jedenfalls werde ich, wenn ich mal in einem „richtigen“ Wald bin, wo es also einen Reichtum an diversen Baumarten gibt, und den schon etwas länger, an deine Worte zurückdenken und mir einen hohlen Stamm suchen. Kuscheln muss sowieso sein. Auch nach dem Rauschen werde lauschen. Danke dir! Und liebe Grüße vom Meer! Elke

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