Natur Norwegen

Im Banne der Huldra

Nicht ein Hauch von Wind, der Himmel tiefblau, die Wolken wie gemalt. Glatt wie Spiegel die Seen und Fjorde, alles scheint darin einzutauchen. An diesem perfekten Tag fahren wir nach Flåm.

Ein Stück mit der Fähre über den Eidfjord, dann mit dem Bus durch unterirdische Höhlensysteme, die teilweise futuristisch anmuten. Etwa der Kreisverkehr im Innern des Berges – gestützt von einem überdimensionierten Pfeiler in Pilzform, beleuchtet in Eisblau.

Natürlich hat Mama Carina wieder etwas für uns in der Tasche: Lefse, norwegisches Fladenbrot mit Zimt und Zucker. Ein Kartoffelpfannkuchen, den man im Supermarkt bekommt. Oder direkt aus der Pfanne, wenn man Glück hat. Vielleicht probiere ich das zu Hause einmal aus – als Kartoffel- und Fladenfan.

Flambahn-Fan

Wir erreichen Flåm am Zipfel des wunderbaren Aurlandfjords pünktlich. Am Bahnsteig tummeln sich schon Touristen aus allen Ländern, ein buntes Gemisch mit Asienschwerpunkt. Hier gilt das ungeschriebene Gesetz: Wer nie mit dem Nostalgiezug die 864 Höhenmeter überwunden hat, kennt Fjordnorwegen nicht. Also ab in den Flambahn.

Alle Schiebefenster sind hinunter gedrückt, die Kameras gezückt, als wir loszuckeln. Bei jedem Tunnelaustritt, bei jeder Alm, jedem Tal und jedem Wasserfall fotografieren die Gäste, was das Zeug hält. Es ist die vermutlich am stärksten belichtete Bahnstrecke der Welt.

Und dann dürfen wir sogar aussteigen – mitten in der Landschaft. Der hintere Teil des Zuges steckt noch im Tunnel, doch wir schaffen es in den Sprühnebel zu laufen: ein frischer Willkommensgruß des Kjosfossen. Pralle Wassermassen sprühen in die Höhe, zur Seite, tosen sich den Berghang hinunter, direkt auf uns zu.

Am Kjosfossen

Ich überlege, ob ich je etwas Spektakuläreres gesehen habe, so nah, so intim. Niagara – ganz nett vom Hubschrauber aus oder mit dem Schiff, eingetütet in blaue Ponchos. Iguazú und Viktoria stehen noch auf der Liste. Nein.

Der Kjosfossen ist nicht der längste und nicht der breiteste Wasserfall, doch er hat solch eine Kraft, dass es mich auf dieser kleinen Plattform zwischen Flåmbahn und Berghang schier umhaut. Ich bin derart fasziniert, dass ich zwar die Musik vom Band bemerke, die sich in das herrliche Brausen der Wassermassen mischt, ohne meine Erlaubnis. Nicht aber den Tanz der Huldra.

Alle starren gebannt einer Tänzerin zu, rechts vom Kjosfossen, vor einer Ruine. Sie wirkt winzig klein neben dem Naturspektakel, deswegen nehme ich sie nicht wahr. Erst ein Kollege macht mich darauf aufmerksam, und ich nehme mir vor, auf der Rückfahrt genau auf alles zu achten. Was bitte ist eine Huldra? Welche Macht hat sie? Und wieso tanzt sie neben dem Wasserfall?

Tunnel um Tunnel schiebt sich die Flambahn hoch nach Myrdal.

Fragen über Fragen. Die einstündige Fahrt nach Myrdal dauert einen Fingerschnipp, es sind 20 Kilometer mit allerhöchstens 40 km/h. Einige Wendetunnels wurden spiralförmig in den Berg gesprengt, man merkt die Drehungen beim Fahren kaum.

In Myrdal stehen wir einige Minuten, bevor es zurück nach Flåm geht. Jetzt habe ich mehr Zeit für alles, kann neben der Landschaft auch die Gäste beobachten, die mit Hingabe von Schaffner Knut betreut werden.

Sportliche Gäste wandern oder radeln die Strecke auch zurück, ganz oder stückweise. Dabei geht ein Teil über den Rallarwegen, den ich bereits auf der Strecke zwischen Finse und Myrdal kennengelernt habe.

Schaffner Knut kontrolliert.

Schaffner Knut ist schon seit 30 Jahren bei „Norges Statsbaner“ und hat viel erlebt im Zug. Jeden Sommer fährt er zwischen Flåm und Myrdal hin und her, ist bis zu zehn Mal am Tag auf der Strecke.

Doch bevor ich mich versehe, sprüht und rauscht der Kjosfossen wieder vor meine Nase und benetzt meine Haut mit einem zarten Wasserschleier. „Hei-a-di-ko“ oder so tönt es langgezogen vom Band. „Hach, ist das schön!“, meint eine Deutsche neben mir, verzaubert von der Mystik-Mucke.

Alle starren gebannt auf das Rauschewasser, das unter uns vom Berg geschluckt wird. Ich suche nach der Huldra, da erscheint eine junge Frau mit hellblondem Haar und rotem Kleid. Sie kreist und rudert mit den Armen in der Luft, dreht und wendet sich wie die Bahn im Tunnel. So plötzlich, wie sie aufgetaucht ist, verschwindet sie auch wieder. Nur um kurz darauf an einer anderen Stelle, links von der Ruine wieder aufzutauchen.

Man muss ständig nur hinausschauen.

Es handelt sich also um zwei Tänzerinnen, denn als die rechte wieder auftaucht, sehe ich die linke noch weghuschen. Angeblich haben Huldren ja einen Kuhschwanz, doch diese Ballett-Tänzerinnen hier nicht. Und der Sage nach locken sie die Männer in den Berg, doch anscheinend wird nach dem Stopp am Kjosfossen keiner wirklich vermisst.

Wieder in Flåm könnte ich zwar noch einmal hin- und herfahren und dabei Leute im Zug und am Wasserfall beobachten sowie eventuelle Männerverluste in die Statistik aufnehmen. Doch dazu müsste ich mit Schaffner Knut tauschen, und der macht seinen Job einfach zu gut.

Am Strand von Flåm

Also lege ich mich an den Strand von Flåm und denke an die Bahnarbeiter, die 18 von den 20 Tunneln per Hand ausgruben und so dafür sorgten, dass jährlich Tausende von Touristen in Verzückung geraten.

Ein paar hartgesottene Strandbesucher stecken ihre Füße in das acht Grad kalte Wasser des Aurlandfjords – gut gekühlt vom Schmelzwasser aus den Bergen. Ein Kind traut sich und springt ganz hinein. Ich strecke meine Beine aus und mein Gesicht der Sonne entgegen.

Und als ich die Augen wieder aufmache, fällt mein Blick auf die Kajaks in der äußeren Ecke des Strandes. Wir werden an unserem letzten Tag am Aurlandsfjord nämlich eine Kajaktour machen, und ich freue mich sehr darauf.

Doch zuvor erfahre ich noch mehr über Trolle und Huldren im magischen Undredal. Vor allem aber über Ziegen…

Text und Fotos: Elke Weiler


Noch ein Lesetipp für die sportlichen Fans von Fjordnorwegen: Ich bin bereits mit dem Rad über den Rallarvegen durch die Hardangervidda gefahren.


Mit Dank an Innovation Norway für die Unterstützung der „Fjell & Fjord“-Reise.

9 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Avatar Dani sagt:

    Wow das ist ja traumhaft schön, muss ein toller Tag gewesen sein. In so einer Bimmelbahn und die einmalige Natur von Norwegen. Klasse liebe Elke.
    LG sendet Dir Dani

  2. Avatar Elke Rustenbach-Wampfler sagt:

    Liebe Elke,
    der Bericht weckt Erinnerungen an die vielen Reisen, die ich mit meinem Mann auf dem Motorrad durch Norwegen gemacht habe. Ich habe aber leider nicht das phänomenale Ortsgedächtnis, das mein Mann hatte. Von welchem Ort fährt die Fähre ab, die über den Eidfjord nach Flåm fährt? Ist es vielleicht Der Ort Eidfjord? Ist der Abfahrtsort mit der Bergenbahn zu erreichen? Kann man von Myrdal aus mit der Schnellfähre nach Bergen gelangen?
    Hoffentlich nicht zu viele Fragen -über eine Antwort würde ich mich freuen, da ich für eine Freundin eine Reise planen soll.
    Mit bestem Dank und besten Grüßen, Elke aus Berlin

    1. Avatar Elke sagt:

      Hallo Elke :-)

      Wir sind vom Ort Eidfjord mit dem Bus nach Brimnes, haben dort die Fähre nach Bruravik genommen, dann weiter mit dem Bus nach Flåm. Im August soll aber auch die neue Brücke fertig sein.
      Die komplette Strecke der Bergenbahn findest du hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Bergenbahn – in Myrdal kann man von der Bergen- in die Flåmsbahn umsteigen. Und von Flåm aus gibt es (Mai-September) ein Expressschiff nach Bergen!

      Hoffe, das hat dir geholfen :-)

      LG, Elke

  3. […] die Huldra auch den Sound der Natur, etwa das Rauschen des Wassers. Ich muss wieder an das Spektakel am Kjosfossen und den Tanz der Huldra denken. “Die Menschen nutzten ihre Fantasie, um ihr Leben interessanter zu machen”, […]

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