China

Der Klang des Wassers

Der Himmel über dem Yangsedelta trägt einen undurchsichtigen Schleier, das staubige Grau des enormen Busparkplatzes scheint übergangslos in die Wolken zu fließen.

150 Yuan, etwa 18 Euro, kostet der Eintritt in das alte China. Keine Autos, keine Abgase. Links neben dem Eingang sitzen unzählige Reiseführerinnen an einem langen Tisch mit Thermoskannen und Megafonen. Warten auf die Busse.

In der sogenannten „scenery“ kennen sie jeden Stein und jeden Busch. Sie ist der Kern der Wasserstadt Wuzhen: die Häuser links und rechts des Flusses Dongshi und der Oststraße.

Das Terrain ist abgeriegelt, selbst auf dem Flusseingang wird kontrolliert. Einst dienten der Flüsse und Kanäle den Wuzhenern als Hauptverkehrsadern. Mit geübtem Schwung dreht der Fährmann immer noch das an einem Seil befestigte Ruder hin und her.

Gleich hinter dem Eingang stimmen die Vögel wie auf Kommando ihr Lied ein, während der Lärm von Chinas Straßen mit einem Schlag verstummt. Ich mag diese Kontraste.

Ein Bambuswald im Eingangsbereich scheint die neue von der alten Welt abzuschirmen. Dahinter gehen Wuzhens Einwohner ihrem gemächlichen Leben nach, waschen seit Jahr und Tag ihre Wäsche im Fluss und sogar das Fleisch.

Guo Yin Sheng und seine Frau – Rentner in Wuzhen.

Ein blumenbestückter Innenhof, dampfender Chrysanthemen-Tee auf dem rot lackierten Holztisch. Guo Yin Sheng und seine Frau sind eines von vielen Rentnerpaaren in Wuzhen.

Die jungen Leute arbeiten in Shanghai, Hangzhou oder einer der größeren Städte in der Nähe. Nur während der kollektiven Feierwochen oder zum Frühlingsfest kommen die Kinder nach Hause. Die schönste Zeit im Jahr.

An der großen Wasserbucht starten die ersten Führungen. Mit Megafon durch die engen Gassen, vorbei an den hellhörigen Holzhäusern, wo alte Frauen auf niedrigen Bambusstühlen sitzen und Gemüse putzen. Die Fenster stehen offen, innen laufen die Fernseher nonstop.

Seit hundert Jahren hat sich an der Bauweise in Wuzhen nicht viel geändert.

Seit hundert Jahren hat sich an der Bauweise in Wuzhen nicht viel geändert. Schon zu Zeiten des Schriftstellers Mao Dun, ein Kind des Dorfes, sah es hier ähnlich aus. In seinem Buch „Der Laden der Familie Lin“ hat er das Alltagsleben der Wasserstadt beschrieben.

Holz- und Steinpfähle stützen die leichte, luftige Architektur. In keiner anderen Wasserstadt des Yangsedeltas hat man sich so zum Fluss hin geöffnet.

Guo Yin Sheng und Zhang Yu Ying sind an den ruhigen Takt des Wassers gewohnt, das seit Jahr und Tag den Rhythmus ihres Lebens bestimmt.

Der Fluss gibt das Wasser für ihren Tee, wäscht die Stoffe der Indigofärber, kocht den Reis, hilft beim Lösen der Raupen vom Seidenkokon und löscht in Notfällen das brennende Holz ihrer Häuser.

Mithilfe von Wasser werden die Raupen aus dem Seidenkokon gelöst.

Die Senioren erzählen von den ruhigen Abenden, wenn die Gäste Wuzhen verlassen haben, und die Altstadt ihre Tagesrolle aufgibt. Dann gehen die beiden nach dem Essen auf den großen Platz vor dem Tempel, treffen Freunde und tanzen. Manchmal ist sogar eine chinesische Oper zu sehen; das Leben ist reicher geworden.

Die ersten Gruppen drängen in das Museum der holzgeschnitzten Betten. Verschiedene Stile, verschiedene Epochen, Fundstücke aus ganz China haben die Touristiker in dem verwinkelten Haus einer reichen Kaufmannsfamilie zusammengetragen.

Der Wind streicht über die Blätter der Bäume in den Innenhöfen, die Vorträge aus den Megafonen hallen nach. Der Duft des traditionell hergestellten Bohnenkäses wabert durch die Luft.

Gedränge im Museum der holzgeschnitzten Betten.

Überhaupt scheint die Wasserstadt tausendundeinen Geruch auszuströmen. Kühle, erdige Strömungen, heiße, würzige Dämpfe und die abgestandene Luft der Vergangenheit. Ich laufe also durch die sogenannte „scenery“…

Und die Show kann beginnen: Bei gutem Wetter robbt der Seidenraupenkletterer täglich die 15 Meter hohe Bambusstange hoch. Ein Akrobat, ganz in weiß gekleidet, der an die Zeit des Erntefestes erinnert.

Ein Soldat stabilisiert gemeinsam mit einem anderen Helfer den Bambusstamm. An einer anderen Stelle zeigen die Kampfkünstler des „Boxing Boat“, wie sie einst die Wasserstädte verteidigten.

Im Fluss wird Wäsche gewaschen. Wie anno dazumal.

Bi Gan, der Gott der Ehrlichkeit und des Glücks, wacht heute nicht mehr bei der großen Wasserbucht über die Geschäfte der Leute, denn außer einem Souvenirgeschäft gibt es hier keinen Handel mehr. Der heutige Shoppingbezirk liegt gleich hinter dem Haupteingang links – als Abschluss des Rundgangs.

Das tägliche Leben der Wuzhener scheint meilenweit entfernt und doch nah. Eine Frau mahlt Reis mit einem schwer drehbaren Stein. Mehl, das später vielleicht im berühmten Schwägerinnen-Kuchen oder in den Töpfen der Restaurants landet.

Ein Holzschnitzer beugt sich über ein Stück rotes Sandelholz, ein Maler lässt den schmalen Pinsel über einem Kunstfächer tanzen. Seidenstickereien, Indigodrucke, Reiswein.

Bummel durch Indigodrucke.

Auch die Schattenspieler, ein alter Meister und seine Schülerin setzen auf den Tourismus, der ihr Metier am Leben erhalten soll. Die kleine Bühne in einem Haus nahe dem Tempel ist mit Indigostoffen geschmückt, leere Holzbänke stehen davor.

Hinter der Bühne bereiten die Akteure den nächsten Auftritt vor, legen sich die transparenten Figuren zurecht, deren buntes Muster im Licht der Bühne durchscheint.

Schattenspiel ist in keiner Schule zu erlernen, es wird von Generation zu Generation weitergegeben. Alle zehn Minuten führen sie den dramatischen Ausschnitt eines Klassikers vor. Kampfszenen, die vom Trommel- und Schellenklängen eines Zwei-Mann-Orchesters begleitet werden.

Die Schattenspieler in flagranti.

Wie in einer Großstadt geht es zu, wenn zur Mittagszeit die Restaurants überquillen. Hellrosa Flusskrabben und herzhaft zubereiteter Süßwasserfisch stehen auf jeder Speisekarte. Noch immer ist der Himmel verhangen, die Luft feucht und träge.

Erst am Nachmittag durchbricht die Sonne die Wolkendecke, und es wird schlagartig heiß. Unter dem Schutzdach des Teehauses am Dongshi weht ein zartes Lüftchen. Zum Chrysanthemen-Tee serviert die in Indigo gekleidete Kellnerin „Gu Sao“, die Schwägerinnen-Plätzchen.

Reismehl, Salz, gemahlener Sesam und Erdnüsse in Medaillonform geklopft, mit chinesischem Schriftzeichen versehen – ein traditioneller Snack, den heute vor allem die Touristen lieben. Ein bisschen trocken, aber nicht schlecht, was die Schwägerin da fabriziert.

Gu Sao, der Kuchen der Schwägerin.

Im östlichen Stadtteil ist ein Wellness-Ressort entstanden, fernab der traditionellen Wasserpavillions, an denen der Zahn der Zeit nagt. Fernab der im Fluss waschenden Menschen und der tanzenden Rentner. Und doch nah am Wasser.

Die Gäste haben hier die Möglichkeit, Wuzhen auch in stillen Momenten erleben. Wenn die Shops geschlossen sind, die Tagestouristen mit dem letzten Bus den Ort verlassen haben. Ohne den Lärm der Megafone, ohne Gedränge in den Gassen.

Sie können früh am Morgen oder am Abend über den Dongshi gondeln und vielleicht den Klang des Wassers hören.

Den Klang des Wassers hören.

Text und Fotos: Elke Weiler

Aus der Reihe „Archivgeschichten“: Ich war 2005 in China unterwegs und habe darüber u.a. in der Süddeutschen Zeitung berichtet.

Danke an die Wasserstadt Wuzhen, die diese Reise ermöglicht hat.

5 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

    1. Elke sagt:

      Danke, Shaoshi! :-) Ja, die Bilder sind ein paar Jahre alt. Allerdings war schon so einiges los! Ich suche nur immer nach ruhigen Motiven. Warst du gerade da? LG, Elke

  1. Hey Elke,

    ich war gerade erst dort und es hat sich nichts geändert (http://cicoberlin.com/2016/05/02/wuzhen-chinas/) Gegen 19 Uhr haben die Ortsansässigen auf dem großen Platz getanzt und sobald der Touristenstrom wieder in seinen Reisebussen verschwunden ist, erliegt alles in Totenstille. Du hast die Atmosphäre super in deinem Artikel eingefangen und tatsächlich etwas Überdauerndes, immer noch Wahres geschaffen:)
    Liebe Grüße
    Nicole von CicoBerlin

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