Wo die Schafe Kohl fressen

Dithmarschen. Ehrlich gesagt, hatte ich noch nie etwas davon gehört, bevor wir nach Nordfriesland gezogen sind. Dabei unterscheiden sich die beiden Landkreise vor allem durch eine Tatsache: In Dithmarschen gibt es mehr Kohl.

Ansonsten alles hüben wie drüben. Den ebenfalls zahlreich vorhandenen Schafen wird in Dithmarschen auch Kohl verfüttert, das ist unvermeidlich. Ansonsten gilt: grüne Wiesen, flaches Land, weiter Himmel, Nordsee und Deiche prägen beide Nachbarn. Und das Watt ist auch hier Weltnaturerbe.

Alles wie gehabt. Hier: Speicherkoog, Meldorf.
Alles wie gehabt. Speicherkoog, Meldorf

Dithmarschens bekannteste Stadt heißt Büsum. Einige halten Büsum für eine Insel. Auch dem nordfriesischen Husum widerfährt dieses Schicksal manchmal. So fragte man mich desöfteren, als wir noch in Husum lebten, ob das eine Insel sei. Meine Vermutung: eine klitzekleine Verwechslung mit der ostfriesischen Inseln Borkum.

Der legendäre Kuchen

Dithmarschen jedenfalls ist selbst irgendwie eine Insel, wenn man auf die Landkarte schaut und feststellt, dass es von Nordsee, Elbe, Eider und Nord-Ostsee-Kanal umschlungen, also vom Wasser umarmt wird. Es verfügt über weniger Inseln als Nordfriesland und gar keine Halligen.

Genauer gesagt, eine einzige Insel, die es allerdings in sich hat: Trischen – Seevogelfreistätte. Nur sieben Monate im Jahr ist ein Vogelwart auf der Insel, mutterseelenallein allerdings nicht, denn es flattert ja einiges über Trischen. Mehr als 150 Vogelarten tummeln sich dort.

WiIlst du nach Trischen?
Vogelfreund, willst du nach Trischen?

Als Tourist kommst du natürlich nicht hin. Aber wenn du jung bist, gut allein sein kannst und einen unglaublichen Ort für ein Freiwilliges Ökologisches Jahr suchst, dann ist Trischen genau das Richtige.

Wir Wahl-Nordfriesen verbinden mit Dithmarschen sehr guten Kuchen und fahren daher gerne zum Wesselburenerkoog. Um mehr von den Nachbarn kennenzulernen, setze ich mich ins Auto und fahre nach Meldorf.

Warum Meldorf? Es wurde mir empfohlen. Nächstes Jahr feiert Meldorf seinen 750sten Geburtstag. Es hat 7500 Einwohner, und trotzdem kannst du hier Unterricht im Kontrabass nehmen. Und ins Kino gehen, ins Puschenkino, das auch Arthouse-Filme zeigt!

In the streets of Meldorf
In the streets of Meldorf

Meldorf lag mal am Wasser, ist durch Eindeichung aber ein paar Kilometer von der Meldorfer Bucht abgerückt. Überhaupt scheint die Hälfte des Kreises durch Eindeichung entstanden zu sein. Meldorf nennt einen neugotischen Dom sein eigen. Und seine 7500 Einwohner freuen sich über die Kulturkneipe. Weltmusik und Theater!

Die Bauernrepublik

Im Mittelalter war Meldorf sogar Hauptort Dithmarschens und später Kreisstadt. Heute übernimmt das wesentlich größere Heide diese Funktion. In diese Richtung fahre ich zunächst, biege dann rechts ab. Doch bevor ich Meldorf nach insgesamt 30 Minuten erreiche, mache ich einen kleinen Schlenker, um den Dithmarscher Landcafés zu huldigen.

Lost in Hemmingstedt
Lost in Hemmingstedt

Das Hofcafé „Fünf Linden“ in Hemmingstedt ist eigentlich noch geschlossen, doch ich weiß das nicht. Erst als ich schon sitze, bemerke ich es. Und als es sich nach 14 Uhr schlagartig füllt. Im Hofcafé werden übrigens Tomaten aus der Nachbarschaft und Geestkartoffeln verkauft.

Aber ich bin wegen des Kuchens da, und prompt landet ein Stück Erdbeertorte auf meinem Tisch, erste Sahne! Ich erfahre, dass Hemmingstedt eine große Rolle im Freiheitskampf der Bauernrepublik Dithmarschen gespielt hat. Hier konnte man zumindest im Jahre 1500 das Heer des dänischen Königs schlagen.

Erste Sahne: Kuchen in Dithmarschen
Erste Sahne: Kuchen in Dithmarschen

Erdbeersahne. Kaffee. Hübsches Ambiente, irgendwo zwischen dörflich und retro. Beliebt sind sie, die „Fünf Linden“, es wird geschnackt, gescherzt, gelacht. Jetzt aber zum Meldorfer Dom. Während der Bauernrepublik wurden hier politische Entscheidungen getroffen.

In den Gassen von Meldorf

Die Sankt-Johannis-Kirche war zwar nie Bischofssitz, und doch gilt sie den Dithmarschern als Dom. Der Turm 63 Meter hoch, von weit her sichtbar. Im Innern ist mehr von der original Gotik erhalten, so die Fresken in den Kuppeln. Mir hat es besonders der Schnitzaltar angetan. Anfang 16. Jahrhundert, figurenreich und voller Leben.

Backsteingotik: der Dom zu Meldorf
Backsteingotik: der Dom zu Meldorf

In den Gassen von Meldorf geht es eher gemächlich zu an diesem Frühlingstag. Doch ich bin immer wieder überrascht, wie viel ein 7500-Seelen-Ort bieten kann. Ich würde nicht unbedingt zum Shopping nach Meldorf gehen, wo es überdurchschnittlich viele Juweliere gibt. Eher auf einen Kaffee, ins Kino oder Konzert.

Aber zurück zu den (freien) Bauern: Fans von Treckern würde es jetzt ins Schleswig-Holsteinische Landwirtschaftsmuseum ziehen. Ich dagegen entscheide mich, noch einen Blick auf das benachbarte, 250 Jahre alte Dithmarscher Bauernhaus zu werfen und laufe kontemplativ durch das umgebende Grün.

Wo die Äpfel blühen.
Wo die Äpfel blühen.

Der Rosengarten blüht noch nicht, wohl aber die ganzen Apfelbäume. Man sollte mal wieder einen Apfelbaum pflanzen. Oder zwei, drei, vier… Und wenn sie groß genug sind, darunter Kaffee trinken. Erdbeersahne essen. Während die Schafe ringsherum grasen. Sie müssen ja nicht unbedingt Kohl fressen.

Text und Fotos: Elke Weiler

Dieser Artikel wurde unterstützt von Avis Autovermietung.

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