Eine Insel ohne Prinz

Reispudding? Ich lande in einem Frauencafé auf einer Insel, deren Namen ich mir nicht merken kann. Und eigentlich werden auch männliche Gäste bei Bedarf mit Tee versorgt. Mit Kuchen. Doch ihre Präsenz geht in der Masse unter. Und in der Vielzahl der Süßigkeiten.

Weil ich mich nicht entscheiden kann, frage ich den Kellner. Vielleicht gibt es ja eine Spezialität? Er legt mir den Reispudding ans Herz, aus welche Gründen auch immer. „Very good!“ Ich bestelle den obligatorischen Çay dazu, (sprich ‚dschei‘), so viel Türkisch kann ich schon.

Tee und Reispudding
Tee und Reispudding

Neben mir lässt sich eine muntere Rentnerinnenschar nieder – zum Teekränzchen. Dank Reisebloggerin Gudrun erfahre ich aus Strittmatters genialer Gebrauchsanweisung für Istanbul* von der Sitte des „Çay keyfi“. Teeklatsch unter türkischen Müttern, eine Institution im Istanbuler Leben.

Und scheinbar auch auf den Prinzeninseln, den Adalar, auf die es mich verschlagen hat. Ich suche keinen Prinzen, und der Reispudding schmeckt gut. Trotzdem schaue ich neidvoll zu den Rentnerinnen hinüber, die leckere Tortenstücke mit Früchten vertilgen.

Zeitunglesen mit Istanbul-Blick
Café oder Kai

In der Zwischenzeit räumt der Kellner meine Dinge schon mal weg, obschon ich den Tee noch gar nicht ausgetrunken hatte. Vermutlich ahnt er irgendwie, dass meine Schwarzteephase, und es war eine sehr heftige, der Frühzeit angehört. Sie fällt in die sogenannten Müsli-Jahre der pubertären Zeitrechnung.

Indische Blusen, Fellschuhe und Selbstgestricktes begleiteten massiven Teegenuss während des nachmittäglichen „Çay keyfi“ unter Freundinnen. Nur kein Müsli. Heute trinke ich eher Raffinessen wie japanischen Matcha, dessen Zubereitung allein schon eine Gebrauchsanweisung braucht. Jedes Alter hat seine Feinheiten.

Katze beim Friseur
Katze beim Friseur

Jedenfalls wird mir vom Matcha nicht übel wie nach dem literweisen Genuss aromatisierten Tees zu Klängen von Robert Palmer, Pink Floyd und den Beatles. Der „Çay“ ist also weg.

Ich laufe ein bisschen durch die Gassen und am Ufer entlang. Ehemals prächtige weiße Holzhäuser, von denen die Farbe abblättert, Bäume, die in schmale Straßen hineinwachsen, und Fischrestaurants direkt am Kai, wo die kleinen Holzboote der Fischer im Wasser schaukeln.

Die Insel der Hunde
Insel der Hunde

Es scheint die Insel der Hunde und Katzen zu sein. Die Touristen, die mit mir an Land gingen, steigen nach und nach auf Pferdekutschen. Autos gibt es keine. Was vom Festland geliefert wird, verteilen Männer auf motorisierten Fahrrädern mit Anhängern.

Manchmal werde ich angesprochen, reagiere nicht immer. Meint die Stimme hinter meinem Rücken mich? Und warum? Doch der Ruf wird lauter und eindringlicher, er kommt näher. Begleitet von Hufgetrappel? Ich drehe mich um. Sozusagen im letzten Moment.

Gerettet!
Gerettet!

Ein Hechtsprung zur Seite rettet mich davor, unter die Räder der Kutsche zu kommen. Es ist gut, auf seinen Instinkt zu hören. Der Bauch wird als Gehirn oft unterschätzt. Und wild in der Gegend fotografierende Blogger auch.

Die Hunde liegen frustriert in der Gegend herum, das Fell stumpf und verlaust. Drei Katzen werden mit Stückchen von Sesamkringeln gefüttert, Restaurantkellner wollen mich an ihre Tische locken. Hätte ich mit der Kutsche fahren sollen? Die Gefahr, davon überrollt zu werden, wäre geringer gewesen.

Welche Insel ist die richtige?
Auf welcher Insel bin ich?

Irgendwann dämmert es mir: Ich bin auf der falschen Insel ausgestiegen. Büyükada sollte es doch sein, die größte der Prinzeninseln. Stattdessen schaue ich nun von der runden Burgazadasi auf die zweitgrößte Heybeliada, hinter der sich Büyükada versteckt. Die Sache ist verzwickt.

Nachdem wir mit dem Schiff vom Bosporus zum Marmarameer die erste Prinzeninsel namens Kinaliada erreicht hatten, habe ich mich beim zweiten Stopp wohl vom „B“ verleiten lassen. Dabei fehlten die „Ü“s! Um die wahre Beschaulichkeit der Prinzeninseln zu finden, war der Zufall vielleicht nützlich.

Gibt es überall Kutschen?
Die Kutschen sind überall.

Alle Inseln sind sehr grün, die Bäume scheinen gleichsam aus den Häusern herauszuwachsen. Und es gibt Döner. Dabei dachte ich immer, Döner sei eine Erfindung der Deutschtürken, ebenso wie der Gouda auf der Pizza nichts mit italienischer Küche zu tun hat. Weit gefehlt. Oder ein Reimport?

Hätte ich die drei alten Männer, die sich auf eines der kleinen Boote gequetscht haben, bitten sollen, mich zur nächsten Insel zu bringen? Doch von Burgazadasi, dessen Namen ich mir nicht merken konnte, ist die Sicht auf Istanbuls Häusermeer einmalig.

Der Hund bleibt.
Güle, güle.

Einen Prinzen habe ich nicht gefunden. Münzautomaten gibt es nirgendwo. Werden sie mich wieder auf die Fähre lassen? Eine halbe Stunde vor Abfahrt öffnet ein Ticketschalter. Darüber ein Schild „Kinder ab 6 Jahren müssen zahlen“. Was wichtiger ist: Es gibt „Jetons“.

Ich werde mit dem nächsten Vapur zurückfahren, „is tin polin“, in die Stadt. Begleitet von den Möwen, einem wahren Vogelballett. Die Möwen mögen Boote. Ich auch. Morgen werde ich mit einem nach Asien übersetzen.

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an das Mövenpick Hotel Istanbul und Opodo, die meine Istanbul-Reise unterstützt haben.

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  1. Eine sehr schöne Seite. Sehr gute Texte und Bilder. Nur kann leider nicht jeder durch die Welt reisen, da ihm die Zeit und das nötige Kleingeld fehlt…

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