Butter bei die Fische

Mehr Raps, mehr Bäume, mehr Mühlen. Nicht nur die Landschaft, auch die Häuser wirken irgendwie lieblicher in Ostfriesland. Außerdem scheint es straff organisiert zu sein, zumindest was die beliebten Inseln an beliebten Tagen wie diesen betrifft.

Der Zug endet in Norddeich, direkt an der Mole. Dann werden die Aussteigenden nach rechts für Norderney oder links für Juist umgeleitet. Ich folge den Schildern der Fährgesellschaft für die Gepäckabgabe. Neugierig.

Es erinnert mich ans Check-in im Flughafen – nur mit Fischgeruch. Die Beschilderung endet, doch eine rote Wurst aus Wägelchen ist in Sichtweite. Für Koffer wie gemacht. Zur Sicherheit frage ich ein nicht befreundetes Ehepaar, ob das auch die richtige Wurst für Juist ist. Als Ersttäterin verspürt man diese Unsicherheit. Das Paar bejaht, die Welt ist in Ordnung.

Tea, please!

Ich muss dringend Tee trinken. Wie zuletzt in Istanbul, beziehungsweise auf einer der nahen Prinzeninseln, als ich mich dem Schwarztee frönend an meine damit verdorbene Teenie-Zeit erinnert habe. Ertränkt im grenzenlosen Genuss aromatisierten Tees, vernebelt von Beatles- und Robert Palmer-Klängen.

Teestunde in Norddeich
Teestunde in Norddeich

In der Norddeicher Teestube schmeckt der Tee anders, feiner, pur ostfriesisch, wenn auch aus Sri Lanka. Und die Gebrauchsanweisung für echten Friesengenuss gibt’s auch gleich dazu: vier bis fünf Minuten ziehen lassen und zuerst das Kluntje in die Porzellantasse mit Musselmalet-Dekor geben. Damit es schön knistert.

Ich probiere alle Varianten: Mit und ohne Kandiszucker, Sahne, pur. Zum Erdbeersahnekuchen reicht ohne alles. Was mich beim Tee immer stört: Dass er anfangs so heiß ist. Dass man warten muss, will man sich nicht den Mund verbrennen. Vermutlich trägt das zur Gemütlichkeit bei, dieses Geduldhaben.

Auf der Fähre checke ich, ob das rote Wägelchen, dessen Nummer ich mir gemerkt habe, auch wirklich präsent ist. Bingo! Die roten und die gelben Waggons von der Post sind auch schon und – abgesehen von den Fahrrädern – die einzigen fahrbaren Teile auf dem ganzen Schiff. Denn Juist zählt zu den autofreien ostfriesischen Inseln.

Auf der Fähre

Schon in Norddeich kann ich es am Horizont ausmachen, ein Wunder, dass die Fähre anderthalb Stunden braucht. Am Oberdeck wird es langsam frisch, also suche ich nach einem Plätzchen im Warmen. Fehlanzeige! Die Schlauen haben gleich zu Beginn alle Sitzplätze unter Deck in ihren Besitz gebracht, die sogenannten Salons sind dicht.

Auf der Fähre nach Juist
Es wird frisch.

Das ist der Nebeneffekt, wenn man zum Feiertag mit verlängertem Wochenende auf die Insel schippern will. Und die meisten Gäste scheinen hier Juist-Profis zu sein, Wiederholungstäter. Sie wissen also, was zu tun ist. Und was auf keinen Fall.

Wer zunächst ganz naiv die Aussicht in der Abendsonne genießen und fleißig Fotos schießen will, sucht nun vergeblich. Der Wind fegt über die Decks und manchmal trägt er Regen im Gepäck. Man sucht nach windschattigen Plätzchen, einige versuchen es gar zwischen den Gepäckwagen, andere besetzen die halbe Treppe oder lassen sich im Flur nieder.

Hafen Juist
Empfang mit Regenbogen

Eine Fähre, die an uns vorbeizieht, ist mit euphorisch winkenden Passagieren bestückt. Auch als wir anlegen, winkt man uns vom Deich und von einer segelartigen, begehbaren Skultptur zu. Einen Regenbogen gibt es gratis dazu. Die Sonne scheint wieder, und meine Tage auf Juist können beginnen.

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an die Gemeinde Juist, die meine Reise auf die Insel unterstützt hat.

Kategorien Juist Nordsee

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Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern (siehe Footer).

  1. Hach, die Nordsee ist einfach immer meine Sehnsucht. Die Erinnerungen meiner norddeutschen Kindheit flammen so oft auf, wenn ich Deine Bilder und Artikel sehe…Dankeschön. Christina

  2. Liebe Elke,
    das beginnt schon so herrlich und ja, ich habe Norddeich und die „Kofferwürste“ (diese Assoziation
    hatte ich übrigens noch nie) und das vollgepackte Schiff genau vor Augen. Freue mich auf den Rest! :-)
    LG! Katharina

    • Danke, liebe Katharina! :-) Hast du denn schon mal die Ostfriesische Teestube in Norddeich ausprobiert? Mein Tipp für Wartezeichen vor oder nach der Fährfahrt. Es ist gar nicht weit, nach Norddeich reinzuspazieren. Liebe Grüße, Elke

  3. Zwei Tipps für die zweite Reise:

    1. Wer sich mehr auf die Überfahrt konzentrieren will, als daran zu denken, in welchem Gepäckwagen man seinen Koffer deponiert hat (ooooder einfach schusselig ist ^^), macht einfach ein Handyfoto von Wagennummer und Seite (A oder B) – das erspart viel Verwirrung ;)

    2. Ich bin jetzt zum ersten Mal ab Norddeich geflogen – ein wirklich lustig-absurdes Erlebnis, bei Wetterglück mit tollem Blick auf die Insel und das Watt. Und das für eigentlich lächerliche 15 Euro mehr und weitgehend unabhängig von den Fährzeiten. Unbedingt mal ausprobieren.

    • Cool! Obwohl – Gepäckwagen merken ist ein wirklich tolles Training fürs Kurzzeitgedächtnis. ;-) Und das nächste Mal fliege ich von SPO nach Juist, denn die Zugfahrt dauert zu lang. Und ich vermute, dass das auch nur 15 Euro mehr kostet als mit der Bahn! :-D

    • Ulrich

      Tatsächlich ist der Flug ein ganz besonderes Erlebnis, aber am Ende nur für stramme Fußgänger so günstig. Wer mit der Bahn kommt, braucht sonst ein Taxi zum Flugplätzchen (ca. 10 Euro – immerhin durch Personenzahl zu teilen) und die Pferdekutsche ins Dorf (aktuell happige 14 Euro pro Person).

  4. Pingback: Aufruf an Juister Erinnerungen | Juist Blog

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