Schöne neue Hafenwelt

„Fijne reisje!“, wünscht mir die nette Verkäuferin am Kiosk in Amsterdam Schiphol. „Bedankt!“ Mit einem Lächeln versuche ich meine Einsilbigkeit zu kompensieren.

So fallen meine rudimentären Sprachkenntnisse nicht gleich auf. Denn in Holland quatschen mich traditionell alle in der Landessprache an. Und das ständig. Doch beim modischen Mann am Bahnsteig muss ich passen, manchmal verstehe ich gar nichts.

Also oute ich mich ausnahmsweise und antworte auf Englisch. Dafür hilft er mir bei der Gleissuche, obwohl ich schon längst richtig stehe. Für den Schnellzug nach Rotterdam.

Es dauert nicht lange, bis ich die erste Mühle in der flachen Wiesenlandschaft entdecke. Und es ist ein bisschen wie Heimkommen, obwohl ich nach Rotterdam fahre. Das erste Mal in meinem Leben. Dabei steht die Hafenstadt schon länger auf meiner Liste.

Damals in Düsseldorf: Es kommt ein Schiff aus Rotterdam...

Als ich noch im schönen Düsseldorf wohnte und die Lastkähne auf dem Rhein vorbeiziehen sah, kam jedes Mal die große Sehnsucht. Ich wollte mit einem von ihnen nach Rotterdam fahren, in Slowmotion den Fluss entlang. Richtung Meer.

Jetzt stehe ich mitten in Rotterdam, doch kein Rhein weit und breit! Wie kann sich ein so großer Strom in Luft auflösen? „Da ist Rheinwasser drin“, beruhigt mich Tie Schellekens. Wir fahren parallel zur Maas, die sich vor Rotterdam mit dem bereits geteilten Rhein trifft. Beruhigt schaue ich aus dem Fenster.

Auf dem Weg nach Maasvlakte, der Maasebene, zeigt uns Rotterdam sein industrielles Gesicht. Kräne, Kühltürme, Schlote, Rauch. Tie kennt jeden Teilbereich der Anlagen, denn sein Arbeitgeber heißt „Port of Rotterdam“ und gilt als größter der Stadt.

Auf Sand gebaut: Maasvlakte 2, der Hafen der Zukunft.

Der Hafen will weiter wachsen, darum entsteht für das Projekt Maasvlakte 2 neues Land an der Küste. Mithilfe von Spezialschiffen, sogenannten Hopperbaggern, wird punktuell Sand aus den Tiefen der Nordsee gesaugt und zur Bildung einer künstlichen Halbinsel ausgespien.

Ich stehe also auf Sand. Im Jahre 2033 sollen fleißig Container verladen werden, wo wir heute auf leere Flächen schauen. 2000 Hektar neues Land. 2000 Hektar für Industrieanlagen und Infrastruktur. Der erste Teil von Maasvlakte 2 ist bereits fertig und ging dieses Jahr in Betrieb.

Überrascht waren die Macher von dem regen Interesse an FutureLand. Dort sind wir nun, im Infocenter von Maasvlakte, und lassen uns die schöne neue Hafenwelt erklären. Wundern uns, als wir plötzlich vor einem drei Meter hohen Mammutbein stehen.

In 2030 ist Maasvlakte 2 fast fertig.

Ein Teil des Hinterbeins, der Oberschenkel, wurde aus den Tiefen des Nordseebodens geborgen. Weil die südliche Nordsee nämlich vor 10.000 Jahren nicht existierte. Stattdessen steppten wollhaarige Mammuts und anderes Getier durch ein Gebiet, das „kalte Serengeti“ genannt wird. Hier, wo wir stehen.

Bei den Tiefenbohrungen stoßen die Hopperbagger immer wieder auf Knochenreste, die ausgespuckt und gesammelt werden – zur Freude der Paläontologen. Wie groß war wohl die Begeisterung über ein Stück versteinerten Hyänenkots – schlappe 30.000 bis 40.000 Jahre alt!

Um wieder ins Hier und Jetzt zurückzukehren: Natürlich wollen wir wissen, welchen Einfluss die Bohrungen und die Aufschüttung auf die Natur haben. Momentan wird Schlamm freigesetzt, der das Wasser eintrübt. Zudem ändern sich die Strömungen rund um das Neuland. Und das alles wird beobachtet.

Vom Wasser aus wirkt jeder Hafen wunderschön.

Mehr erfahren wir nicht. Wohl aber, dass gleich hinter dem Hafen mit seinen Containern und Chemieanlagen auch ein acht Kilometer langer Strand entsteht. Vor allem Surfer und Segler sollen dort willkommen sein.

Wir trinken einen Kaffee auf der Terrasse von FutureLand. Gerade legt eine Fähre an, die den Besuchern das Projekt von der Seeseite aus näher bringt. Wir haben die Ehre, mit dem offiziellen Port-of-Rotterdam-Boot zurück in die City düsen zu dürfen.

Und dort zu sitzen, wo sich schon Kanzlerin Merkel, Willem Alexander als Prinz und Sängerin Gloria Estefan niederließen. Normalsterbliche können übrigens während der Welthafentage einen Trip mit dem seetauglichen Katamaran gewinnen.

Der Kapitän und seine lustige Crew.

Unser Kapitän heißt Piet und mag Gloria Estefan. Wie der Rest der Mannschaft ist er guter Laune, wenn nicht gar ganz Rotterdam. Zumindest ist das mein Eindruck der nächsten Tage. Sind wir es? Ist es der Sommer? Oder das maritime Leben?

Die geballte Ladung von Industrieanlagen scheint jedenfalls niemanden trübselig zu stimmen. Vielleicht, weil sie sich über die 40 Kilometer Richtung Maasvlakte verteilen? Alles, was wir bislang vom Bus und aus der Ferne gesichtet haben, zieht bei der Fahrt über den Nieuwe Waterweg und die Nieuwe Maas live an uns vorbei.

Langsam nähern wir uns den Hochhäusern der City, der Erasmusbrücke, den im Abendschein glitzernden Fassaden. „Rotterdam ist die schönste Stadt Hollands“, wird uns am gleichen Abend ein Rotterdamer sagen. „Die einzige, die lebt.“

Und vom Wasser aus ist sie einfach am schönsten, denke ich. Aber dazu später mehr.

Unter der Erasmusbrücke in Rotterdam.

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an Rotterdam Marketing und das Niederländische Büro für Tourismus & Convention, die diese „fijne reisje“ ermöglicht haben.

  1. Pingback: Der reisende Wochenrückblick | Luxushotel-Tester

  2. Oh, Elke,
    du schreibst so schön und spannend. Bei uns entsteht eine neue Stadt in den ehemaligen Häfen, dort entstehen neue Häfen. Ich verfolge dich seit wir uns kennen gelernt haben.
    Das Hafenkind

    • Danke, liebe Hanne! Das freut mich natürlich sehr. Und Häfen, ja, die haben einfach etwas Magisches. Du weißt das besser als ich…

  3. Ein toller Artikel über Rotterdam und ein unglaublich schönes Foto der Erasmusbrug 🙂

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