Mit dem Rad durch Rotterdam

Ein ungewohntes Geräusch schallt vom Wasser zu uns hinüber. Aufgeregt klingt es. Wir sind mit den Rädern vom Zentrum nach Delfshaven gefahren, die bei Rotterdam lebende Simone und ich. Ein Stück die Nieuwe Maas entlang, dann nach rechts. Nun kracht ein raumfüllendes Schnattern in die Wochenend-Idylle. Der Hund auf dem Boot ist davon ebenfalls irritiert, denn er hat nichts zu vermelden. Es ist eine Gans, die erhobenen Hauptes um die Ecke düst.

Herrchen naht auf einem Beiboot! Die Gans drängt den Hund beiseite und scheint die Rückkehr des Mannes an Bord zu feiern. Oder ist sie hungrig? Jedenfalls bekommt sie gleich ein Stück Salat, während der Hund zunächst leer ausgeht. Amüsiert schauen wir uns im alten Hafen um. „Von hier aus zogen die Auswanderer einst über England nach Amerika“, erzählt Simone.

Immer an der Maas entlang

Doch alles begann schon viel früher. Delfshaven diente eigentlich seit 1389 der Stadt Delft als Hafen. Heute gehört es zu Rotterdam und wirkt wie einer jener holländischen Bilderbuch-Orte. Wasser, Boote, Backsteinhäuser. Doch das ist nicht alles, es gehört ein ganzer multikultureller Stadtteil dazu. Und allein Delfshaven vermittelt schon einen Eindruck davon, wie vielschichtig Rotterdam ist.

Es gibt das neue, alte, maritime, innovative, industrielle, idyllische, pulsierende, nachhaltige und das kreative Rotterdam. Die Stadt der vielen Gesichter. Die Stadt der Schiffe und Wassertaxis. Oude und Nieuwe Maas, ein Rheinarm, Rotte und Hollandse Ijssel durchziehen das Stadtgebiet, mal ganz abgesehen von den Kanälen und Häfen.

Das Meer liegt ums Eck.

Dreißig Kilometer ist Hoek von Holland entfernt, der Strand der Rotterdamer. Mit dem Rad etwa anderthalb Stunden, immer schön die Maas entlang. Rotterdam ist eine Hafenstadt, und Hafenstädte blicken immer in die Ferne, voller Sehnsucht nach dem Meer. Hafenstädte zelebrieren ihre Offenheit und Weltläufigkeit.

2015 war ich zum ersten Mal hier, fasziniert von Rotterdams Vielfalt am Wasser. Beim zweiten Mal fühle ich mich schon wie zu Hause. Vielleicht liegt es auch am Radfahren, das ich liebe, und das in Rotterdam so leicht fällt. Vor der Tour mit Simone nach Delfshaven war ich am Tag zuvor schon mit Gritta unterwegs, eine weitere Deutsche in Rotterdam.

Bereut hat sie den Wegzug aus Berlin nie. Wir treffen uns am Schieblock, einem verlassenen Bürohochhaus, das durch engagierte Leute wiederbelebt wurde. Die Stadt gab zunächst das OK für eine Zwischennutzung. Die Kreativen zogen ein, und heute sieht es so aus, als könnten Firmen wie Urban Guides oder „Op het dak“, der Dachacker mit Urban Farming und einem Café über den Dächern der Stadt, dort für immer bleiben.

Op het dak

Auch untenherum ist Neues entstanden. Etwa die Luchtsingel, ein Weg in luftiger Höhe. Pate gestanden hat hierfür auch ein bisschen die New Yorker High Line, eine ehemalige Hochbahntrasse, die nun als grüner Spazierweg genutzt wird. Allerdings wurde die Luchtsingel neu gebaut, aus Holz, gestrichen in der Signalfarbe gelb.

Alles unter sich lassen

Das zu großen Teilen durch Crowdfunding finanzierte Projekt entstand aus einer Initiave der Rotterdamer Architekten ZUS. Die Namen der Spender sind auf den einzelnen Latten zu lesen. Mit 25 Euro war ein Rotterdamer dabei, 17.000 kamen fix zusammen. Über drei Achsen, die in einem Kreisel münden, schafft die Luchtsingel nun eine 390 Meter lange Verbindung für Fußgänger zwischen Delftsehof, Pompenburg Park und dem stillgelegten Bahnhof Hofplein. Keine Autos, keine Ampeln, keine Hindernisse.

In die Bögen des alten Bahnhofs zogen Restaurants ein, das Dach steht zur öffentlichen Nutzung frei. Im Pompenburg Park wird gemeinschaftliches Gärtnern großgeschrieben. So funktioniert die Brücke nicht nur als bindendes Glied zwischen Zentrum und Rotterdam-Nord, sondern führt gleichzeitig zur Wiederbelebung ungenutzten Terrains.

Gritta und ich radeln weiter zur neuen Markthalle, deren Form zu Beginn die Gemüter erregte. Inzwischen hat sie sich zum wahren Besuchermagneten entwickelt. Eine Markthalle muss nicht zwingend eckig gebaut werden, dachten sich die Architekten des Rotterdamer Büros MVRDV, und so abgerundet und computergestylt hat die Architektur wenig mit den grazilen Glas-und-Stahl-Gebäuden des 19. Jahrhunderts zu tun. Und noch weniger mit filigranen Neuschöpfungen wie der Markthalle der norwegischen Snøhetta im Oman.

Obst im All

Da das Rotterdamer Gebäude mit einer Doppelfunktion aus Wohngebäude und Halle konzepiert werden musste, konnte nur eine massive Lösung helfen. Das Halbrunde lockert in Kombination mit den Glaswänden die Massivität. Wohneinheiten strukturieren die Außenhaut, Menschen sitzen auf Balkonen in der Sonne, insofern die Balkone tief genug sind. Das werden sie nach oben hin zu den teuren Dachwohnungen, die sogar transparente Flure mit Blick in die Markthalle haben sollen. Von unten ist das nicht zu erkennen.

Die Foodgarage

Mehr als ein normaler Markt darf die Markthalle als Foodtempel gelten, in dem man sich um die Welt schlemmen kann. Vor allem fürs Lunch ist sie daher beliebt. Und bei Touristen, die ehrfurchtsvoll an ihren Wänden hochblicken. Denn weniger die Früchte der Stände, sondern ihre überdimensionierten Pendants im Wandgemälde von Arno Coenen & Team ziehen die Aufmerksamkeit auf sich. Schwerelose Himbeeren, Sonnenblumen und Fische, die in ihrem eigenen Kosmos schweben. Verkehrte Welt, wunderbar.

Eine Riesenschnecke kriecht über ein Blatt. Wie ungewöhnlich, sie einmal von unten zu betrachten. Dazwischen immer wieder regionale Bezüge wie die Laurenskirche oder artfremde Dinge wie ein Flugzeug. In diesem Kosmos scheint alles möglich zu sein, nur der Mensch kommt nicht vor, jedenfalls nicht direkt. Denn der Mensch steht ja unten, als Betrachter. Freundlich lächelt mich eine Kuh an.

Verkehrte Welt

Natürlich fasziniert mich die Foodgarage auch als Architekturstück, dieser Gegensatz aus stabiler Hufeisenform und luftigen Glasfassaden. Und diese Art dieser Überdimensionierung, das ist beiden gleich, dem Gebäude wie Wandgemälde. Schwer vorzustellen, das genau hier ein paar Warften in die Höhe ragten, auf denen die ersten Rotterdamer längs der Rotte ihre Hütten bauten. Mehr Gestalt nimmt die Geschichte an, wenn man in das Parkhaus hinab fährt und die Funde auf jeder Etage studiert, hier, am Geburtsort der Stadt.

Das Futtern in der Foodhall verschiebe ich auf den nächsten Besuch, denn ich bin mit der Niederländerin Anne verabredet, die von einer kleinen Insel in die Großstadt gezogen ist. Und Rotterdam liebt. Natürlich fahren wir Rad! Sie zeigt mir zunächst den „Dobberend Bos“, den Schwimmenden Wald im Rijnhaven von Rotterdam. Der Künstler Jeroen Everaert demonstriert hier mit wissenschaftlicher Unterstützung, dass man eine Stadt auch vom Wasser her begrünen kann. 20 junge Ulmen wurden in ausrangierte Bojen gepflanzt. Alles ist so konstruiert, dass die Bäume sechs Meter hoch wachsen können, nicht umkippen und immer ausreichend mit Wasser versorgt sind.

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Wir radeln auf die andere Seite des Rijnhavens, unser Ziel ist die angesagte „Fenix Food Factory“. Hier scheint halb Rotterdam in der Sonne zu sitzen, zu futtern, zu reden oder einfach aufs Wasser und das legendäre Hotel New York am anderen Ufer zu schauen, das selbstbewusst der modernen Skyline trotzt. Auch in der Factory mischen sich Alt und Neu auf befruchtende Weise: Das ehemaliges Warenhaus auf der Halbinsel Katendrecht ist zum Hotspot der Rotterdamer avanviert.

Und weil auf den Sonnenplätzen vor dem hippen Hallenwunder an Tagen wie diesen alles besetzt ist, orientieren wir uns in Richtung „Posse“, einem Vintagelokal, das ich schon von meinem ersten Besuch in Rotterdam kenne. Inzwischen gibt es hier nicht nur starken, dunklen Kaffee, sondern auch leckere Salate und andere Kleinigkeiten.

Mal kurz zu „Posse“.

Mein Rad stelle ich später am Hotel New York ab, wo eine öffentliche Wiese mitsamt Liegestühlen eifrig genutzt wird. Von dort geht es nämlich mit dem Wassertaxi zur ehemaligen Rotterdamsche Droogdok Maatschappij (RDM) im Hafengebiet. Wo einst Schiffe wie die formschöne „SS Rotterdam“ gebaut wurden, tüfteln heute Studenten und innovative Firmen an Materialien und Konzepten für die Zukunft.

Würdet ihr in einem Gewächshaus wohnen wollen? Ich habe mir hinter dem RDM nämlich eines angesehen, in dem eine Familie seit drei Jahren lebt. Zufällig habe ich dabei auch die Gartenstadt Heijplaat entdeckt. Demnächst die ganze Story!

P.S.: Wer mit Wasserbus statt Wassertaxi zum RDM fährt, kann übrigens das Rad mitnehmen.

Text und Fotos: Elke Weiler

Aloha!

Und noch ein Tipp in Sachen Upcycling:
Im ehemaligen Tropicana-Schwimmparadies (Maasboulevard 100) haben sich nicht nur einige Start-Ups zusammengefunden und die Blue City kreiert. Ich habe dort in der „Aloha Bar“ diniert, die sich auch perfekt für einen Borrel (niederländische Aperitif-Zeit) eignet. Bester Blick aufs Wasser!

Mehr über Rotterdam lesen: Meine persönlichen Highlights, der schon legendäre Dachacker und weitere Urban Farming Projekte sowie ein Ausflug nach Maasvlakte, dem neuen Hafen von Rotterdam.

Mit Dank an Rotterdam Partners, die diese Reise ermöglicht haben.

Noch mehr lesen?

  1. Wir sammeln gerade Material für eine WoMoReise entlang der Nordseeküste. Rotterdam, so wie du es darstellst, war bisher noch gar nicht auf unserem „Schirm“. Vielleicht hätte der Reisebegleiter Zufall uns ebenfalls an die Plätze des neuen Rotterdam geführt. Vielleicht wäre unser Fokus aber auch nur am alten Rotterdamer Hafen hängen geblieben. Wer weiß das schon.
    Danke Schön.

  2. Hach, was war es doch schön mit Dir durch Rotterdam zu radeln liebe Elke. Ich hoffe, demnächst finden wir Zeit für eine längere gemeinsame Tour. Ich habe noch so viele Radtour-Ideen rund um Rotterdam :-)
    Liebe Grüße, Simone

    • Jajaja! Wir hatten definitiv zu wenig Zeit! Freu mich schon aufs nächste Mal. Dann kombinieren wir Radfahren in Rotterdam mit der nächsten Hausboottour.:-) Liebe Grüße, Elke

  3. Schöner Beitrag über unser Nachbarland und die Stadt Rotterdam.
    Waren auch sehr schöne Bilder bei. In den Niederlanden war ich auch schon oft, habe aber auch meinem eigenen Blog noch keinen Beitrag darüber veröffentlicht. Vielleicht mach ich das aber noch. Danke für den schönen Beitrag.

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