Finde den Bäumchenröhrenwurm!

Sobald ich auf einem Fahrrad sitze, ist die Welt in Ordnung. Und auf Juist ist es quasi ein Muss. Ich nehme Kurs Richtung Westen, um von der Spitze der Insel nach Borkum hinüber winken zu können. Mein Ziel ist die Bill, ein Sandriff in rundlicher Form und der älteste Teil von Juist.

Vielleicht hängt der heutige Name mit dem niederländischen Wort „billen“ für Hinterteil zusammen. Während ich mir auf dem Weg entlang der Juister Wattseite den Wind um die Nase wehen lasse, habe ich das Kraftwerk von Eemshaven an der niederländischen Küste im Blick.

Bislang durfte die RWE-Anlage hier nur im Testbetrieb laufen, niederländische Naturschützer konnten Schlimmeres verhindern. Bizarr, dass es mitten im Weltnaturerbe Wattenmeer überhaupt so weit kam. Die reine Luft auf der Insel steht im Widerspruch zu dem, was aus den Schloten des Kraftwerks gespuckt wird.

Das Marschland von Juist
Marschland

Ich liebe das Watt, seine Lebhaftigkeit und die Ruhe. Den intensiven Duft des Meeresbodens.

Juist hat eine laute und eine leise Seite, und ich mag sie beide. An der Bill treffen sie sich, die tosende Nordsee und das musikalische Watt. Gefüllt vom täglichen Konzert der Vogelstimmen. Bevor ich zum Treffpunkt beider Teile gelange, lege ich einen Boxenstopp ein.

Der Rosinenstuten

Und zwar in der Domäne Bill. Domäne? Eine Ableitung aus dem französischen Domaine, und scheinbar gebräuchlich als Begriff für Landgut in Ostfriesland. Die eingedeichten Flächen wiederum werden hier Polder genannt, also genau wie beim niederländischen Nachbarn.

Domäne Bill
Auf zur Domäne Bill

In Nordfriesland und Dithmarschen hingegen sprechen wir von Koog statt von Polder. Marschland, das durch Entwässerung gewonnen wurde. Ich steige vom Rad, denn vor mir liegt die Domäne Bill. Die Sonne scheint, die Luft ist frisch, doch viele Gäste sitzen trotzdem draußen.

Selbstbedienung. Ich stelle mich bei der Kasse an, während es verteufelt gut nach Herzhaftem riecht. Doch das Restaurant ist zu berühmt für seinen Rosinenstuten, deshalb bleibt mir keine andere Wahl, ich muss es tun.

Der Stuten hat Ausmaße, die eine ganze Familie satt machen würden! In der klassischen Version wird er mit Butter gereicht, doch Käse oder Marmelade als Beilagen sind auch möglich. Völlig überflüssig im Übrigen. Das fluffige, leicht warme Stück braucht nicht mehr als ein bisschen Butter. Und es verflüchtigt sich leider schneller, als die Polizei erlaubt.

Rosinenstuten, hmmmmm!
Rosinenstuten, hmmmmm!

Schade um den leckeren Fruchtaufstrich aus Hagebutten – noch so eine Neuentdeckung für mich in Ostfriesland. Gestärkt nehme ich den Kurs zum Sandriff wieder auf, muss irgendwann das Rad abstellen und zu Fuß weiter spazieren. Rundherum alles unter Naturschutz.

Lieblingsort Sandriff

Zweifelsohne bin ich in der Wüste von Juist gelandet. Je weiter ich über den Sand laufe, desto heimischer fühle ich mich, erinnert mich diese Stelle doch am meisten an den Strand von St. Peter-Ording. Auf der einen Seite kann ich die Vogelinsel Memmert und die Kachelotplate erkennen, eine Sandbank und die Heimat von Kegelrobben und Seehunden. Direkt gegenüber Borkum.

Genau hier ist es. Ich habe meine Lieblingsstelle auf Juist gefunden. Der weiße Sand, der Horizont und das blaue Meer. Zwar sind auch auf dem Sandriff ein paar Leute unterwegs, denn die Insel ist wahnsinnig beliebt an Feiertagen wie diesen. Doch hier ist die beste Stelle, um sich allein in den Weiten der Natur zu fühlen.

Genau wie im Watt. Ich treffe Jens Heyken im Nationalpark-Haus, und gemeinsam mit ein paar anderen Gästen steuern wir den Deich an. Ich ziehe meine Schuhe aus und lasse sie an der steinernen Böschung liegen, einige schreiten mit Gummistiefeln weiter voran.

Der Meeresboden quatscht unter den Fußsohlen, ein herrlich weiches und warmes Gefühl. Regelrecht aufheizen würde sich das Watt im Sommer, meint unser Guide und Leiter des Nationalpark-Hauses. Da müsste man manchmal schon aufpassen, dass es nicht zu heiß unter den Füßen wird.

Barfuß im Mischwatt
Barfuß im Mischwatt

Wie ich so über den glitzernden Boden laufe, fällt mir auf: Jede Wattwanderung ist anders. Zwar habe ich auf Juist alte Bekannte wiedergetroffen, darunter den Wattwurm, dessen zahlreiche Hinterlassenschaften kleine Haufen aus taupefarbenen Spaghetti bilden. Der reinste Sand überhaupt – gut gefiltert vom Wurm.

Wurm mit Röhrenhaus

Oder jenes winzige Wesen, die gemeine Wattschnecke. Höchstens sechs Millimeter groß, aber die schnellste Schnecke der Welt. Läuft die Flut auf, streckt die Wattschnecke ihren „Schleimfloß“ aus und heftet sich damit unter die Oberfläche des Wassers. Jeder Windsurfer ein Witz dagegen!

Ganz zu schweigen von der Herzmuschel, die sich – einmal ausgegraben – mit unsichtbarer Kraft wieder unter die Erde schaufelt. Wattführer Jens hebt sie hoch und zeigt uns ihr kleines Geheimnis, einen Grabfuß, mit dem sie sich flugs wieder einbuddelt.

Austernfischer stehen auf Herzmuscheln, die nicht bei drei im Boden verschwunden sind. Bei Ebbe sieht man die Vögel im Watt herumstochern und nach Nahrung suchen, doch wir hören nur einen von ihnen trillernd durch die Luft fliegen.

Und dann begegne ich ihm, jenem Typen mit dem lustigsten Namen im ganzen Watt. Jedenfalls hatte ich vor Juist noch nie etwas vom Bäumchenröhrenwurm gehört, geschweige denn über seine sandige Außenhülle gestrichen, die sich wie Schmirgelpapier anfühlt.

Jene Sandröhren ragen ein paar Zentimeter aus dem Boden heraus und sind am Ende leicht zerfleddert wie ein Gebilde aus dünnen Ästen. Das Ganze mag an eine Mini-Palme erinnern. Mit seinen Tentakeln kann der Wurm Nahrung aufnehmen oder Baumaterial für eine neue Röhre heranschaffen.

Bäumchenröhrenwurm
Bäumchenröhrenwurm, berüchtigt

Als Jens Heyken den Wurm in die Luft hebt, rutscht der Arme ein Stück aus seinem Häusle heraus. Rosarot und nackt sieht er aus. So verletzlich. Einmal hatten sie im Nationalpark-Haus beobachtet, wie schnell sich der Wurm eine neue Röhre bauen kann, nur wenige Stunden dauert das.

Auf dem Rückweg sehe ich die Kieselalgen, trete auf den Sandkot der Wattwürmer und finde Pulks von Schnecken. Dass es in dieser auf den ersten Blick so unscheinbar wirkenden, grauen Sand- und Schlickmasse so viel Leben gibt, grenzt schon an Wunder.

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an die Gemeinde Juist, die meine Reise auf die Insel unterstützt hat.

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  1. Ich sollte mal wieder ins Watt. So einen Bäumchenröhrenwurm möchte ich auch mal kennenlernen 🙂
    Liebe Grüße aus der holländischen Nachbarschaft

    • Ja, liebe Simone, mach‘ das mal! Aber nur barfuß, das macht mehr Spaß. 😉 Liebe Grüße zurück!!!

  2. Wie schön 🙂 Ich habe zuletzt als Kind eine Wattwanderung gemacht. Wird mal wieder Zeit! LG Franzi

    • Ich bin ja auch der Meinung, man sollte einmal im Jahr eine Wattwanderung machen. Minimum!!! 🙂 Liebe Grüße von der Küste!

  3. Oh Mann, wenn ich diesen Stuten sehe, läuft mir direkt das Wasser im Munde zusammen…

  4. Andreas

    Moin Elke,
    ich fahre vom 4.-31.7. mit dem Rad die ganze Strecke am Wattenmeer entlang von Dänemark (Esbjerg/Blavant) bis Holland (Texel) und komme dabei auch durch Sylt und St. Peter. Das wird eine Geburstagsfahrt zum Naturerbestatus des Wattenmeeres seit 2009.
    Wer Lust hat, kann gerne (vielleicht auch nur ein Stück) mitfahren. An den einzelnen Stationen gibts dann interessante Aktionen.
    Ich war gerade auf der Suche nach Nordsee Blogs und bin da auf deinen gestoßen. Den finde ich toll !
    Viele Grüße und schöne Pfingsten
    Andreas

    • Danke, Andreas, das freut mich total! Und die Idee, die komplette Strecke mit dem Rad abzufahren – super!! Ist das deine Privatinitiative? Was schätzt du, wann du in St. Peter bist? Liebe Grüße und dir auch schöne Pfingsten!!

  5. Wattwanderungen macht man auf Juist mit Heino, sonst hat man das Beste verpasst! Der Mann ist vielleicht sogar noch ein kleines bisschen mehr Kult als der Stuten.

  6. Tanja Kauffeld

    Bitte schick‘ mir regelmäßig den Meerblog-Newsletter! Danke!

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