Nordsee St. Peter-Ording

Kopflos im Watt

Wattwanderung

Die Frau neben mir läuft barfuß durch den Schlick: “Man spürt jede Muschel unter den Fußsohlen.” Auch die Wattführerin läuft ohne Gummistiefel. Kein Problem. Es ist warm genug, und das Erlebnis “Spaziergang über den Meeresboden” ist so noch intensiver.

“Pro Tag verschiebt sich der Flutberg um zirka 50 Minuten”, erklärt die junge Wattführerin von der Schutzstation in Sankt Peter Ording. Und dann die Frage: “Können wir hier nächste Woche um diese Zeit auch laufen?” Allgemeines Kopfschütteln.

Wir ziehen hinaus aufs Watt, stapfen durch den Schlickboden des Mischwatts, der unter den Füßen quatscht und platscht. Bis zu den Knöcheln sinken alle ein.

Eine Sechsjährige sucht Schutz auf den starken Schultern des Vaters, der jetzt auch gerne die Harke der Wattführerin zur Unterstützung im wabbeligen Untergrund entgegennimmt.

Der Meeresboden lockt.

Unsere Wattkennerin hält eine Herzmuschel in der Hand und erzählt von den Möwen, den Fressfeinden der Muschel. “Die Möwe ist sich zu fein, um mit dem Schnabel im Matsch zu bohren.”

Aber wie kommt sie dann an ihren Snack? “Sie tritt einen kleinen Wasserkanal zwischen ihren Füßen frei, darin schwimmen ein paar Muscheln. Voilà die Bouillabaisse!”, erklärt die Expertin.

Nach und nach erfahren wir alles über das pulsierende Leben im Watt. Über surfende Wattschnecken, die schnellsten der Welt. Über das Filtern der Nordsee durch die Herz- und Miesmuscheln.

Das Ab- und Bewässerungssystem durch die Priele. Das hohe Alter der Sandklaffmuscheln, die meist in den Prielen mit dem spitzen Ende nach oben stehen und für die nackten Füße der Wanderer eine Gefahr darstellen.

Krabbe angucken und wieder entlassen.

Die Kinder dürfen mit kleinen Sieben fischen, was im Priel kreuscht und fleuscht: Garnelen, Krabben, Flohkrebse, Seeringelwürmer, das Ei eines Rochens.

Beim Vorführen versucht die Krabbe der Wattführerin in den Finger zu zwicken. Zurück im Glas macht sie Jagd auf die Garnelen. Dann dürfen alle Tierchen wieder zurück in den Priel.

Wir stapfen zu den Wattwürmern, die zu Hunderten ihre kleinen Sandkothaufen auf der Oberfläche hinterlassen haben. Jetzt kommt die Harke wieder zum Einsatz, denn unsere Wattführerin möchte uns die Physiognomie des kleinen Wurms und sein Treiben im Watt erläutern.

Aber die Würmer scheinen zu streiken. Jede Suche im ausgegrabenen Teil des Schlicks ist ergebnislos, beziehungsweise endet mit einem Aufschrei: “Geköpft!”

Viel los heute.

Ein Kurzkrimi im Watt. Endlich finden wir einen intakten Wurm, der aber leider schon das Zeitliche gesegnet hat. Die Borsten, mit denen sich das eifrige Tierchen ins Watt gräbt, sind genau zu sehen.

Auch seine Lebensversicherung, das Schwanzende, das er zur Not abwerfen kann, sollte einmal ein Vogel reinbeißen.

Wir lassen die Wattwurmzone hinter uns und steuern zurück ans trockene Land, wo alle Füße und Gummistiefel erst mal gesäubert werden müssen.

“Was für ein samtweiches Gefühl!”, freut sich eine Barfußwanderin nach der kostenlosen Wellness-Schlickpackung und der Fußreflexzonenmassage. Pech für alle Gummistiefelträger!

Text und Foto: Elke Weiler

Autor

Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern.

4 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Avatar Theo sagt:

    So eine Wattwanderung haben wir auch schon mal mitgemacht. Das war recht interessant. Bei uns gab es auch den einen oder anderen, der Barfuss gelaufen ist. Ich habe jedoch die Gunnistiefel vorgezogen. Aber egal ob mit Gummisteifel oder ohne, schön war es allemal.

  2. […] Ja, das haben fast alle, die in Norddeutschland zur Schule gegangen sind, mindestens einmal gemacht. So auch ich. Aber das ist viele Jahre her und Wattwandern ohne die Bocklosigkeit einer Schulklasse um mich herum zu spüren, sondern aus freien Stücken und mit im nassen Sand vergrabenen Zehen, die Kamera in der Hand, das würde mich nicht nur aus fotografischer Perspektive reizen. Auch Elke vom Meerblog hat das Wattwandern schon einmal für sich entdeckt. […]

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