Åland Finnland

Picknick im Advent

Wir haben Glück. Noch drei Tagen voller Wind und einer aufgewühlten Ostsee ist Ruhe ins Archipel eingekehrt. Grau der Himmel, grau das Meer, doch ein lichter, fast blauer Streifen am Horizont macht uns Hoffnung. Vilhelm Holmberg, kurz Ville genannt, wartet schon mit „Lisa Marie“ im Hafen, um uns den Schärengarten vor Mariehamn zu zeigen.

Der ehemalige Polizist hat sich 2016 als Anbieter von Bootstouren selbstständig gemacht, nachdem er auch zuvor ständig durchs Archipel cruiste, wenn Zeit dafür war. Im letzten Jahr kam dann „Lisa Marie“ hinzu, ein Alu-Boot mit Bugklappe für einen bequemen Einstieg. Fast täglich ist er nun zwischen den tausenden Inseln Ålands unterwegs. Und es scheint ganz so, als kenne er jeden Stein im Archipel, jede Geschichte, jeden Menschen, der hier lebt oder arbeitet.

Ville hat sich einen Traum erfüllt.

Der 48-Jährige kann nämlich nicht lange ohne Meer sein. Einmal hat er zusammen mit seiner Familie Lappland besucht. Überall nur Wald, Tundra, Fjäll – nichts für ihn. „Ich könnte nirgendwo leben, wenn es weit vom Meer entfernt ist“, meint er, die Ruhe selbst, ein Fels in der Brandung, während das Boot über die zunächst flachen Wellen fliegt. Mit 24 Knoten zieht „Lisa Marie“ durchs Archipel.

Der erste Stopp

Ein Spezialdesign, an dem Ville mitgewirkt hat, damit es ganz auf seine Bedürfnisse und die Verhältnisse im Archipel zugeschnitten ist. Bis auf einen einsamen Surfer im Neoprenanzug sind wir weit und breit die Einzigen auf dem Wasser. Noch sind alle Häfen gut zugänglich, doch Ville kann sein Boot in den Westhafen bringen, falls am Anleger beim Sjökvarteret im Winter Eis treiben sollte.

Doch dieser Dezembertag, es ist der erste Advent, erscheint mir geradezu mild. Im Süden des Schärengartens gehen wir bei Rödhamn an Land. „In Åland kannst du überall an Land gehen“, meint Ville. Natürlich müsse man seinen Müll später einpacken, das sei ein ungeschriebenes Gesetz hier und jeder halte sich daran.

Niemand zu Hause.

Ville klappt den Bug am kleinen Sandstrand der Insel Langö aus, so dass wir trockenen Fußes die Insel erreichen. Blanker Fels, wie geschliffen, und falunrote Holzhäuser, so habe ich Åland schon im Sommer letzten Jahres erlebt. Die Einsamkeit in Havsvidden, ganz im Norden des Archipels. Ich habe Rapawiki kennengelernt, den rötlichen Granit von Åland.

Heide, die aus Steinritzen wächst. Windschiefe Kiefern. Moos, das wie eine weiche Decke auf dem Stein liegt.

So viele der Inseln sind unbewohnt, auf einigen wurden im Sommer Schafe gehalten, hat Riita erzählt. Sie stammt aus Tampere, ist mit einem Åländer Künstler verheiratet und lebt seit über 20 Jahren in Mariehamn. Von ihren Mädels ist eines bereits ausgezogen und studiert in Malmö. Meist gehen die jungen Åländerinnen allerdings nach Stockholm.

Während Riita und ich einen Spaziergang über die Insel machen, um auf der anderen Seite aufs offene Meer zu schauen, trägt Ville geheimnisvolle Dinge aus dem Boot ans Ufer. Wir sehen eine der Fähren, die langsam am Horizont entlang kriecht. Bald wird sie in die enge Passage nach Mariehamn einbiegen, begleitet von einem Lotsen. Ville hat uns alle Lotsenhäuser auf der Karte gezeigt, und selbstredend kennt er auch sämtliche Leuchttürme der Gegend.

Keine Ahnung von Navigation.

Als wir zurück zu den roten Hütten kehren, liegt ein aufgeschlagenes Buch über die Leuchttürme Finnlands auf dem Tisch, der im übrigen recht einladend wirkt. Ville hat nämlich aufgetischt. Würstchen brutzeln auf einem tragbaren Gasgrill, sogar einen Kocher für den Glögg hat der gute Mann mitgebracht. Riita steuert belegte Brote bei – fertig ist das Dezember-Picknick in Åland.

„Perfekt für einen ersten Advent!“, meint Rita zufrieden, nachdem ich meine Passion für Winter-Picknicks im Allgemeinen und auf Inseln im Speziellen kundgetan habe. Es gibt åländisches Bier zu den Hot Dogs sowie die obligatorischen Pepparkakor zum Glühwein – hier in Leuchtturmform! „Und drei Sorten Senf“, meint Rita zu Ville. „Du bist wirklich ein typischer Mann aus dem Archipel.“

Ville tischt auf.

Schon sein Urgroßvater war Leuchtturmwärter. „Das habe ich in den Genen“, meint Ville, diese Leidenschaft für Leuchttürme. Schon vor seiner Selbstständigkeit hat er sich um die Versorgung von Leuchttürmen und ornithologischen Stationen im Archipel gekümmert. Nun vermittelt er all sein Wissen gerne an neugierige Gäste.

Kleine Wellen rollen leise am Strand aus, in der Ferne haben wir ein Reh ausmachen können, das erstaunt zu uns rüber blickte. Wähnte es sich doch allein auf der Insel. In den Sommermonaten ist Rödhamn bewohnt: Eine Familie mit vier Kindern lebt hier und betreibt ein kleines Lokal mit Küche für die Segler und Ausflügler.

All das Leben, wenn die Saison im Mai beginnt, und nun diese wunderbare Stille.

Ville fragt, ob wir noch hinausfahren sollen, zum Leuchtturm Marhällan. Und ob! Da sich die Ostsee weiterhin von ihrer ruhigen Seite zeigt, ist heute alles möglich. „Wir können jetzt bis Schweden fahren!“ Ville lacht. Blau legt sich die frühe Dunkelheit übers Wasser, so dass wir den einsamen Turm leuchten sehen.

Im Halbdunkeln ist er noch mal so schön.

Zwischen Marhällan und Marbådan liegt quasi das Eintrittstor für die Fähren ins Archipel. Und der Weg ist nicht leicht. Ville erzählt von einem gesunkenen Schiff, es gäbe sogar eine Erinnerungsstätte auf einer kleinen Insel in der Nähe des Wracks. Langsam bewegt er das Boot über die Stelle, so dass wir es schemenhaft auf dem Radar ausmachen können.

Wir legen auf der anderen Seite der Insel Hertronklubb an – weil Ville und „Lisa Marie“ es können. Doch der meerumspülte Fels ist rutschig wie Eis, und wir bleiben nicht lange. „Manchmal kommen Verwandte der ertrunkenen Seeleute hierher“, erzählt der Bootsmann. Aber auch Taucher, die nach dem Wrack Ausschau halten.

Wenn die Nacht schon am Nachmittag beginnt.

Man könne natürlich im Sommer auch hier schwimmen gehen, müsse dann aber wegen der Fahrrinne vorsichtig sein. Aktuell habe die Ostsee mal gerade 4,5 Grad Celsius. In der frühen Dunkelheit des Dezembers düsen wir zurück nach Mariehamn, die einzigen weit und breit auf dem Wasser. Kuschelig warm die Fahrerkabine, „Lisa Marie“ ist nämlich beheizbar. Fast wird mir zu heiß unter den Winterklamotten.

Im Hafen verabschieden wir uns von Ville, und ich wünsche schon mal „God Jul“. Irgendwie schwirren mir wieder Ideen durch den Kopf. Im Sommer auf einer einsamen Insel wohnen…

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an Visit Åland & Visit Finland, die meine individuelle Recherchereise unterstützt haben.

Es darf gegrillt werden.

Mehr Wintergeschichten aus Åland? Was ist eigentlich dieses Lillajul? Åland im Sommer – ebenfalls wunderbar. Siehe meinen Roadtrip vom letzten Jahr.

Taxifahrten sowie Entdeckungstouren im Archipel könnt ihr unter Shipland buchen oder Ville bei Fragen kontaktieren.

Autor

Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern.

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