Åland, ein Inselgarten

Wie ein Nest liegt das Holzhaus auf dem Hügel. Schlicht, grau, unprätentiös. Das Schauspiel passiert rundherum, hier in Havsvidden. Das Schöne ist die Natur, vor der es sich zurücknimmt, in demütiger Geste. Und so stelle ich den Koffer rasch im Zimmer ab, wundere mich noch, warum das Fenster nicht zum Meer hinausgeht. Und dann nichts wie hinaus.

Das Nachmittagslicht, so warm, verstärkt die Farbe des rötlichen Granits. Er ist der Rapawiki, auch Åland-Granit genannt. Rot, grün und blau scheinen die Farben Ålands zu sein, das ist schon auf den ersten Streckenkilometern zu beobachten. Die rote Erde, überall Wald, umzingelt vom Meer. Rote Holzhäuser in der leicht welligen, grünen Landschaft.

Kann Stein so schön sein?

Selbst die Straßen schimmern rötlich. Außerdem sind sie in erstklassigem Zustand, kein Gedränge, reduzierte Geschwindigkeiten. Gemütlichkeit bei maximal 90 Kilometern pro Stunde. Die perfekte Inselwelt für Ente Emilia und mich. Wenn sie das heute morgen schon gewusst hätte! Als wir nämlich an der westfinnischen Küste in Naantali zum Fähranleger starten wollten, wollte Emilia nicht so recht.

Zum Glück hatten wir einen kleinen Zeitpuffer in petto. Über eine Stunde lang versuchte ich, die Ente zu starten. Orgelte und googelte. Mit dem Fön sollte ich in den Motor blasen, damit alles schön trocken wird! Die Frage war nur: Wie den Fön zum Auto, oder das Auto zum Fön bewegen? Hilfsbereite Fremde auf der Straße schoben Emilia an.

Wenn Emilia es geahnt hätte!

Es nutzte alles nichts, sie wollte nicht anspringen. Zu feucht, zu kalt war die Nacht wohl gewesen. Mit jedem Startversuch schrumpfte die vorhandene Energie der Batterie. Wir waren längst über der Zeit. Doch genau in dem Moment, als ich die Fährüberfahrt absagen wollte, sprang Emilia doch noch an. Ein Wunder!

Rasch fuhren wir in Richtung Hafen, doch ein Polizist in der Mitte der Straße gab uns ein Signal anzuhalten. Nicht auch noch das! Ich wusste, jeder Widerstand war zwecklos. Artig pustete ich ins Röhrchen, zum Glück ging alles ganz schnell. Er sah das Ergebnis, bemerkte meine Eile, sagte „ok“ und schickte uns weiter. Die kürzeste Kontrolle aller Zeiten!

Auf dem Schiff fängt es an…

Die freundliche Dame am Check-in von Finnlines hatte bereits alles vorbereitet und schien sich sehr zu freuen, dass es bei uns geklappt hatte. Fünf Stunden an Bord relaxen taten nach diesem spannungsgeladenen Start in den Tag gut! Mitten durch den Schärengarten Turkus, der quasi nahtlos in die Ålandinseln übergeht.

Das Meer, so ruhig, so kostbar, so blau.

So friedlich sei es meist hier im Schärengarten, klärte mich der Rezeptionist auf. Als wir schließlich von der Fähre runterfuhren, tat Emilia so, als sei nichts gewesen an diesem Morgen in Naantali. Die Luft an Bord scheint ihr gutgetan zu haben, trocken und warm wie sie war. Und ich hätte die ganze Zeit nur auf dem Sonnendeck sitzen können. Auf Inseln schauen. Mir eine aussuchen. Die Perfekte.

Die perfekte Insel

Die Stunden auf der Fähre flogen dahin, bis wir in Långnäs erreichten, den westlichen Zipfel einer riesigen, zerfransten Landmasse. Über 6.700 Inseln und Schären bilden die autonome Region in der Ostsee, die irgendwie zu Finnland zählt und doch schwedischsprachig ist. Geschliffen und niedergedrückt von den Gletschern der Eiszeit hebt sich das Land jedes Jahr ein Stückchen mehr aus dem Wasser.

Åland wächst um sieben Millimeter pro Jahr. Was ich natürlich nicht spüre, während ich in Havsvidden über den Granit laufe. Im Norden, auf Geta, am oberen Rand der Landmasse stehe ich und blicke aufs Meer. Überall haben sich Pfützen in der Steinlandschaft gebildet, sogar kleine Fische sind manchmal zu sehen.

Let’s jump!

Wie Treppen führen die glatten, roten Steine nach unten, wo das Meer tost und braust und klatscht, nimmermüde. Über Treppen, die nie gleich sind, wandele ich hinab. Und niemals geht man auf exakt dem selben Weg wieder zurück. Wozu auch? Es gibt keine Wege. Ich laufe, suche, laufe weiter, grätsche, klettere ein bisschen, springe. Lasse mich nieder für ein Weilchen.

Nur der Stein, das Meer und ich.

Gegen Abend werden die Farben intensiver, auch das Grün der Moose leuchtet auf. In den Ritzen, die mal flacher und mal tiefer ausfallen, hat sich manchmal Erde angesammelt. Hierher getragen – vom Wind? Es ist, als hätte jemand den Herbst, Heide und Pinien in diesen Steinritzen gepflanzt. Leben wächst aus dem Millionen Jahr alten Stein. Åland, ein Inselgarten.

Ich kann Stunden hier verbingen, könnte Tage hier blieben, in dieser wilden, alten Landschaft. Niemand außer mir geht auf nicht vorhandenen Wegen über die Klippen spazieren. Doch, da! Ein wohlgenährter Hase. Ohne Eile trottet er um die Ecke, verschwindet irgendwo im Dickicht, das so dicht nicht ist.

In irgendwelchen Gängen, die er wohl kaum in den Stein gegraben haben kann. Auch Elche soll es auf Åland geben. Hier und dort warnen zumindest dementsprechende Straßenschilder vor möglichen Zusammenstößen. Ob sie einst von Schweden oder Finnland aus nach Åland geschwommen sind? Schweden liegt näher, doch von Finnland aus wäre Inselshopping möglich.

Der Himmel ist unten.

Zum Abendessen gehe ich ins Restaurant von Havsvidden, es ist das einzige in der Nähe. So kann ich zu Fuß dorthin laufen, kann für den Sonnenuntergang wieder an die frische Luft gehen, kann erneut über Steine klettern, in den Hafen schauen, mit Bäumen reden, Hasen grüßen und mich ein bisschen wie zu Hause fühlen, wenn das Meer singt. Am Ende der Welt.

Text und Fotos: Elke Weiler


Die Havsvidden-Story:
Thorvald und Birgitta Eriksson liebten die Wildheit der Natur im Norden Ålands und wollten diese Liebe teilen. So errichteten sie 1990 die ersten Gebäude im anthroposophischen Sinn. Rudolf Steiners Theorien in Bezug auf Gesundheit und Wohlbefinden drehen sich um positive und negative Energien. Dementsprechend sind sowohl die Räume als auch die Betten gen Osten ausgerichtet, um mit positiver Energie in den Tag zu starten.

Havsvidden, eines der Gebäude

So wie sich die Gebäude gegenüber der Landschaft zurücknehmen, so schön, schlicht und beinah asketisch sind auch die Zimmer ausgestattet. Das Wichtigste in Havsvidden ist die Natur. Die Hütten neueren Datums öffnen sich hingegen weit zur Landschaft und sind auch im Winter beziehbar, während Hotel, Restaurant und Badehaus nur von April bis Oktober in Betrieb sind.

Der Roadtrip:
Bald geht es weiter auf unserem Weg mit Hindernissen: Emilia und ich kehren ohne weitere Probleme zurück nach Finnland, obwohl ich natürlich gerne noch eine Weile auf den Alandinseln geblieben wäre. Wenn nicht für immer.

Ich komme wieder, keine Frage.

Unser nächstes Ziel? Rauma mit seiner Altstadt aus Holz. Weltkulturerbe. Ich führe euch zu zwei Klöpplerinnen, die dort in rasantem Tempo mit Holzstäben herumwirbeln…

Meine Reise nach Finnland und auf die Ålandinseln wurde von Finnlines und Feelgood Erlebnisreisen unterstützt.

Ostseeliebe

Und noch zwei Lesetipps:
Die lieben Kollegen von der Nordic Family haben mal ausprobiert, wie sich das Leben auf einer einsamen Insel in Åland anfühlt – inklusive Baden im Meer, Sauna und zünftigem Hüttenleben!
Åland schmecken könnt ihr bei Michaela von Mahtava: Sie verrät euch, wie man åländische Pfannkuchen zaubert.

  1. Oh, toller Text und ich mag solche tollen Fotos und ich mag Emilia! Wundervoll, Elke!

  2. Hach, wie schön, ich bin nochmal kurz in den Sommer gereist. Vielen Dank für den schönen Text und die Bilder und natürlich die Verlinkung. Geertje von der nordicfamily

  3. Oh Mann, du hast mir richtig Lust auf die Aland Inseln gemacht! Zu meiner Schande muss ich jedoch gestehen, dass ich bis dato von der Existenz der Inseln nichts wusste!
    Liebe Grüße,
    Sabine

    • Das freut mich, liebe Sabine! Weißt du, was mir passiert ist, als ich mal auf der Route Stockholm – Helsinki mit dem Schiff unterwegs war? Es hielt um Mitternacht in Mariehamn, und ich dachte: Das kann doch noch nicht Helsinki sein! 🙂 Zum Glück gab es eine Karte im Zimmer! LG und schönes Weekend!

  4. Pingback: Auf dem Schiff zwischen Stockholm und Helsinki

  5. Liebe Elke!

    Dein Blog löst jedes Mal enorme Sehnsucht bei mir aus ^^ obwohl ich gerade zurück bin aus dem Norden, könnte ich glatt wieder meine Koffer packen! Ich mag deinen Blog wirklich sehr gerne, deine Texte sind so schön und poetisch, mit Emilia und dir würd ich auf jeden Fall auch einmal reisen, stelle es mir sehr abenteuerlich vor 🙂

    lg und freue mich schon auf deinen Bericht aus Rauma, da war ich auch schon mal!

    Tinka

    • Liebe Tinka,

      you made my day! Danke dir!! Emilia ist eigentlich zuverlässig, nur dieses Mal war es etwas spannend. Und wenn dann so eine Kette von Ereignissen passiert, erwartet man irgendwie immer schon die nächste Katastrophe! Aber es geht jetzt ganz friedlich weiter, versprochen! 🙂 Rauma kommt bald. Ich wünsche dir noch einen tollen Tag!

      Liebe Grüße, Elke

  6. Pingback: Bei den Klöpplerinnen im Weltkulturerbe Rauma | Finnland

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