Feste und Traditionen Nordfriesland

Jöölboom, der friesische Weihnachtsbaum

Als ich nach Nordfriesland zog, begegnete ich schon zur ersten Weihnachtszeit dem sogenannten „Jülboog“, dem friesischen Weihnachtsbogen. In Husum fand ich ihn in einer Werkstatt, frisch aus Holz gedrechselt und wie gemacht für die Fensterbank.

Den Kenkenbuum oder Jöölboom, wie er auf Sylt und Föhr genannt wird, gab es schon vor dem Adventskranz und vor dem Siegeszug des Tannenbaums. Zumindest im waldarmen Nordfriesland, wo man auch später noch an ihm festhielt. Eine tolle Erfindung, denn im Prinzip kann das hufeisenförmige Holzgestell nicht nur jedes Jahr wieder verwendet werden, es darf auch zu unterschiedlichen Jahreszeiten entsprechend geschmückt werden.

Wir holen den Bogen mit Fuß, Mittelstange und drei Querstreben zwei Mal pro Jahr heraus: einmal zu Weihnachten, dann an Ostern. Traditionell wickelt man etwas Immergrünes rund um den Bogen, etwa Efeu oder Buchsbaumzweige, und hängt Trockenobst sowie Figuren aus Salzteig an die Querstreben, darunter Adam und Eva mit einem Baum, ein Hund, ein Pferd sowie ein Hahn.

Wie ein schwedischer Wicht den Weg nach Nordfriesland fand

Ein paar Äpfel davor legen, und fertig ist die Fensterpracht, die man früher den winterlichen Dämonen entgegensetzte. Das Salzgebäck ist in dieser Funktion sogar älter als der Friesenbaum. Jedes Tier hat seine Bedeutung, so steht das Pferd für Kraft, der Hahn für Wachsamkeit und der Hund für Treue. Wir haben uns für Tannengrün und Figuren aus Filz und Garn entschieden. Ansonsten hätten wir den Salzteig kreativ formen müssen, denn die Figuren sind eher selten beim Bäcker zu kaufen.

Außerdem wirkt Wolle wärmer, und ich habe sogar eine der Figuren während meiner letzten Reise gebastelt: Einen original schwedischen Jultomte, ein Weihnachtswichtel mit Oversize-Mütze, der sich bestens in die Gruppe einfügt. Frisch aus Gotland eingeflogen. Mein Liebling im Ensemble ist nach wie vor das Schaf. Damit brechen wir aus der traditionellen Ikonographie aus und entwickeln unsere eigene.

Es gibt auch Friesenbäume mit Kerzenhaltern rund um den Bogen oder große Versionen, die den (Fenster)Rahmen sprengen würden. Was vor ein paar Jahrhunderten auf den nordfriesischen Inseln begann, wurde in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts wiederentdeckt. Mehr und mehr findet der Friesenbaum mit seinem Mix aus heidnischer und religiöser Bedeutung zurück in die nordfriesischen Häuser von heute.

Weihnachtswünsche auf Friesisch? En frööligen jul oder en frügelk jööl!

Und auf Weihnachten folgt traditionell Silvester, wenn es wie jedes Jahr überall nach Futjes duftet und die Rummelpottsänger unterwegs sind…

Noch ein Lesetipp:

Mehr über friesische Bräuche, Traditionen, typische Berufe und interessante Menschen könnt ihr im Bild- und Reportagenband „Leben am Wattenmeer“ nachlesen, den ich gemeinsam mit dem Hamburger Fotografen Ralf Niemzig auf die Beine gestellt habe.

Text und Fotos: Elke Weiler

Autor

Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern (siehe Footer).

4 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Avatar Franziska sagt:

    Bonjour, Elke.

    Mit Brauchtum und so weiter, kann man mich meistens ja angeln. Allerdings kam mir in dem Jahr in Husum nichts dergleichen unter die Augen. (Ob die Jülboog sich irgendwie versteckt hatten? So ganz wichtelmäßig? Tomte ist schließlich auch bemüht, unsichtbar zu sein.)

    Von mir kommt jetzt ein fröhliches „Ein frohes und besinnliches Fest!“. Sicher ist sicher. Wer weiß, wie hektisch es noch wird bis nächste Woche.

    Liebe Grüße
    Franziska

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