Apulien Italien

Lost in Trullolandia

Kaffeeduft strömt mir entgegen, als ich das Fenster weit öffne. In der Nähe meines Appartements mitten in der Altstadt von Martina Franca muss es also eine Espresso-Bar geben.

Die Morgensonne malt Licht und Schatten auf die Hauswände; unter meinem Fenster halten zwei ältere Signore ein Schwätzchen. „Buongiorno!“ Ich nicke den beiden Frauen zu und mache mich auf den Weg durch die Gassen.

Mein Blick fällt auf Wölkchen von nackten Putten, die die Fassade der Basilika von San Martino bevölkern. Der Barock regiert im Städtchen, die Wände leuchten weiß, alles wirkt so sauber.

An der Ecke finde ich die Espresso-Bar und freue mich aufs Frühstück alla italiana. Cappuccino und Cornetto. Im Stehen an der Theke. Inklusive fünf Minuten Smalltalk mit dem Barkeeper.

In den Gassen von Martina Franca

Ein perfekter Tag, da sind wir uns einig. Er will wissen, ob ich Touristin bin. Profi-Touristin, antworte ich. Und erzähle von meinen Plänen in Apulien: Ich will nämlich mehr über die Trulli erfahren. Und dafür muss ich Martina Franca wieder verlassen.

Auf nach Alberobello, Stadt der Trulli

Im Autoradio läuft ein alter Song von Lucio Dalla, „Viaggi organizzati“. Das passt fast, denke ich – wenn auch nicht gerade die typische Pauschaltouristin.

Der Wind streichelt über Tausende von Sonnenblumen, ein Fest in Gelb. Mächtige Ölbäume leuchten silbern auf, streckenweise sieht man nichts als Olivenplantagen rechts und links der Landstraße. Allein die knorrigen Stämme weisen auf das hohe Alter der Bäume hin.

Stets präsent: die Ölbäume

In das Kreisrund eines Hügelplateaus schmiegen sich weiße Hausfassaden. Ich habe das Weißweingebiet von Locorotondo erreicht. Bald müssten die ersten Trulli zu sehen sein, jene rätselhaften Rundhäuser Apuliens. In der Tat, steinerne Kegel ragen hier und da zwischen den Getreidefeldern hervor. Doch sie scheinen unbewohnt zu sein.

Kurz darauf erreiche ich Alberobello. „Schöner Baum“, wie es übersetzt heißt, gilt als Hotspot für Fans der Kegeldachhäuser. Hier also beginnt meine Trullo-Recherche, ich habe bereits eine Verabredung mit Experten.

Ich parke den Wagen nahe der ausgeschilderten Zona Monumentale. Rechts und links flankieren niedrige weiße Häuser die Gassen. Große, wie von Kinderhand gemalte Symbole zieren die Dächer der Trulli.

Ein Trullo neben dem anderen

Enza und Cosmo erwarten mich in ihrer Spezialitätenbar „Il Truletto“ in der Altstadt von Alberobello. Sie haben typisches Gebäck bereitgestellt, Occhi di Santa Lucia, und eine Kostprobe ihrer selbstproduzierten Liköre.

Die Bauweise der Trulli

„Man trinkt ihn am Tag und er funktioniert in der Nacht,“ erklärt Cosmo zwinkernd die aphrodisierende Wirkung des roten Kirschlikörs „Rosolio dell’amore“. Gebäck und Likör wurden in alten Zeiten den Hochzeitsgästen nach der kirchlichen Trauung angeboten.

In Süditalien war und ist die Gastfreundschaft heilig. Enza zeigt mir das Dorf: „Früher standen die Türen der Trulli offen.“ Sie erzählt über die gestörte Intimsphäre des Viertels mit dem Anschwellen des Tagestourismus.

Man sagt dem Rosolio so einiges nach.

Viele der ehemaligen Bewohner sind längst in den modernen Teil von Alberobello gezogen. Die eigenartigen Rundbauten werden heute größtenteils als Geschäfte genutzt: Man verkauft Kunsthandwerk und apulische Spezialitäten.

Wir statten dem Miniaturbauer Giuseppe Maffei einen Besuch ab. Der Cavalliere kann jede Frage zur raffinierten Bauweise und Geschichte der Trulli beantworten. „Sie werden ganz ohne Mörtel gebaut!“ Ein Miniatur-Trullo mit aufgeschnittenem Dach dient als Anschauungs-Objekt für die Konstruktion.

Endlich erfahre ich, warum es in den kleinen Häusern im heißen süditalienischen Sommer so angenehm kühl ist: Es liegt an der speziellen Bauweise der Trulli mit zwei Steinschichten und einem Zwischenraum, der mit Geröll aufgefüllt wird.

Stilleben mit Zipfelmütze

Das konische Dach ist eine falsche Kuppel, verkleidet von grauen Steinplatten, die die Funktion von Dachziegeln übernehmen. Erste Lektion in Sachen Trullo. Wir gehen zurück zu „Il Trulletto“ und genehmigen uns eine Limonen-Granità.

Im Trullo leben

In den schmalen Seitennischen des Trullo stehen Stühle und Tische. „Hier war früher das Kinderzimmer, hier die Küche,“ erzählt Enza über die ursprüngliche Nutzung des einräumigen Häuschens.

Noch ein Grund, warum viele der ehemaligen Altstadt-Bewohner abgewandert sind: Den Familien ist es einfach zu eng im Trullo, dabei hatten sie früher weitaus mehr Kinder, wie mir eine Schwarz-Weiß-Aufnahme aus den 20ern bestätigt.

Unser Trullo mit Terrasse und Ausblick

Wie lebt es sich in einem Zipfelmützen-Haus? Ausprobieren müsste man das mal… Die einmalige Gelegenheit bekomme ich schon bald in Cisternino nahe Fasano. Hier vermieten Margherita und Michele einen recht geräumigen Trullo, der zudem noch schick bis Retro eingerichtet ist.

Wie praktisch, dass Michele Architekt ist. Die beiden nutzen den Trullo für ihre Ferien auf dem Land und vermieten ihn auch. Wer dort unterkommt, sollte allerdings die Katze mitversorgen, die ihnen zugelaufen ist.

Die Adoptiv-Katze

Ein Gefühl von Enge entsteht hier nie, zumal der Trullo in der XXL-Version daherkommt. Dusche, Toilette und eine moderne Küchenzeile müssen wir nicht entbehren. Weit entfernt von früheren Verhältnissen also.

Unsere werte Mitbewohnerin

Von der Terrasse blicken blicken wir weit ins Land hinein, Margherita und Michele haben hier wirklich einen Glücksgriff getan. Einer der Trulli steht noch als halbe Ruine auf dem Grundstück. Und so bekommen wir eine ungefähre Vorstellung davon, wie viel Arbeit im Ferien-Trullo steckt.

Die Katze adoptiert uns schnell. Was auch stark damit zusammenhängt, dass wir ihr statt der bereitgestellten „croccantini“ gerne mal Thunfisch aus dem Glas geben. Oft wartet sie schon auf uns, wenn wir von einem Ausflug ans Meer zurückkehren.

Und wir, wir speisen am liebsten auf der Terrasse, ebenso fürstlich wie schlicht: mit Tomaten, Oliven, rustikalem Weißbrot, Sardinen und Käse. So ist es also, das lustige Trullo-Leben von heute.

Das Beste kommt zum Schluss.

Text und Fotos: Elke Weiler

Autor

Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern.

7 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Avatar Sven sagt:

    Ja, wer möchte da nicht gleich mitessen ;-) Man sollte die Langsamkeit und Einfachheit wiederentdecken – dafür stehen auch deine tollen Artikel.
    Viel zu hektisch um uns herum ist alles, fürs Essen und Genießen wird keine Zeit mehr genommen. Dabei liegt die Erfüllung genau hier…

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