„Attenti al lupo“ heißt ein Klassiker des italienischen Liedermachers Lucio Dalla. Vorsicht vor dem Wolf! Doch fahre ich wegen der Wölfe nach Italien, die sich mittlerweile im bolognesischen Apennin wieder eingefunden haben. Etwa eine Autostunde vom städtischen Treiben in Bologna entfernt.

Dottore Davide Palumbo holt uns in Lizzano ab. Der Diplombiologe studiert seit fünf Jahren das Leben der Wölfe im Parco Regionale Corno alle Scale und kennt sich also aus mit ihren Gewohnheiten, Ausscheidungen etc. Er weiß, an welchen Orten sie schon einmal gewesen sind und zeigt uns zunächst ein paar Fotos – aufgenommen von versteckten Kameras.

Dann düsen wir mit einem geschlossenen Jeep los, der 72-jährige Ivaldo sitzt am Steuer und kurvt mehr oder weniger nach Gefühl durch den stockdunklen Wald. Beim ersten Stopp drückt uns Davide ein paar Taschenlampen in die Hand. Da stehen wir nun, direkt neben dem schmalen Weg. Wir üben den Ernstfall. Dafür zieht der Wolfskenner ein nostalgisch wirkendes Tonbandgerät samt Megafon aus dem Wagen und drückt auf den Knopf.

Schauerliches Geheul dröhnt durch die Stille der Nacht, und wir rücken unwillkürlich etwas dichter zusammen. Doch bloß nicht mehr bewegen, wenn das Tonband stoppt! Wir sollen nur noch der Stille lauschen und auf ein echtes Echo hoffen.

Tagsüber ist der Wald ja ganz nett.
Tagsüber ist der Wald ja ganz nett.

Ende der Generalprobe. Derart auf Kurs gebracht fahren wir zur ersten “richtigen” Stelle. Auf Davides Kommando schalten wir die Taschenlampen aus. Er flößt uns zum wiederholten Male ein: „Redet nicht! Bewegt euch nicht!“ Um uns herum nichts als Wald, Edelkastanien, Eichen, Nadelhölzer, und die schwarze Nacht schließt uns ein.

Da jagt das Gejaule des Wolfsrudels vom Band wieder unbarmherzig durch den Wald und zerrt an unseren Trommelfellen. Wie lange geht das so? 30 Sekunden? Zwei Minuten? Abermals Stille, nur hier und da ein Knarren und Rascheln im Unterholz. Wir halten den Atem an. Nichts passiert. Ich weiß nicht mehr, an wie vielen Stellen wir unser Glück versuchen. Mal raschelt es gewaltig im Unterholz, mal ist aus der Ferne eine Kirchturmglocke zu hören, mal ein Flugzeug, mal antworten die Grillen auf unseren Lärm.

Zu Anfang des 19. Jahrhunderts hatten die Jäger des Apennin die Raubtiere fast ausgerottet, denn immer wieder rissen sie Schafe oder Ziegen. Der Wolf galt als Feind, sein Heulen jagte den Menschen Angst ein. Erst seit den 70er Jahren standen Wölfe unter Naturschutz – was nicht heißen soll, dass heutzutage keine Tiere mehr erlegt werden. Und doch steigen die europäischen Wolfspopulationen stetig an – etwa 1000 der Gattung leben nun in Italien.

Bloß ein Nachfahre der Wölfe und gar nicht scheu.
Bloß ein Nachfahre der Wölfe und gar nicht scheu.

Und Davide Palumbo kennt „seine“ Tiere genau. An der letzten möglichen Stelle unserer naturwissenschaftlichen Exkursion ist der Biologe sich besonders sicher. Er schnüffelt und untersucht, riecht eine Markierung und findet Exkremente: „Ein Wolf war hier.“

Wir riechen nichts außer modrigem Waldboden, und manchmal den Duft des unmittelbaren Nachbarn. Die Dunkelheit um uns herum schärft die nicht-visuellen Sinnesorgane. Doch über Davids sensuelle Gaben verfügen wir bei weitem nicht.

Der Naturwissenschaftler lässt erneut das Geheul vom Band in die blauschwarze Nacht schallen. Doch er kann keine Garantie dafür geben, dass die echten Wölfe auf seine Aufnahme reagieren. „Ich kann sie die meiste Zeit nicht sehen. Aber wenn ich in den Bergen bin, sind sie irgendwo um mich herum. Ich bin sicher, sie kennen mich viel besser als ich sie.“

Und das, obwohl der Biologe natürlich technisch gut ausgestattet ist. An verschiedenen Stellen hat er Kameras im Wald installiert, um die Vierbeiner zu beobachten.

Geheult wird nur bei Vollmond!
Geheult wird nur bei Vollmond!

Davide startet einen letzten Versuch – für heute. Er legt alle Gerätschaften beiseite und heult jetzt live, indem er seine Hände vor dem Mund zum Trichter formt. So tun es die Wölfe, wenn auch ohne Hilfsmittel, um den Anfang einer gemeinsamen Jagd zu erklären oder ihr Territorium zu markieren.

Doch selbst das lockt an jenem Abend kein Tier hinterm Ofen hervor. Also brechen wir das nächtliche Experiment ab und überlassen uns Davides spannenden Erzählungen bei einem späten, aber köstlichen Abendessen mit Pilzen, Pasta, Trüffeln und Wild.

Es bleibt genug Platz für die Fantasie. Denn irgendwo dort draußen sind sie. Geschützt von der blauschwarzen Nacht.

Text und Fotos: Elke Weiler

Aus der Reihe Archivgeschichten: Ich war im Herbst 2008 auf der Suche nach den Wölfen in Apennin. Mit Dank an die APT Servizi Regione Emilia Romagna, die diese Reise unterstützt haben.

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Elke

Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern.

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