Das Lächeln der Löwen

Wenn mich jemand fragen würde, welchen Geruch Myanmar hat, als erstes würde mir die rauchige Note einfallen. Bei unseren Fahrten über Land sehen wir immer wieder abgebrannte Zuckerrohrfelder, und aus den Küchenhütten strömt der Rauch, wenn über offenem Feuer gekocht wird.

Weiteren Duftnoten begegnen wir in den Tempeln, wo sich Räucherstäbchen mit Weihrauch und Jasmin mischen. Das wird der Geruch des Tages, denn wir wollen uns einigen der unzähligen Tempel in Bagan widmen. Nach unserer Abreise vom Inle-See am frühen Morgen entdecken wir einjähriges Zuckerrohr am Wegesrand, dessen zarte weiße Büschel sich jedem Windhauch beugen.

Die Shan-Berge liegen im Dunst, und immer dichter wird der Nebel, je mehr wir uns dem Flughafen von Heho nähern. Die Welt nur noch Grau in Grau. Und eines ist gewiss: Alle Flugzeuge werden mit Verspätung starten, noch ist es schwierig, die Zeit abzuschätzen. Als sicher gilt auch, dass die aus Mandalay und Bagan kommenden Maschinen noch nicht in Heho landen können.

Angekommen

Bei den Sicherheitskontrollen sind wir rasch durch. „Ihr müsst das Wasser nicht wegschmeißen“, sagt uns Su. Der Grund ist: Alle Passagiere, die hier öfter mal wegen des Nebels warten müssen, haben schließlich Durst. Und nicht jeder kann oder will Geld für einen Kaffee oder Tee an einem der beiden Cafés ausgeben.

Mönche stehen in safrangelben Roben zwischen internationalen Passagieren aus England, Italien und Deutschland. Doch die meisten Fluggäste scheinen von hier zu sein. Wir dürfen draußen warten, vor dem Flugplatz, so lange der Flugbetrieb noch nicht beginnt.

Am Airport

Drei Propellermaschinen landen hintereinander, als sich der Nebel aufgelöst hat. Alle Passagiere bekommen Aufkleber, je nach Airline, dann dürfen wir in die Maschinen steigen. Auf unserer steht: „You’re safe with us.“ Eine halbe Stunde nur dauert der Flug nach Bagan, das Su wie „Bägan“ ausspricht.

Nachdem wir unser Hotel im sogenannten New Bagan bezogen haben, laufen wir erst einmal über den Markt in Nyaung Oo. Auf der Straße versuchen einige Frauen in Plastik gepackte Souvenirs zu verkaufen. Doch lieber verliere ich mich in den beengten Gängen des Marktes. Lieber weiche ich ständig Händlern aus, die ihre Waren hin und her transportieren. Lieber kaufe ich in Ruhe ein paar Gewürze und die berühmte Thanaka-Creme aus Myanmar.

Handeln liegt mir gar nicht, und so geschieht es, dass „meine“ Händlerinnen sich selbst unterbieten, wenn ich nach dem Preis frage und einfach nur nicke. Und für alles, was ich kaufe, geben sie mir noch ein kleines Geschenk gratis dazu. Das ist nicht nur auf dem Markt in in Bagan so. Schon als ich eine Süßwasserperlenkette am Inle-See erstanden habe, hat man mir ein paar Cheroot-Zigarren dazu geschenkt.

Und dann sind da noch die Buchverkäufer. Meist tauchen sie bei den Tempeln von Bagan auf, lauschen aufmerksam, welche Sprache du sprichst und halten dir flugs die passenden Bücher unter die Nase. Für wenig Geld, versteht sich. Einer zückt sogleich George Orwells „Tage in Burma“. Ich habe das schon, entgegne ich.

Buch? Souvenir? Taxi?

Da zückt er die Shan-Prinzessin, beziehungsweise „Dämmerung über Birma“, welche ich bereits an einem anderen Tempel erstanden habe. Allerdings nur, weil mir die Verkäuferin eine kurze Zusammenfassung über die Liebe einer Österreicherin und eines Shan-Prinzen geben konnte. Um auch diesem Verkäufer eine Chance zu geben, schicke ich ihn zu den Kollegen.

Er freut sich. Alles gut? Guter Preis! Am Ende will doch niemand ein Buch, und so versucht er, Geld zu tauschen. „You have Euro?“ Irgendwie nicht. Ausnahmsweise haben wir gar kein Geld dabei. „Oh, my Buddha!“, klagt er da. Die Abschlussszene: Wir sitzen wieder im Bus, und er winkt mit Orwell. Der lustigste Buchverkäufer von ganz Bagan.

„Wer etwas Gutes tut, bekommt etwas Gutes zurück.“

Su startet unsere Lektion in Sachen Buddhismus. Sie ist der Meinung, dass es sich hierbei weniger um eine Religion als um eine Lebenseinstellung handelt. In jedem Fall macht jener Grundsatz das Leben leichter. Wir erkunden die Ananda-Pagode mit ihren vier enormen Buddha-Statuen.

Indisch inspiriert.

Der Erste scheint uns von weitem anzulächeln, aus der Nähe ändert sich sein Gesichtsausdruck jedoch. Nachdenklich schaut er auf uns hinab. Su macht uns darauf aufmerksam, dass es zwei ältere und zwei neuere Statuen gibt. Die beiden Älteren seien an ihren indischen Gesichtszügen gut erkennbar und auf die Erbauerperiode im 11. Jahrhundert zurückzuführen.

Bagan galt zu Zeiten der Königsstadt als Zentrum des Landes, dessen Herrschaftsbereich sich erstmalig auf das Gebiet der heutigen Union ausgedehnt hat. Die historische Königstadt Old Bagan erstreckt sich mit mehr als 2500 buddhistischen Monumenten über eine Fläche von 13 mal acht Kilometern am Ayeyarwaddy. Dort wohnt niemand mehr, die Einwohner leben heute in New Bagan.

He’s looking at you.

Allein den Ausdehnungen kann man sich vorstellen, dass Old Bagan eine der größten Städte im Mittelalter war. Pagoden gab es wohl vier Mal so viel wie jetzt. Die verbliebenen Tempel stammen aus der Zeit zwischen dem 11. bis 14. Jahrhundert. Zwar gilt das Gebiet als eines der größten archäologischen Stätten Südostasiens, konnte jedoch bislang keinen Welterbe-Status erlangen. Es steht seit 1996 auf der sogenannten „Tentative List“ der UNESCO.

Allein die teilweise nicht sachgemäßen Renovierungsarbeiten gelten als Hindernis. Noch in den 90er Jahren wurde mit Beton ausgebessert, ein Gebäude neu auf einen Sockel des 11. Jahrhunderts gesetzt. Kein Erdbeben konnte so viel Schaden anrichten. Da Reparaturen in Zukunft mit der UNESCO abgestimmt werden, bleibt die Hoffnung auf den Titel bestehen.

Sympathischer Wächterlöwe „Chinthe“

Nimmt sich die Architektur beim Ananda-Tempel noch indisch aus, gilt die Shwezigon-Pagode als Prototyp burmesischer Stupas. Dabei liegt die Bauzeit ebenfalls zwischen dem 11. und 12. Jahrhundert. Das Gold des enormen glockenförmigen Stupa blendet in der Sonne. Weniger prachtvoll, dafür wesentlich intimer wirkt der Wetkyi-in Gubyaukgyi, ein Höhlentempel aus dem 13. Jahrhundert.

Kein Gold. Die Struktur, der Bau aus Ziegelsteinen, lässt den Tempel erdverbundener erscheinen. Berühmt ist er für seine Wandmalereien. Grüne Bananen, Kokosnüsse, ja, sogar Wasser wird von den Gläubigen gespendet. Man ginge grundsätzlich im Uhrzeigern um eine Pagode, während eine Buddhastatue andersherum zu umrunden sein, erläutert uns Su.

Mit Ziegeln gebaut.

Am Gubyaukgyi sind nicht nur weniger Souvenir-Verkäufer zu sehen, insgesamt ist nicht viel los, und genau deswegen ist es schön. Friedlich. Fast mystisch die Dunkelheit im Innern. Die androgyn wirkenden Statuen tragen auberginefarbene Gewänder, die Nägel sind rot lackiert.

Drei Mal auf die wuchtige Glocke im Außenbereich zu schlagen, soll Glück bringen.

Am Ende eines langen Tages sitzen wir an der Aussichtsplattform eines Hügels und warten darauf, dass die Sonne über dem Tempelfeld im Dunst untergeht und das Land der Pagoden geradezu transparent aussieht. Wie ein Bild, monochrom, ein Scherenschnitt. Sonnenaufgänge wie -untergänge scheinen für Old Bagan ebenso ikonisch wie Tempel und Stupas zu sein.

Ein bisschen Zweisamkeit

Romantisch hingegen wirkt es kaum, wenn eine Vielzahl von Menschen auf einem Hügel hockt und auf den sich in Farbe und Umfang ändernden Feuerball in der Ferne stiert. Und doch irgendwie verbindend. Als einer Kollegin die Tasche den Hügel hinab kullert, springt sofort ein uns fremder Gentleman hinterher, um sie zu retten.

Das soll und darf uns beim Sonnenuntergang am zweiten Tag in Bagan nicht passieren, da wir diesen vom Nan Myint Tower observieren, auch der Bagan Viewing Tower genannt. Dort drängeln sich für ein paar Dollar Eintritt alle Sundowner-Fans auf einer Seite. Fazit: noch unromantischer als der Hügel. Das Pagodenland noch weiter weg – ob der Höhe des Turms, der übrigens nicht eben als architektonisches Highlight zu bezeichnen ist.

Tempelhund

Da sich die für Sonnenuntergänge beliebten Pagoden jedoch spätestens seit dem Erdbeben von 2016 als immer instabiler erweisen, um den touristischen Ansturm am Abend oder Morgen zu überstehen, bleiben nur mehr die Hügel und Aussichtsplattformen übrig.

Leicht übersättigt von Ziegelsteinen, Gold und Sonne falle ich an jenem Abend ins Bett.

Buddhas schwirren mir durch den Kopf.

Text und Fotos: Elke Weiler

Am nächsten Tag werden wir ein Boot nehmen, ein Stück über den Ayeyarwaddy fahren und die Insel Kyun Thiri ansteuern…

Ich war auf Einladung des Veranstalters TourVital, der zur Thomas-Cook-Gruppe gehört, in Myanmar.

  1. Pingback: Über den Ayeyarwaddy zur Insel Kyun Thiri | Myanmar

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