Wo die Save in die Donau fließt

Belgrad liegt nicht am Meer. Wenn es heiß wird im Sommer, und es wird heiß, dann suchen die, die es sich leisten können, die Strände von Montenegro und Kroatien auf. Nun ist Herbst, golden und leicht dunstig. Perfekt, um die Stadt zu Fuß zu erkunden.

Bojana bleibt plötzlich stehen. „Merkt ihr was?“, fragt sie. Nichts. Doch, ein leichter Windhauch, wie ein Streicheln auf der Haut. Für Küstenbewohner nicht der Rede wert, doch in Belgrad von enormer Bedeutung. Bojana weist darauf hin, dass man die richtigen Stellen in der Stadt kennen muss. „Wir haben typische Windzirkulationen“, meint die Belgraderin. Bei großer Hitze kann einen das retten.

Belgrad hat unglaublich viele Gesichter und eine verwirrende Geschichte.

Weiter geht’s, Serbiens Hauptstadt im Schnelldurchlauf. Hier Jugendstil, dort Art Deco, Bauhaus, Klassizismus, Moderne, Platte, baufällige Substanz, frische Spiegelfassaden, ein irrer Mix, verwirrend wie die Geschichte des Balkanstaates. Gut gefüllte Straßencafés prägen die Innenstadt, auch in der Fußgängerzone Knez Mihailova herrscht reges Treiben – soweit kein Unterschied zu anderen europäischen Cities. Weniger Touristen, das schon. Doch Belgrad ist längst kein Geheimtipp mehr.

Stilmix

Offiziell leben zweieinhalb von insgesamt sieben Millionen Serben in Belgrad. Doch aufgrund der mangelnden Infrastruktur anderswo wirkt die Hauptstadt wie ein Magnet. Hier gibt es Bildung, Krankenhäuser, Jobs. Nur eine Metro existiert nicht.

„Der Verkehr ist ein Desaster“, schimpfen die Belgrader. Das System platzt zu den Stoßzeiten aus allen Nähten, volle Straßen, Busse und Trams, Smog. Zwar kosten die Taxifahrten längst nicht soviel wie in Deutschland, doch zeitlich stünde man mit dem Rad vermutlich besser da. Immerhin ist im Zentrum alles gut zu Fuß zu erreichen.

Parkfreuden

Als einer der erklärten Lieblingsplätze der Belgrader gilt der Park Kalemegdan mit Blick auf Save und Donau, der auch die alten Festungsanlagen beherbergt. Alte Männer, die Schach spielen und sich dabei streiten. Frauen, die typische Strickwaren verkaufen, sich wild küssende Pärchen, Mütter mit Kinderwagen und Eis essende Kinder.

Schon vor der orthodoxen Kathedrale, der dem Heiligen Sava gewidmet ist und von den Belgradern einfach Tempel genannt wird, sind mir die Rentnerinnen aufgefallen, die ihre Strick- und Häkelwaren feilbieten. Eine Mütze für fünf Euro. Zwar ist das Leben in Belgrad aus westlicher Sicht eher günstig, doch nicht alle profitieren von der aktuell günstigen Wirtschaftslage im Land.

Alles selbstgemacht.

Im Kalemegdan kommt uns ein verschwitzter Tennisspieler entgegen, das Gespräch suchend. „Früher war er mal erfolgreich bei den Frauen“, klärt uns Bojana später auf. „Heute versucht er, irgendwie aufzufallen.“ Hier an der Festung zu spielen, ist mit Prestige verbunden. Es gibt nicht nur Tennis-, sondern auch Basketballplätze. Und im Sommer finden die großen Konzerte in den alten Festungsanlagen statt.

Belgrad ist nicht Paris, Barcelona oder Lissabon, über Overtourism kann man nicht klagen. Belgrad ist eher ein Versprechen. „Mich erinnert es an Berlin in den 90ern“, meint Stefania, eine Italienerin, die seit Jahren in der deutschen Hauptstadt lebt und deren Vielfalt liebt. Doch putzt sich Berlin zunehmend heraus und wird teurer, während das Marode verschwindet.

In der City

Risse in historischen Gebäuden, aufblühende Subkulturen, die ganze Kreativität einer Aufbruchstimmung findet man hingegen in der serbischen Hauptstadt. Als gutes Beispiel dafür gilt der Belgrad Design District unweit des Platzes der Republik. Hier haben Kreative eine ehemalige Shoppingmall umfunktioniert, Mode-, Kunst-, Design- und Buchläden eröffnet.

Die Zugänge muss man zwar suchen, doch dafür wirkt das Innere wie eine urbane Oase fernab des Verkehrs, wo man sich im Innenhof auch mal an einem Tisch zu einem Plausch mit Süßigkeiten zusammenfindet. Auch darin schient Belgrad eine hohe Kompetenz vorzuweisen. Bestes Beispiel: der Mandarin Cake Shop in der Gračanička. Wie intensiv die Stadt lebt, lässt sich nicht nur am Nachtleben ablesen.

Belgrade Design District

Alles scheint in Veränderung begriffen. „Und ganz Belgrad ist eine Baustelle“, fügt die Belgraderin Katarina hinzu. Vor allem am Wasser. Zwar gibt es kein Meer in Belgrad, doch fließt hier der Fluss Save in die Donau. Einer der beliebtesten Orte in der Stadt, die sogenannte Waterfront. Hier sehnt man das Ende der Bauarbeiten besonders schnell herbei.

Unbelastet davon nehmen wir im „Ambar“ Platz, eines der hippen Lokale direkt am Wasser, wo sich Tradition und Moderne die Hand reichen. Immer wieder fliegen die Teller quasi auf unseren Tisch, der langsam unter ähnlichen Platzproblemen leidet wie die Stadt zur Rush Hour. Neben den von mir als Kind schon heißgeliebten Ćevapčići erreicht uns eine Köstlichkeit nach der anderen.

Speisen mit Flussblick

Frischgebackenes Fladenbrot, die unverzichtbare Paprikapaste Ajvar, Backpflaumen mit Käse, frittierte Süßkartoffeln, Mus aus gegrillten Auberginen, scharfe Würstchen, frittierte Zucchini, gegrillter Blumenkohl. Während wir so langsam platzen, verstärkt sich der Eindruck, dass Essen in Serbien ausgesprochen wichtig ist.

Nachdem uns mehrere Belgrader das Stadtviertel Zemun empfohlen haben, das auf der anderen Seite der Save liegt und und vom Mittelalter bis 1945 ein eigener Ort war, nehmen wir uns am dritten Tag ein Taxi und setzen über eine der Brücken. Es ist der Eintritt in eine andere Welt. Eine, in der die Ruhe zu wohnen scheint. Niedrige Häuser, gelb getünchte Kirchen mit Zwiebeltürmen, eine Promenade entlang der Donau, ein kleiner Wochenmarkt.

Blick vom Turm

Wir wählen den Weg mit der größten Steigung, der uns hinauf zum Gardoš-Turm führt. Einige Touristen sind schon unterwegs, vor uns eine chinesische Gruppe. Ausgelassen macht einer von ihnen mitten auf der Straße Faxen. Der ältere Mann am Eingang des Turms begrüßt mich freundlich, drückt mir eine Info in die Hand und kassiert das Eintrittsgeld.

In einfachem Englisch weist er auf das System der Wendeltreppen hin: eine dient dem Auf-, die andere dem Abstieg. Oben auf der Plattform stehen bereits zwei Holländer, ins Gespräch vertieft und die Aussicht genießend. Belgrads Hochhäuser liegen im Dunst des Tages, der Schönheit der Donau tut dies keinen Abbruch. Im Gegenteil.

Wo die Save in die Donau fließt.

Auf der Insel im Mündungsgebiet der Save ist ein kleiner Strand zu erkennen. Das Wasser ruft. Wir finden den Weg zur Donau und schlendern die Promenade entlang. Boote schaukeln im Wasser, zwei Angler versuchen ihr Glück. Und überall Cafés, überall sitzen sie, die letzten Stunden der Herbstwärme genießend.

Bald schon soll damit Schluss sein. Bald schon müssen wir zum Flughafen, und es bleibt dieses Gefühl, nur ein bisschen von Belgrad kennengelernt zu haben. Nur wenig verstanden zu haben. Und wiederkommen zu müssen. Allein wegen des Essens.

Lieblingsplatz? Am Wasser. (Foto: Stefania Casiraghi)

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an das Radisson Collection Old Mill Belgrad, das zu dieser Reise eingeladen hat.

Hier habe ich übernachtet. Etwa zweieinhalb Kilometer vom Zentrum entfernt hat man aus einem historischen Gebäude ein Hotel mit Atmosphäre geschaffen. Ein paar der rostigen Säulen, die aus der ehemaligen Dampfmühle von 1902 gerettet wurden, zieren heute den Platz vor dem Haupteingang. Auch die Pflastersteine aus Granit stammen aus der Periode. Sowie zig Ziegelsteine, die gesäubert und neu verbaut wurden – als sichtbare Innenwände.

Neuer Schwung in der Alten Mühle

Fotografien der Ruine zieren die Wände, so wie den Innenarchitekten die Reminiszenzen an den Ort wichtig waren. Mit Einfühlungsvermögen und Vorstellungskraft ging man ins Hier und Jetzt über, ganz nach dem Motto: Wie aus einer Ruine ein Designtempel wird und Geschichte dabei lebendig bleibt.

Links neben der Rezeption schwingt eine helle Lamellenwand wie die Flusswellen der Save, deren Ufer fußläufig vom Hotel zu erreichen ist. Weiße Designersessel stehen nun anstelle von Mehlsäcken im Raum, diese zitierend. Der Boden nimmt sich zurück, grauer Design-Estrich, den industriellen Touch betonend. Sitzbänke nehmen die Wellenbewegungen der Wand auf.

Köstliche Käseröllchen

Auch die alten Holzbalken konnten an einigen Stellen verbaut werden. Hinter die Mühle wurden zwei Türme platziert, die wie Fremdkörper wirken, auch wenn damit der für Belgrad so typische wilde Mix der Architekturen weitergeführt wird. Wer sich im Innern von der Mühle in die Türme bewegt, merkt keinerlei Unterschied.

Das Restaurant interpretiert die traditionelle serbische Küche neu und arbeitet mit lokalen Farmern zusammen. So stammt etwa das Fleisch des einheimischen Buša-Rinds von den Hügeln der Gemeinde Bačevo, wo die Luft rein ist. Egal, ob es sich um Vor-, Hauptspeise oder Nachtisch handelt, alles hat mir bestens geschmeckt.

Dessertvariante „fruity“

Käseröllchen, serbischer Salat, Lammfleisch – ganz zu schweigen von den Desserts. Dazu ein Merlot Cabernet aus der Vinarija Aleksandrović – perfekt. Nie sind die Portionen zu groß, immer frisch die Zutaten, sehr gut ausgewählt, auf den Punkt zubereitet und ausgewogen gewürzt. Restaurant und Lounge verzichten auf die Verwendung von Plastik und verwenden zum Beispiel Papierstrohhalme.

My room. Mit Backsteinwand.

Die Zimmer sind verglichen mit anderen Metropolen relativ bezahlbar. Ab 72 Euro geht es los, je nach Zeit, Belegung und Zimmertyp. Ich hab in einem Zimmer der Kategorie Executive in der Alten Mühle übernachtet, das zum Beispiel im nächsten Mai inklusive Frühstück ab 130 Euro kosten würde.

Einziger Nachteil: Im Hotel werden keine Fahrräder vermietet, mit denen man zur Save und dann am Ufer entlang in die City düsen könnte.

Bis bald, Belgrad!

  1. Was für Köstlichkeiten in Belgrad, möchte man schon einmal kennenlernen

  2. Bonsoir,

    das ist mal wieder ein schöner Artikel, vielen Dank für die Kopfreise! Hoffentlich wird die Region nicht irgendwann tourstisch überrannt, damit der eigene Charakter erhalten bleibt.

    Herzliche Sonntagabendgrüße,
    Franziska

    • Lieben Dank, Franziska!

      Ich glaube zwar nicht, dass Belgrad mal do beliebt wird wie etwa Barcelona, aber wer weiß…

      Liebe Grüße aus Andalusien (in der Nebensaison :-) )

      Elke

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