Sommer in Aarhus

Irgendwie schaffe ich es, früh aufzustehen an jenem Samstagmorgen. Und als ich um sechs auf dem Rad sitze und die Morgenluft einatme, weiß ich, es hat sich gelohnt. Menschenleere Straßen, Aarhus verschläft den Sonnenaufgang. Vom Zentrum biege ich auf den Strandvejen ab und fahre in südlicher Richtung los – parallel zum Industriehafen.

Frühsport in der Morgensonne. Doch der Grund für die frühe Tour liegt woanders. Schon bald glitzert Wasser zur Linken. Die Aarhuser Bucht, der Samsø Bælt, die Ostsee. Mein Ziel ist eine Brücke, eine neue, eine besondere Brücke: Den Uendelige Bro ist nicht dazu gedacht, zwei Punkte miteinander zu verknüpfen.

Am Strand

Am Marselisborg Strand stelle mein Rad ab und laufe zu Fuß durch den Sand. Vorbei an einem noch geschlossenen Kanu-Verein, vorbei an einem Hotel mit Meerblick. Jemand hat seine Kleidung im Gebüsch drapiert, doch niemand schwimmt im Wasser.

Still wirkt die Ostsee, still wie der Morgen.

Wolken ziehen meerwärts auf. Muscheln im Sand, das leise Plätschern der ausrollenden Wellen. Containerschiffe am Horizont. Wie festgefroren sehen sie aus, die leichte Bewegung des Wassers Lügen strafend. Eine einsame Gestalt steht quasi auf dem Wasser, dort muss es sein.

Alles klar.

Wohl eine Joggerin, die in Richtung Südhafen blickt. Nachdenklich. Dann ist sie weg. Der runde Holzsteg da, das ist Den Uendelige Bro. Mit langen Schritten steige ich hoch. Die Wolken über mir verdichten sich, die Sonne blinzelt über dem Meer. Was für ein wunderbar einsamer Moment über dem klaren, grünen Wasser.

Der Südhafen, die Kräne, die sandigen Buchten, das Meer gehört zu Aarhus.

Ein Kajakfahrer ist unterwegs, geschickt paddelt er unter der Brücke hindurch und grüßt mich: „Morgen!“, das G wie ein J aussprechend. Ich versuche es ihm nachzusprechen. Weiter hinten wird er auf weitere Kajakfahrer treffen. Wieder allein in der Unendlichkeit nehme ich Anlauf und hüpfe in die Luft.

Das magische Rund

Es ist doch nur ein Kreis über dem Wasser. Doch einer, der Land und Meer vereint – für immer. Ich schreite in den Morgen, sitze auf dem Rand, bewege mich kaum. Selbst wenn ich vorangehe, ändert sich nichts. Es ist wie das Leben anzuhalten. Erst wenn ich hinunterspringe, zurück aufs Land oder ins flache Wasser, durchbreche ich den Kreis.

Weitere Jogger kommen. Ich wende mich ab, löse mich von der Faszination, lasse sie allein in ihrem Glück. Begegne zwei Einheimischen und einem Hund, der noch jung und neugierig ist. Hoffentlich erziehen sie ihm das nicht weg. Als ich wieder aufs Rad steige, ist die Sonne verschwunden.

Your Rainbow Panorama

Um dem Grau entgegenzuwirken, das von nun an den Tag beherrscht, werde ich direkt nach dem Frühstück zum Regenbogen gehen. Es ist nicht mein erstes Mal in „Your Rainbow Panorama“ auf dem Dach des Kunstmuseums ARoS. Schon einmal habe ich es genossen, die Stadt in Rot, Blau, Gelb und Grün getaucht zu sehen.

Dieses Mal nehme ich mir Zeit. Lasse mich draußen auf den Liegen nieder, die Stadt zu meinen Füßen, der Regenbogen über mir. Doch es ist windig in luftiger Höhe, daher wärme ich mich wieder auf im begehbaren Kunstwerk von Olafur Eliasson, das seit 2011 das Dach des Museums in eine der Hauptattraktionen von Aarhus verwandelt hat.

Und noch eine Brücke.

Dank eines Tipps der Einheimischen Mette habe ich noch einen weiteren Aussichtspunkt entdeckt, der mitten in der City über der Fußgängerzone thront, die Dachterrasse Salling Rooftop. Hier muss man keinen Eintritt zahlen, lediglich die Rolltreppen des gleichnamigen Kaufhauses himmelwärts fahren.

Sogar eine Glasrampe mit senkrechtem Blick auf die Fußgängerzone gibt es hier. Einen japanischen Zen-Garten. Eine Art Arena mit Bühne. Bänke, Tische, Nischen überall. Ein Bistro, in dem ich Salat im Weckglas probiere. Salling Rooftop ist neu und schick und angesagt unter den Einheimischen.

The place to be.

Aarhus sei näher ans Wasser gerückt.

Meint Mette. Wollte man noch vor ein paar Jahren am Meer flanieren, fuhr man eben mit dem Rad nach Norden oder Süden aus der Stadt hinaus. Doch inzwischen hat sich soviel geändert, überall ist nun Platz am Meer für die Menschen. Ein ganzer Stadtteil wird mit Aarhus Ø neu geschaffen. Und auch die Kreuzfahrtschiffe haben die Stadt für sich entdeckt. „Das ist zwar ein bisschen viel auf einmal“, fügt Mette hinzu, „aber sehr lebendig.“

Dänemarks zweitgrößte Stadt ist längst aus dem Schatten Kopenhagens getreten. Und Aarhus bleibt dabei übersichtlich. Zwar kann man hier gut Radfahren, doch im Prinzip ist alles zu Fuß zu erreichen. So habe ich mich am Abend zuvor am Wasser entlang in Richtung Aarhus Ø orientiert. Die emblematische Architektur des Eisbergs, auf Dänisch Isbjerget, wird zunehmend von neuen, spektakulären Bauten eingekesselt.

Eis, Eis, Baby!

Noch in der Planung ist ein steil aufragender Bau namens „Lighthouse“, der buchstäblich alles in den Schatten stellen wird. Leider zuungunsten des momentan recht beliebten Urban Gardening Projekts direkt neben dem Eisberg. Ein Filetstück, das Grundstück an der Spitze von Aarhus Ø.

Mein eigentliches Ziel an diesem Abend ist jedoch das ebenfalls neue Hafenbad, das Havnebadet. Im Juli und August ist es bis 19 Uhr geöffnet, sonst nur an den Wochenenden. Leider verpasse ich den Eintritt knapp und kann es nur von außen anschauen. Entworfen von der Bjarke Angels Group BIG, die ich schon aus Kopenhagen kenne, liegt es wie ein Schiff im Wasser.

Baden im Hafen

Kein Wunder also, dass sich Besucher, die nicht baden wollen, über das Promenadendeck flanieren können. Die Glasfassaden der Neubauten, die sich wie flüssiges Silber im Becken spiegeln. Wie kalt mag das Wasser sein? Die letzten Schwimmer kommen mit nassem Haar hinaus. Im Winter sind auch die Saunen geöffnet. Da muss ich wohl noch einmal wiederkommen. Aarhus habe ich ja nur im Frühjahr und Sommer kennengelernt.

Text und Fotos: Elke Weiler

Alt und Neu in Harmonie.

Mit Dank an VisitDenmark und VisitAarhus, die diesen Teil meiner individuellen Jütland-Reise ermöglicht haben. Ich war im August diesen Jahres in Aarhus und Skagen. Hier könnt ihr weiterlesen über die wunderbare Wanderdüne Råbjerg Mile im Norden der Halbinsel.

Und noch ein paar Infos

„Die Endlose Brücke“ wurde von den Architekten Niels Povlsgaard und Johan Gjødes entworfen und 2015 im Rahmen des Events „Sculptures of the Sea“ installiert. Da die Begeisterung groß war, entschied man sich dazu, „Den Uendelige Bro“ zu behalten. Von Mai bis Anfang Oktober steht sie am Ballehage Strand, für den Winter wird sie abgebaut.

Im Quartier Latin
Nice & lecker.

Doch nicht nur die neuen Dinge faszinieren mich in der Stadt am Meer. Bei jedem Besuch muss ich die Cafés und kleinen Läden des Latinerkvarteret aufsuchen, nach und nach das älteste Viertel der Stadt entdecken.

Wer gerne Zeitsprünge macht, sollte das Freilichtmuseum Den Gamle By besuchen. Pro-Tipp: Die Vanille-Kränze in der kleinen Bäckerei probieren!

Don’t pay the ferryman.
Beliebte Hoftiere, damals.
Für Vintage-Lover
Alles nach alten Rezepten gebacken.

Noch mehr lesen?

  1. Ich liebe diese Stadt! Vielen Dank für’s Wiederbeleben der Erinnerungen an den letzten Sommer. <3

    Liebe Grüße, Doro.

  2. Toll geschrieben und deine Bilder sind wieder mal ganz wundervoll. :) Im kommenden Jahr werden wir uns die Stadt auch mal ansehen. Bin schon sehr gespannt auf die Uendelige Bro. Den Tipp mit der Dachterrasse werde ich mir merken.

    Liebe Grüße
    Susi

    • Lieben Dank, Susi! Aarhus fasziniert mich immer wieder aufs Neue, es ist bei jedem Besuch verändert und doch die alte Stadt geblieben. Ihr solltet auch die Street Food Hall beim Busbahnhof aufsuchen sowie Dokk1 (am Wasser) und Moesgård (was auch mit Kindern toll ist). Und wie gesagt, am besten erst ab Mai, wenn die Brücke wieder aufgebaut ist. ;-) Liebe Grüße! Elke

  3. Wunderschön!
    Auf der ersten Urlaubreise meines Lebens war ich tatsächlich im Freilichtmuseum „Den Gamle By“, liegt nun leider schon 47 Jahre zurück.
    Danke Elke fürs auffrischen,
    Helmut

    • Lieben Dank, Helmut! In Aarhus hat sich allein in den letzten Jahren so viel verändert. Wie mag es da vor 47 Jahren gewesen sein? Den Gamle By scheint aber noch genauso schön zu sein. ;-)

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