Wie ein Fisch im Wasser

Ein wolkenverhangener Himmel, in der Ferne das Grollen des Donners. Nur ein Lichtfleck leuchtet grell auf, weiter hinten, über El Port de la Selva. Grau in Grau das bergige Land. Selbst die Olivenbäume wirken aschfahl. Heute, da wir bequem über eine sich windende Straße fahren können, liegt Cadaqués zwar immer noch abseits, doch nicht mehr so isoliert wie einst.

Da hatte das Dorf an der nördlichen Costa Brava ganz andere Zeiten gesehen. Als der beste Weg noch übers Wasser nach Cadaqués ging, als es vor Piraten nie sicher war. Auch später, als die ersten Künstler kamen, existierte die Straße noch nicht. Doch jenes besondere Licht des Ortes und gerade die Abgeschiedenheit zog sie alle hierher: Salvador Dalí, Pablo Picasso, Marcel Duchamp, um nur einige zu nennen.

„Vorsicht, Wildschwein!“, steht auf einem Schild, doch das hält die teilweise professionellen Radfahrer nicht davon ab, in den Serpentinen zu trainieren. Nur im Hochsommer ist es wenig ratsam, nach Cadaqués zu fahren, wenn sie die Straße bisweilen sogar sperren müssen. Zu beliebt ist dieser malerische Winkel am Meer. Mit seinen Buchten, den weißen Häusern, den Gassen.

Da blüht noch was.

Nun sind wir da, schlendern durch die Gassen über das alte Pflaster. Rastell wird es hier genannt, jener aus vertikal gestellten Schiefersteinplatten im Fischgrätenmuster bestehende Boden. Durch diese Technik soll der Regen rasch absorbiert und die Rutschgefahr gemindert werden. Denn Cadaqués‘ Wege können steil sein.

Französische Urlauber beleben die Gassen und Restaurants, die Grenze ist nah. Ja, man isst gut hier, sehr gut. Wir finden ein Plätzchen im Can Rafa unweit vom Strand, und der Sohn des Gründers, Rafel, heißt uns herzlich willkommen. Wir beschließen einstimmig, uns eine Vielzahl an typischen Gerichten vom Cap de Creus zu teilen. Rafel betont, dass sie mit lokalen Fischern zusammenarbeiten. Ihre Spezialität seien Sardellen und kleine Tintenfische, die den Mund beim Verzehr schwarz färben, wenn auch nur für kurze Zeit.

Herzmuscheln, Schwertmuscheln, Tintenfisch und Sardinen

Dann setzt sich die Einheimische Mercè an unseren Tisch und klärt uns auf. „Niemand kam, niemand kommt zufällig nach Cadaqués“, meint sie. Und das liegt nicht nur am kulinarischen Angebot und an der Schönheit des Ortes. Auch in kultureller Hinsicht kann sich Cadaqués nicht beklagen. Was wiederum an den ganzen Malern, Bildhauern und Poeten liegt, deren Wahlheimat es geworden ist.

„Ohne all diese Leute wäre Cadaqués eine Insel gewesen, abgeschottet von der Außenwelt“, weiß Mercè. Heute ist die Dorfschönheit fast ein bisschen zu beliebt, was sich in der sommerlichen Überfüllung und den Preisen niederschlägt. Doch der Herbst schlägt alle Bedenken in den Wind, oder besser: die Tramuntana, wenn sie von den Bergen hinunter zum Meer fegt.

Rastell: Schieferplatten im Fischgrätenmuster

In Garriguella haben wir sie zu spüren gekriegt, doch am Cap ist alles anders. Nur selten reißt die schwere Wolkendecke auf, unaufhörlich grollt der Himmel, zucken gleißend helle Blitze über dem Meer. Ein Schwarm von Staren huscht über unsere Köpfe hinweg bis zum nächsten Baum. Die Oliven sind reif, „das mögen sie!“, erklärt uns Mercè. Und Olivenbäume gibt es überall.

Starker Wind kommt auf, das Donnergrollen wird lauter. Wie schön die weiße Stadt inmitten dieses Dramas wirkt. Wie schön der November sein kann. Schwarz der Himmel, schwarz das Meer. Dazwischen die hellen Architekturen, die sich den Hügel hinauf ziehen. Wir kehren ein bei Maria Sola und Tony Azorín, betreten ihr Atelier über einen Hof.

Tony und das Zebra

Seit ein paar Jahren wohnen die Künstlerinnen in Cadaqués. „Das war keine rationale Entscheidung“, sagt Maria über ihre neue Wahlheimat. „Cadaqués hat eine Energie, die einen packt.“ Marias Werke widmen sich kräftigen, puren Farben und mögen abstrakte, simple Formen. Mark Rothko lässt grüßen, ein bisschen zumindest.

„Wenn ich keine Farben hätte, würde ich nicht malen“, gibt Maria preis. Ihr aktuelles Projekt: Landschaften auf großen Pinseln. Viel Blau ist zu sehen, Indigoblau, das Meer eben. Tony hingegen arbeitet mit Materialien, die sie draußen findet. Sie bemalt einen Baumstumpf, macht einen Stuhl zum Zebra, erstellt eine Tintenfisch-Collage aus Wachs, täuschend echt im Detail.

Landschaftspinsel

„Sie hat eine Obsession für Tintenfische“, klärt uns Maria lachend auf. Erst in Cadaqués habe Tony das herausgefunden. Sie geht nämlich das ganze Jahr über schwimmen und beobachtet gerne jene intelligenten Tiere im Wasser. Wie sie leben, wie sie überleben. „Und wie man sie kocht!“ Tony grinst. Ja, sie jagt sie sogar, Frau gegen Tier. Nicht selten hätte ihr ein Tintenfisch mal den Holzstab, an dem der Dreizack befestigt ist, aus der Hand gerissen.

Tintenfische sind versiert. Sie können ihrem Gegner die Sicht vernebeln, wenn sie Tinte werfen, oder, ganz Camouflage, die Farbe von Steinen oder Pflanzen annehmen. Faszinierende Unterwasserwelt. Ich muss an das Sprichwort denken, dem wir am Vormittag bei der Weinprobe in Garriguella begegnet sind: „No tens ni escates.“ Du hast noch nicht mal Schuppen.

Das touristische Dorf

Obwohl es zwischen anderen weisen Sätzen prominent auf einer Weinflasche stand, scheint es ein Sprichwort zu sein, das keiner kennt. Umso mehr steht es Deutungen offen, die so unterschiedlich wie die interpretierenden Menschen sind. Während die Winzerfamilie von Masetplana folgendermaßen rätselte: Man sagt es möglicherweise zu jemandem, bei dem Hopfen und Malz verloren sind, um mal mit einem deutschen Sprichwort zu kontern, geht Tonys Interpretation in eine andere Richtung.

Man könne es jemandem entgegen werfen, der sich richtig rustikal verhalte: Du hast noch nicht mal Schuppen! Keine Haut, kein Taktgefühl. Ich denke nach und bleibe dran. Während meiner Reise entlang der Costa Brava werde ich immer mal wieder die Einheimischen nach diesem katalanischen Satz und seiner Bedeutung befragen.

Das Werk und die Künstlerin

Doch erst einmal werden wir selber kreativ, nicht mit Worten, sondern mit dem Pinsel. Wir treffen Alicia Cayuela in ihrem Atelier in Cadaqués. Eine Spanierin, die lange in den Vereinigten Staaten gelebt hat. Nun arbeitet sie mit Keramik und bemalt Gläser, wenn sie nicht gerade performt. Unsere Aufgabe in diesem kleinen Kurs gestaltet sich rund um drei nicht eben leichte Vorgaben: 1. Wir sollen uns von der Form des Glases inspirieren lassen. 2. Wir sollen auf das Tier in uns hören. 3. Wir sollen das Ganze künstlerisch umsetzen.

Außerdem hätte Alicia es gerne, wenn unser jeweiliges Tier nicht nur den Kelch des Glases betreten würde. Unsere Begleiterin Mercè macht ganz solidarisch mit bei der Aktion, allerdings ist ihr Tier ein Nachthimmel mit Sternen à la „Le petit prince“. Bloggerin Laura fühlt sich von Künsterlin Tony sowie unserem Lunch inspiriert und widmet sich einem Tintenfisch. Kollegin Nicole schwebt noch halb in Brasilien und schwärmt von einer Tour zu den Walen – das wird ihr Motiv.

Meerfixierung?!

Eines eint uns alle: die Farbe Blau. Das Meer. Allerdings lebt das von mir ausgewählte Tier nicht mehr. Eine Sardine, kopfüber, deren Schuppen auf den Fuß des Glases bröckeln. Ein Fisch, der kaum mehr Schuppen hat. No tens ni escates. Unsere Meere sind überfischt, selbst Sardinen werden bald knapp, wenn wir weitermachen wie bisher.

Ich liebe das Meer mit all seinen Bewohnern. Liebe es zu schwimmen. Esse gerne Fisch. Und manchmal fühle ich mich selber wie einer. Ein Fisch ohne Schuppen.

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an das Patronat de Turisme Costa Brava Girona, das zu dieser Reise eingeladen hat.

Bald geht es hier weiter mit Girona, wo ich endlich lerne, wie man eine richtige Tortilla macht. Ich liebe Tortilla!

Mehr Costa Brava? Reisebloggerin Nicole ist Expertin. Und sie schwärmt auf Freibeuter Reisen über den Herbst in Katalonien. Zu Recht.

Du liebst Dorfgeschichten? Erfahre mehr über De Rijp in den Niederlanden, Hallig Hooge in Nordfriesland, Undredal in Norwegen oder Castelo Rodrigo in Portugal.

Stay tuned.
  1. Pingback: Kochen wie ein Einheimischer in Girona | Katalonien

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