Girona schmeckt gut

Wir müssen verrückt sein. Während der Dehnübungen in den Weinbergen von Calonge fegt uns der Wind fast um. Als die Tramuntana unsere Baumstellung akut gefährdet und einen nach dem anderen quasi entwurzelt, beschließen wir, unsere Yogastunde in einem sonnendurchfluteten Raum des Weinguts Mas Gil fortzusetzen.

Und endlich zu schwitzen. Yogalehrer David murmelt unablässig Worte wie ein Priester, der seine Schäfchen in andere Sphären geleitet. Katalanisch und Englisch verschmelzen zu einem leisen Redefluss, der sich wie Honig um unsere Bewegungsabläufe legt. Ich verstehe das eine oder andere katalanische Wort, wenn es dem Italienischen nahekommt, etwa „poc a poc“ und „lentamente“. Dazwischen immer wieder „relax“.

Ich schiele zum Lehrer, um den Körper nach Plan zu verknoten, und die Stellung ebenso wieder auflösen. Zwischendurch schließe ich die Augen. Und dank der beschwichtigenden Ansprache weiß ich, dass es meine höchste Pflicht ist zu entspannen, egal in welcher Position. Und ich weiß auch, dass man sich in die Übungen reinsetzen soll. Immer ein kleines bisschen die Grenze überschreiten.

Schon halb erleuchtet

„Morgen werdet ihr Muskelkater haben“, prophezeit David nach der Yogastunde. Als ob ich das nicht schon geahnt hätte! Im Rücken und Bauch, eigentlich überall. Immerhin habe ich nach langer Zeit mal wieder so etwas wie eine Kerze hinbekommen. Und wie immer nach einer wirklich guten Yogastunde fühle ich mich ein Stück größer und bewege mich bewusster.

Ich sehe klarer, fühle mich ganz im Hier und Jetzt, als hätten die Übungen nicht nur den Körper, sondern auch den Geist erfrischt. Besser als es jeder Espresso es könnte. Ich bin bereit für eine neue Erfahrung, auch wenn unsere letzten Tage nur daraus bestanden. Neue Menschen, neue Orte in schneller Abfolge. Allen voran: Cadaqués und seine Künstler.

In der Altstadt

Nun also Girona (sprich: „dschirona“ wie im Italienischen), die Stadt im Norden Kataloniens, von der die Kenner sagen, sie zögen es Barcelona vor. Eine Provinzhauptstadt mit etwa 100.000 Einwohnern, kein Vergleich also mit der Multikulti-Metropole am Meer. Nicht zu groß, nicht zu klein und an vier Flüssen gelegen gefällt sich Girona, und es gefällt uns.

Wir laufen über die Pont de Sant Agustí, werfen einen ersten Blick auf den Fluss Onyar und jene Häuser in Sonnenuntergangsfarben. Auf den gefälligen Bogen, den sie entlang des Flusses bilden. Bis wir uns in den Gassen der Altstadt verlieren. Welche Geheimnisse liegen hier wohl verborgen? Im alten jüdischen Viertel der Stadt, das so komplex, so dicht und wie ein einziges Gedicht aus Stein wirkt.

Herbstlicht

Wir verlieren uns, um uns schließlich an einer populären Stelle niederzulassen: an der wohl berühmtesten Treppe Gironas, der Escales de Sant Martí. „Game of Thrones“-Kenner wissen, was ich meine. Sie wissen, wer auf diese Treppe was sagte oder tat. Aber ich fühle mich nicht wie in einem Film, auch nicht wie vor einer Kulisse. Dazu ist Girona viel zu sehr vom Alltag besessen.

Im nostalgischen Restaurant „Le Bistrot“ probieren wir katalanische Gerichte. Ringsherum nur Einheimische, die ihre Mittagszeit hier verbringen. Denn das Lunch ist den Katalanen wichtiger als das Dinner, welches meist aus einer Kleinigkeit besteht. Nach dem Fisch der letzten Tage, als wir uns vornehmlich entlang die Küste bewegten, steht mir nun der Sinn nach gefüllten Cannelloni, die traditionell die Reste des Vortages verwerten.

Escales de Sant Martí

Die Crema catalana wird in „Le Bistrot“ in einer frischen Yoghurt-Variante mit Orangensoße angeboten. So dann rolle ich gleichsam zur Tür hinaus, bereit, Kilometer um Kilometer das hübsche Girona zu erobern, hoch und runter, auf sämtliche Aussichts- und Sonnenuntergangspunkte. Gegen Abend falle ich nur noch ins Hotelbett, weiß aber schon, was ich am nächsten Morgen tun muss: der Stadt beim Aufwachen zusehen.

Schon um 11 Uhr beginnt unser Kochkurs, denn bevor es an die Kochtöpfe geht, müssen wir unsere Zutaten auf dem lokalen Markt einkaufen. Und was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: Wir werden lernen, wie man eine richtige Tortilla macht. Wie oft bin ich zu Hause daran gescheitert! Dabei liebe ich Tortilla. Schon als Kleinkind mit meinen Eltern in Lloret und Tossa de Mar wurde ich süchtig danach.

Erst mal zum Markt gehen.

Später dann, als ich mit einer Schulkameradin und ihrer Familie deren spanische Verwandtschaft in Kantabrien besuchte, dachte ich, die beste Tortilla der Welt zu essen. Doch es gibt noch eine Steigerung. Nun stehe ich also in der Küche von Mariona und Irene mitten in der Altstadt und assistiere bei der Zubereitung von Zucchini-Röllchen, Tortilla, einem Hauptgericht mit Garnelen und Hühnchen, also Mar i Muntanya, sowie der obligatorischen Crema catalana.

Wir beginnen mit dem heißgeliebten Einsteiger der katalanischen Küche: Pa amb tomàquet. Ehrlich gesagt, habe ich das Tomatenbrot bereits täglich zum Frühstück gespeist, wenn auch ohne Knoblauch. In der Originalversion reibt man eine Knoblauchzehenhälfte mit der frisch aufgeschnittenen Seite über eine Scheibe Weißbrot mit rustikaler Kruste. Das Brot vom Typ Pa de Pagès haben wir frisch auf dem Markt erstanden.

Vorspeisen zaubern, hier: Zucchini-Röllchen.

Dann schneidet man eine Tomate auf und reibt diese ebenfalls über das Brot. Zum Schluss noch einen Schuss gutes Olivenöl und fertig ist die erste Köstlichkeit! Mariona und Irene erklären uns die jeweils nächsten Schritte und lassen uns bei jedem Gang assistieren. Auf mich scheint schließlich das Schwierigste zuzukommen: Ich soll die Tortilla drehen, die munter in der Pfanne auf kleiner Flamme vor sich hin brutzelt.

Dafür reicht Irene mir eine Art Deckel, der eigens zum Wenden von Tortilla konzipiert ist. Er verfügt über eine Art Knopf in der Mitte, der gut in der Hand liegt und den nötigen Halt vermittelt. Ein Blick in die Pfanne verrät mir, dass das Ei noch nicht ganz gestockt hat. „Es ist genau richtig“, befindet Irene und instruiert mich bezüglich des Wendens.

Nicole lässt sich von Mariona und Irene einweisen.

„Du musst wirklich schnell sein“, feuert sie mich an. „Und mach‘ dir keine Sorgen! Wenn es schief geht, stehe ich hier und helfe!“ Natürlich geht es schief, aber gründlich. Ein Teil der guten Tortilla landet auf dem Herd. Irene hievt sie geschickt zurück in die Pfanne, und ich bekomme eine zweite Chance.

„Du darfst nicht nachdenken. Einfach machen!“, rät Irene noch. Dieses Mal muss es klappen, denke ich und schwinge die zum Glück nicht allzu schwere Pfanne herum. Geschafft! Die Tortilla liegt auf dem Deckel, und ich kann sie in die Pfanne rutschen lassen, damit auch die obere Seite gar wird.

Die perfekte Tortilla

Denn eines ist wichtig bei der Tortilla: Sie darf medium gebraten sein, leicht fluffig in der Mitte. Darin unterscheidet sich eine hausgemachte Tortilla von der durchgegarten Variante in der Tapas-Bar. Als ich unsere Tortilla probiere, bin ich im siebten Himmel. Es ist die beste, die ich je genossen habe. Und es waren viele!

Girona, ich werde dich in bester Erinnerung behalten. Und ganz bestimmt werde ich wiederkommen.

Text und Fotos: Elke Weiler

Adéu, Girona!

Das Tortilla-Rezept von Local Market (4 Personen)

Man nehme zwei Gemüsezwiebel und drei große Kartoffel, plane pro Person ein Ei plus ein weiteres, was grundsätzlich für die Tortilla gilt. In diesem Falle sind es 5 Eier. Zunächst halbiere man die Zwiebel und schneide sie in sehr feine Streifen. Die Kartoffel werden in kleine Stücke geschnitten, und beides kommt in eine Pfanne, in der etwas Öl erhitzt wurde. Auf kleiner bis mittlerer Flamme etwa 40 bis 45 Minuten köcheln lassen. Schließlich die garen Kartoffeln und fast geschmolzenen Zwiebeln mit einem Löffel abschöpfen und zu den Eiern geben, überschüssiges Öl aus der Pfanne entfernen. Die Masse wie einen Kuchen verrühren, ein bisschen salzen und in die Pfanne mit wenig Öl geben. Ein paar Minuten stocken lassen, bis der Rand fest ist, nicht aber der obere Teil der Tortilla. Nun kommt der akrobatische Teil: Mithilfe eines Deckels oder großen Tellers schnell umdrehen und die Tortilla mit der nicht garen Seite in die Pfanne rutschen lassen, ein paar Minuten garen lassen – fertig!

Bon profit – wie die Katalanen zum Essen wünschen!

Blaue Stunde am Onyar

Mit Dank an das Patronat de Turisme Costa Brava , das zu dieser Reise eingeladen hat.

Lesetipps:
Mehr über Game of Thrones in Girona findet ihr bei Andrea auf Filmtourismus. Hier sind auch alle Drehorte verzeichnet.

Die in Katalonien lebende Nicole liebt Girona und hat mir von einem faszinierenden Ausflug mit dem Glöckner in die Gewölbe der Kathedrale erzählt. Nächstes Mal dann!

  1. Yumm, Yumm, Yumm, Elke! Leckerchen! Prima gemacht!

  2. Pingback: November in Katalonien: Künstlerdorf Cadaqués an der Costa Brava

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