Schwebend durch den Urwald

La Cruz ist der erste Ort hinter der Grenze zu Nicaragua. Ein leichter Wind weht und bewegt ein nostalgisches Werbeschild, das in der rostigen Hängevorrichtung knarrt. Der kleine Ort scheint in der Mittagshitze zu dösen. Bewegungslos liegt ein Hund im Schatten.

Nur der alte Mann auf dem Stuhl und ein paar Kinder beobachten neugierig die Fremden in La Cruz: Wir sind Durchreisende. Touristen, die den Kick suchen. Unterwegs zum Rincón de la Vieja, einem der mächtigen Vulkane Costa Ricas.

Die Carretera Interamericana durchschneidet die Ebene von Santa Elena. Zebus, weiße Rinder, grasen auf den Weiden. Auf halbem Weg verlässt der Wagen die geteerte Straße, und wir biegen in einen schmalen Schotterweg ein, der das Naturreservat durchkreuzt. Pferde laufen vor dem Auto her, Kühe und Ziegen kreuzen die staubige und schwierige Piste.

Dorfleben
Dorfleben

Am Rande des Bergnebelwaldes unterhalb des Rincón sehen wir rustikale Lodges aus Holz. Wie schön: Tür an Tür mit Affen, Faultieren, farbenfrohen Schmetterlingen, Tukanen und Quetzales leben, in diesem Blätterdickicht am Fuße des Vulkans.

Kein Wunder, dass ausgerechnet in Costa Rica der Canopy-Sport erfunden wurde. Um ein echtes Dschungel-Feeling zu bekommen, ist der Hängeakt am Drahtseil auf Höhe der Baumkronen perfekt. Für uns heißt es, jetzt oder nie. Und ein bisschen mulmig ist mir schon.

Aber einmal die Welt aus Affenperspektive zu erleben, reizt wohl jeden einzelnen aus der Gruppe. Einmal Tarzan zu spielen, sich von Baum zu Baum zu schwingen. Der ewige Traum vom Fliegen. Diese Freiheit zu spüren und eins mit der Natur zu sein. Ich habe Durst, mir ist nach einer Pipa-Pause.

Lieber eine Pipa-Pause?
Lieber eine Pipa-Pause?

Keine Chance. Klopfenden Herzens beginnen wir mit dem Aufstieg. Mitten durch die dichte Blätterlandschaft, deren Grün die Sonne zum Leuchten bringt. Wunderschön, dieses Flirren. Niemand sagt ein Wort.

Ein schwarzes Brüllaffenpäarchen hockt im Geäst und sieht neugierig zu. Bloß nicht stehenbleiben, meinen unsere Begleiter. „Beachtet sie nicht!“ Wenn die Affen sich in ihrer Intimsphäre verletzt fühlen, rächen sie sich gerne mit einem gezielten Schuß. Wozu verfügt man denn über diese einzigartige Freilufttoilette?

Auf einer schmalen Holztreppe klettern wir nacheinander in die erste Baumkrone. Und landen etwas verunsichert auf der Plattform: ein schmale Fläche, provisorisch aus ein paar Brettern zurecht gezimmert. Hält das auch?

Unsere Sportausrüstung tragen wir bereits am Körper, jetzt kommt sie endlich zum Einsatz: Einer nach dem anderen wird von den Profis angegurtet, unser Körperschwerpunkt quasi ans Drahtseil gehängt, das zum nächsten Baum gespannt ist.

Fliegen kann so schön sein.
Völlig losgelöst

Eigentlich müssen wir nicht viel tun. Einfach locker sein und hängen. Wer will als Erster? Ich schaue erst mal zu, sicher ist sicher. Wusch! Da fliegt er! Sieht toll aus. Spielend leicht. Erinnert an diese Seilbahnen auf Abenteuerspielplätzen. Nur das wir hier bis zu vierzig Meter über dem Boden durch die Luft segeln.

Jetzt kribbelt’s, ich will auch. Also aufgepasst: Die rechte Hand liegt mit einem starken Handschuh geschützt auf dem Seil, der Kopf ist leicht zur Seite geneigt.

Und bitte: Nicht zu früh bremsen mit der Handschuhhand. Sonst musst du dich bis zur nächsten Plattform weiter hangeln. Aber auch nicht zu spät: Sonst knallst du wohlmöglich auf einen der Anderen, die dort warten. Und bloß keine Angst, dann die ist immer ein schlechter Berater.

Abstoßen! Schweben! Genießen!

Von Plattform zu Plattform, Baumkrone zu Baumkrone rollen wir nacheinander über die Drahtseile, hoch über dem dichten Grün. Mit einer Leichtigkeit, die vielleicht keiner von uns je für möglich gehalten hätte.

Lauschen den Geräuschen des Waldes, dem Rascheln der Blätter, den Geheimnissen der Baumriesen, den unzähligen Vogelstimmen.

Das Tarzan-Gefühl entwickelt sich rasend schnell: So als wären wir mitten im Urwald aufgewachsen. Die Hilfskonstruktion aus Seil und Gurt täuscht für die glücklichen Momente des Schwebens über die Tatsache hinweg, dass Menschen nicht fliegen können.

Einziger Nachteil des Canopy: Wie jede wirklich schöne Sache im Leben geht es viel zu schnell zu Ende.

Eine andere Geschichte...
Eine andere Geschichte…

Fehlt noch: ein bisschen Relaxen in heißen Quellen, aber das ist ein anderer Vulkan und eine andere Geschichte…

Text und Fotos: Elke Weiler

Aus der Reihe “Archivgeschichten”: Als ich noch analog fotografierte und als Reisejournalistin für Tageszeitungen und Magazine unterwegs war, habe ich die Natur Costa Ricas auf diese intensive Weise erlebt, bevor wir weiterreisten nach Nicaragua.

  1. da stehen die in Mittelamerika drauf, oder? Ich war (noch) nicht in Costa Rica, aber in den anderen Ländern bot man auch an jeder Ecke Canopy! Ich hatte keine Zeit für diesen Spaß, aber ich seh mich schon mit einem Nasenbären im Arm am Seil… gnihi 😀

    LG Claudi

    • Nicht dass dem armen Nasenbären nachher schwindlig wird! Aber cooles Bild, ihr 2! 😀 Ja, wenn man schönen Dschungel hat, muss man sich ans Seil hängen. 😉

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  3. Noch 4 Wochen, dann geht’s für mich auch nach Costa Rica.
    Da ist dieser Artikel doch gerade die richtige Einstimmung hierfür.
    Danke… 🙂

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