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Fünf Mal Dänemark

Schon seit längerem plane ich in meiner Länder-Lesereihe eine Dänemark-Ausgabe. Die Mischung aus Belletristik und Sachbuch hat sich dabei mehrfach geändert, am Ende zugunsten der Romane. Beginnen möchte ich mit Non-Fiction, einer Auswanderungsstory, die man eigentlich nicht so recht als Sachbuch bezeichnen mag. Denn das Leben an der dänischen Westküste wird aus einer sehr persönlichen Perspektive geschildert. Hier meine fünf Lesetipps aus Dänemark.

„Dänemark – Gekommen, um zu bleiben“ von Tim Uhlemann

Humor hat er, Selbstironie ist sein zweiter Vorname. Tim Uhlemann verbrachte ein Auslandssemester in Odense und lernte in Dänemark seine Liebe kennen. Diese stammt eigentlich aus Schleswig-Holstein, lebt aber schon länger mit der Familie in Hvide Sande. Drei Jahre Fernbeziehung – dann zog der „original Ureinwohner des Ruhrpotts“ die Konsequenzen und verließ das „Land der Trauerklöße“ in Richtung Sehnsuchtsort Holmsland Klit an der dänischen Westküste: „… ab in den Schrebergarten, wie die Dänen ihr Land liebevoll im Vergleich zu Nordskandinavien bezeichnen.“

Über das „Mutterland alles Ferienhäuser“ erfährt man so nach und nach mehr, immer gut gespickt mit persönlichen Erlebnissen und garniert mit Ausflügen wie etwa einer Mallorca-Reise. Der studierte Sozialarbeiter steigt zunächst als Aushilfe ins Ferienhaus-Business ein, jobbt in seinem ersten und recht harten Winter auch mal als Löscher im Hafen und lernt seinen neuen Wohnort Hvide Sande in diversen Facetten kennen.

Hin und wieder mutiert die knackig formulierte Realsatire auch zum Fachbuch und versorgt den Leser mit Hintergrundinfos. Und doch bleibt das Buch eine heitere biografische Erzählung, die auch ein paar zotige Details nicht unerwähnt lässt. Im Großen und Ganzen nimmt der Autor sich und die weiteren Darsteller ebenso wie die neue und alte Heimat zärtlich aufs Korn. Irgendwie kriegt jeder sein Fett weg. Und es zeigt sich wieder einmal: Selbstironie kann sowohl bei Sprachbarrieren als auch beim Überleben helfen.

„Der endlose Sommer“ von Madame Nielsen

Nun wird es wieder ernst. Seltsam bis anspruchsvoll. Kunst als Roman sozusagen. Worum geht es? Verschiedene Menschen, die, teils vom Zufall geleitet, eine gemeinsame Zeit auf einem Gutshof verbringen. Dekadenz prägt die Stimmung, der Gutshof ist dem Verfall preisgegeben, auch Geld zum Leben ist wenig da. Namen sind unwichtig, die Autorin beschreibt ihre Charaktere und wiederholt diese Beschreibung gerne. So entstehen Bilder, ein Film, sagen wir: Nouvelle Vague.

Ungewöhnlich mutet am Anfang vor allem die Atemlosigkeit der Erzählweise an. Satz reiht sich an Satz, unterbrochen von unzähligen Kommata, fast ungebremst rauscht man durch die wortreiche, grazile Erzählung. Ich musste aufpassen, die schönsten Stellen nicht zu verpassen. Anzuhalten, nachzudenken. Um es einmal optisch aufzuhängen: Da wäre ein einfacher Satz eine gerade Linie. Ein Satz mit ein, zwei Kommata und ein bisschen Drumherum hätte eine leicht gewellte Struktur. Madame Nielsen hingegen schreibt Girlanden, endlos wie der Sommer ihres Buchtitels.

Aber wie bereits letztens erwähnt, habe ich eine Schwäche für ungewöhnliche literarische Strukturen. Vor allem, wenn diese authentisch und nicht aufgesetzt wirken. Denn der Wind des Lebens, der durch den Roman weht, geht mit Inhalt und Form des Buches einher. Man sollte nicht erwarten, auf den 100 Seiten vor allem etwas über die Geschehnisse eines Sommers zu erfahren. In ihrem Erzählrausch scheint sich die Autorin immer wieder auf Nebenschauplätzen zu verlieren. Doch am Ende macht alles einen Sinn, denn der vielzitierte endlose Sommer ist nichts anderes als ein Sinnbild des Lebens, das spätestens dann endet, als einer der Gruppe an Aids stirbt.

Ein Roman wie eine Performance. So ist sie, die sich irgendwann Madame Nielsen genannt hat, weil sie es wollte, eben auch Künstlerin, Schaupielerin, Sängerin und Autorin.

„Neue Reisende“ von Tine Høeg

Ein furioses Romandebüt. Auch Tine Høeg geht neue Wege, was die Erzählweise angeht. In den 80er Jahre geboren, ist ihr Stil ein minimalistischer und der Inhalt eine Nabelschau. Kurze, abgehackte Sätze, SMS-Style statt Poesie, doch umso eindringlicher die Wirkung des Gesagten. Im Roman geht es um eine junge Frau, eine angehende Lehrerin, ihre Bekanntschaft aus dem Zug, die Affäre mit einem verheirateten Mann, das abrupte Ende und die Betrachtung ihrer Selbst im Unterricht.

Ein latentes Fremdgefühl umgibt ihre Persönlichkeit, auch die Diskrepanz zwischen den Erwartungen ihrer Umwelt und dem, was sie geben kann und will, spielt diesem Gefühl zu. Es ist, als würde man sie beobachten, diese Frau, als würde man kurzzeitig in ihre Haut schlüpfen, die Welt durch ihre Augen sehen, und schließlich merken, dass das Fremdgefühl aus einem Unwohlsein resultiert. Aus der Diskrepanz zwischen dem, was als normal angesehen wird, und dem Sich-Verlieren in einer Art Gegenwelt.

Wie „Der endlose Sommer“ ist „Neue Reisende“ ein kurzer Roman. Auch hier braucht man einige Seiten, um sich an den Stil zu gewöhnen, doch es geht überraschend schnell. Und seine kraftvolle, unmittelbare Wirkung verfehlt er nie. Ab in die Ecke Lieblingsbücher.

„Färseninsel“ von Helle Helle

Es beginnt kurios: Die Protagonistin sucht nach einem guten Ort zum Weinen. Sie steigt in einen beliebigen Bus und landet irgendwo in der seeländischen Provinz. Vor ihr liegt eine Insel, doch es gibt keine Fähre dorthin. An der Bushaltestelle wartend wirkt sie wie eine Gestrandete. Ein junges Paar nimmt sie auf, zunächst nur für eine Nacht, denn kein Bus fährt mehr.

Es werden mehr Tage und Nächte. Die Protagonistin agiert als Beobachterin ihrer Umgebung, des Paares, das sein Glück nicht aus materiellen Dingen zieht, sein nicht gerade einfaches Leben versucht zu meistern, und das mit großer Warmherzigkeit. Stück um Stück lenkt das neue Leben auf dem Land die Protagonistin von sich selbst ab.

Schon bald wendet sich nämlich das Blatt, und sie hat die Chance selbst zur Helferin zu werden, statt sich weiter in ihre eigene Krise hinabzusenken. Bis sie entdeckt, das hinter dem kleinen Glück ihrer Gastgeber ein harter Schicksalsschlag steckt. Und dann taucht auch der Bruder der Gastgeberin auf, der die namenlose Protagonistin noch mehr in die Handlung hineinzieht. Deren eigentliche Darsteller sind nämlich die Menschen vor Ort.

Helle Helle erzählt gekonnt einfach, setzt auf Präsens und kurze Dialoge. Eine nüchterne und doch poetische Erzählweise, die das Thema des Buches passgenau transportiert.

„Mit freundlicher Anteilnahme“ von Erling Jespen

Mein erstes Buch des in Kopenhagen lebenden Autors Erling Jespen hieß „Fürchterlich glücklich“ und wurde wie auch die Nachfolger verfilmt. Auch „Mit freundlicher Anteilnahme“ und „Die Kunst, im Chor zu weinen“ spielen in Südjütland, das von Kopenhagen etwa so weit entfernt erscheint, wie die Erde vom Mars.

Da geht es nicht nur um sprachliche Differenzen, nicht nur um die Tatsache, dass man sich mit „Mojn“ grüßt, nicht nur um die andere Mentalität der Menschen an der Westküste. Er geht in seinen Büchern unter die Haut, seziert dörfliche Strukturen. Im Mittelpunkt der beiden letztgenannten Bücher steht eine Familie, fast autobiografisch wirken die Romane. Jespen verschweigt neben dem gemeinsamen Weinen beim Singen auch nicht die Aggressionen, die Schläge und den Missbrauch.

„Während die Kunst, im Chor zu weinen“ Teil 1 der Familiengeschichte darstellt, erzählt aus der naiven Sichtweise eines Jungen, dem die Stimmung des Vaters als das Wichtigste erscheint, damit die Familie glücklich ist, geht es in „Mit freundlicher Anteilnahme“ um das Zerwürfnis von Vater und Sohn, die lange Zeit des Schweigens und die Rückkehr des Mannes nach dem Tod des Vaters. Wer Teil 1 nicht gelesen hat, versteht vielleicht am Anfang nicht die große Zuneigung des Protagonisten zum Vater, gegen Ende jedoch schon.

Erling überrascht nicht nur mit den Wendungen in seiner Erzählung. Er schafft es, das Skandalöse nie auszuschlachten. Vielmehr arbeitet er das Menschliche wie das Irre seiner Figuren heraus, vermeidet Schwarzweiß-Sichtweisen und schont niemanden. Dass das familiäre Drama in Südjütland angesiedelt ist, mag an Jespens Herkunft liegen. Gerne lässt er die ländliche, konservative Umgebung auf Charaktere und Handlung wirken. Und die gute Prise schwarzen Humors schadet der Erzählung nicht, im Gegenteil.

Text und Foto: Elke Weiler

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