Gemütlich wirkt Ribe schon auf den ersten Blick. Um nicht zu sagen: kuschelig. Wir genießen die letzen Strahlen der Abendsonne bei einem Spaziergang durch die kopfsteingepflasterten Gassen. Später haben wir noch ein Date. Mit Hans Peters.

Neben Dänisch spricht der ganz in Schwarz gekleidete Mann auch fließend Englisch und Deutsch. Und all diese Sprachen wendet er an, denn er wird von einer internationalen Fanschar umgeben. Wir hängen an seinen Lippen. Als Nachtwächter der ältesten Stadt Dänemarks kann einem so etwas passieren. Und Hans kommt damit klar.

„Meine Aufgabe ist es, in den Straßen für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Und die Einwohner von Ribe vor Sturmfluten zu warnen“, brummt der stattliche Mann – Morgenstern und Laterne in der Hand haltend.

Wir sind ziemlich beeindruckt. Auch wenn er heute nicht mehr vor Sturm warnen muss, und das wilde Meer immer noch direkt um die Ecke ist. Denn heute warnt ja bekanntlich der Wetterdienst im TV.

Dafür weiß Peters den Besuchern der Stadt allerhand zu erzählen, führt sie durch die Gassen zu Dom, Rathaus, Sturmflutsäule und dem mit 27 Quadratmetern kleinsten Haus der Stadt.

Ribes Blütezeit dauerte bis ins 17. Jahrhundert, und es ist immer noch viel davon zu erahnen. Nicht nur architektonisch. Auch akustisch, wenn der gute Hans mal so richtig loslegt:

„Wollt wissen Ihr die Zeit, Herrn, Mädchen und auch Knaben?
Es ist wohl nun so weit, an Nachtruh sich zu laben.
Vertraut‘ auf Gott in Zuversicht, löscht’s Feuer aus und auch das Licht,
die Uhr hat zehn geschlagen.“

Bis 1902 hat der letzte echte Nachtwächter seinen Job machen dürfen, erzählt Peters am Ende des Rundgangs bei einem Bierchen Marke „Ribe Bryghus“ im Kro, einer urgemütlichen Kneipe.

Es wird wieder gebraut.

Das Mini-Brauhaus lohnt einen Abstecher, denn es ist schon eine Geschichte für sich, wenn auch neueren Datums. Ein engagierter Schulleiter, ein Schlosser und ein Maschinenbauer haben sich hier den Traum vom eigenen Bier verwirklicht.

Man produziert pro Jahr in etwa, was ein Großer der Branche in einer Stunde herstellen würde. „Alles in Handarbeit“, meint Lars Nielsen lächelnd und klebt die von Design-Studenten entworfenen coolen Labels eigenhändig auf die gefüllten Flaschen. Neben den Sorten Blond und Brown gibt es Black Ale zum Probieren. „Da ist zum Beispiel Wachholder drin.“

Da 1939 die letzte Brauerei der Stadt geschlossen hatte, freuen sich die Einwohner über das Wiederbeleben einer alten Tradition. Und vor allem über die gelungenen Kreationen dieser emsigen Männer.

Am nächsten Tag wollen wir mit dem ruckelnden Traktorbus über den Meeresboden fahren. Zur nahen Insel Mandø schaukelt das Gefährt immer bei Ebbe. Damit es mit seinen dicken Reifen Fuß fassen kann, ist der Weg mit Steinen befestigt.

Mit dem Traktorbus durchs Watt

Weidenstämme kennzeichnen die Route rechts und links, so ist die richtige Richtung selbst im Nebel noch zu finden. Die acht Quadratkilometer kleine Insel liegt bereits in Sichtweite. „Sie vergrößert sich ständig“, weiß Klaus Melbye vom Wattenmeerzentrum der Insel. „Mehr und mehr Land wird aufgetragen – Sand, der zum Beispiel von Sylt weggeschwemmt wurde.“

Auf Wattführungen erfahren die Mandø-Besucher alles über die Stare im Frühjahr, Ringelgänse im September oder die ständig hier lebenden Tiere wie die schwarzweißen Austernfischer mit ihren langen roten Schnäbeln.

Nicht zu vergessen: die Vegetation. „Früher wurde der Strandwegerich oft gepflückt“, erzählt Melbye bei einem Spaziergang über die Salzwiesen. „Und das ist auch heute noch möglich. Er schmeckt wie salziger Spinat. Probiert mal!“

Auf Mandø kommt jeder zur Ruhe. Spätestens nach einem Spaziergang. Spätestens nach einem Kuchentest samt jener leckeren dänischen Sahne, zu dem der Fachmann fürs Watt uns noch einlädt.

Und wieder ist es da, dieses Gefühl von Entspanntheit. Die Dänen reden gemeinhin von „hygge“ und meinen damit eine Mischung aus Gemütlichkeit, Freundlichkeit, Sicherheit und Wohlbefinden. Also doch: Ribe und Mandø sind einfach kuschelig.

Text und Fotos: Elke Weiler

Danke an die Destination Südwestjütland, die zu dieser Reise eingeladen hat.

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Elke

Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern.

  1. Monika Fuchs says:

    Der Artikel macht richtig Appetit auf eine Reise nach Südjütland. Das Hygge-Gefühl würde ich auch gerne mal kennenlernen.

    1. Elke says:

      Hallo Monika,

      danke dir!!! Ich finde das auch an anderen Stellen in Dänemark, sogar in Kopenhagen :-)

      Deswegen bin ich inzwischen Fan geworden von diesem Land…

      Kann ich dir nur wärmstens ans Herz legen :-)

      LG, ELke

    1. Elke says:

      Hallo Anita,

      ja, unbedingt ;-) Und nachher willst du dann gar nicht mehr weg. Schau‘ mich an: Mit Nordsee-Urlaub fing es an. Fatal! Jetzt lebe ich hier :-)

  2. Pingback:Sort Sol – das Ballett der Stare am Himmel | Dänemark

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