Das Ballett der Stare

Sort Sol – am Anfang fühlt es sich wie eine Kaffeefahrt an. Wir sitzen in einem Bus voller Dänen. Naturliebhaber, die allesamt überpünktlich am Parkplatz in Tønder eingetroffen sind. Ich habe noch einen kleinen Rundgang durch das Städtchen gemacht und bin, wenn auch pünktlich, die Letzte am Treffpunkt. Unser Guide namens Iver begrüßt das noch vermisste „Frollein“ in fließendem Deutsch.

Da ich einen schwedischen Rucksack von der Sorte trage, die auch in Dänemark recht beliebt ist, wäre ich glatt als Einheimische durchgegangen. Blöd nur, dass ich kein Dänisch spreche. Noch nicht mal Schwedisch. Ich setze mich zu Eliza und Ralf in den hinteren Teil des Busses, als Iver mit dem „Unterhaltungsprogramm“ auf Dänisch beginnt.

Zu uns würde er auch noch zurückkommen, wirft er auf Deutsch ein. Während sich der Bus mit unbekanntem Ziel in Bewegung setzt, schnacken wir drei Norddeutschen munter drauflos. Eliza und Ralf sind extra aus Hamburg gekommen, um die Sort Sol, wie der herbstliche Starenschwarm am Himmel auf Dänisch heißt, die „Schwarze Sonne“, hier im Grenzgebiet zu erleben.

Ein Naturerlebnis, das bei den Nachbarn hoch im Kurs steht: Mindestens einmal im Leben, so finden die Dänen, sollte man eine Sort Sol miterlebt haben. Zum ersten Mal habe ich von diesem Naturphänomen gehört, als ich vor Jahren auf der kleinen Insel Mandø war und über die Vielfalt des Lebens im Watt aufgeklärt wurde, darunter auch Sort Sol.

Die richtige Stelle

Nach einem erfolglosen Versuch, bei dem Ente Emilia kurz hinter der dänischen Grenze schlapp machte, hat es nun also geklappt. Leider zeigt sich der Himmel verhangen. Die Hoffnung auf einen schönen Sonnenuntergang mit Sort Sol können wir also begraben. Während Iver seine dänischen Gäste aufklärt, frage ich mich, wohin die Reise geht.

Die „Dansk NaturSafari“, so Iver, verwende viel Zeit und intensive Recherchen, um ihre Gäste an den richtigen Ort zu führen. Denn die Stare, die sich im Frühjahr und Herbst im Schilf des Wattenmeeres in großen Scharen zum Schlafen niederlassen, suchen sich selten den selben Platz an mehreren Tagen hintereinander aus. Aus diesem Grunde haben wir uns für diese Kaffeefahrt ohne Kaffee angemeldet.

Zwar sehe ich auch in Nordfriesland derzeit häufig kleine Gruppen von Staren, doch für ein größeres Schauspiel à la e Sort Sol reicht es eben nicht. Ich weiß nicht, wie lange wir durch die Gegend fahren. Zwischendurch richtet Iver immer wieder das Wort an uns, etwa als massenhaft Stare auf Stromleitungen zu sehen sind, die sich dort zum Sozialisieren treffen.

Es geht los.

Irgendwann landen wir in Aventoft, also auf der deutschen Seite der Grenze. In der Nähe des Deiches sind schon einige dänische Busse geparkt, Menschenketten bilden sich vor den Schilfgebieten des Wattenmeeres. Iver drückt jedem aus seinem Bus eine Styroporunterlage in die Hand, damit wir es uns auf dem Deich gemütlich machen können und nicht unterkühlen. Den Platz sucht er aus, doch viel steht eh nicht mehr zur Auswahl.

Einige Dänen sitzen gemütlich auf Campingstühlen, ausgestattet mit Fernglas und einem Gläschen Wein, auf das Spektakel am Himmel wartend. „An die 700.000 Stare werden wir heute sehen“, meint unser Guide. So große Mengen an Vögeln kann ich mir kaum vorstellen. Doch sie kommen nicht alle auf einen Schlag. Erste Vortrupps treffen noch vor 18 Uhr ein.

„Sie suchen nach einer Übernachtungsmöglichkeit, setzen sich zum Schlafen ins Schilf“, erzählt Iver. Am Anfang sind jedenfalls mehr Menschen und Mücken in Sichtweite als kleine, dunkle Singvögel. „Die Stare kommunizieren mit den Flügeln, und natürlich auch mit der Stimme“, bereitet uns Iver uns auf das Event vor.

Hyggelig am Deich

Inzwischen treffen sie aus allen Richtung im Schilfgebiet ein, es geht lauter zu als auf einer Kirmes. Das Ballett am Himmel hat begonnen, es schwingt, es schwebt, es wippt. Flotte Wellenbewegungen in der Luft. Jeder Schwarm wie ein akzentuiertes „Wusch“, ein Geräusch aufeinander abgestimmter Bewegung. Das ist Kunst, denke ich. Und Mutter Natur eine perfekte Künstlerin.

Fantasievolle Formen, die am Himmel sprießen

Vogelschwärme wie ein Meer schwarzer Punkte in ständiger Veränderung, die mal wie ein Wal, mal wie ein einziger Riesenvogel wirken. Wie eine Qualle, ein Ball, ein Käfer, ein Kamel. Amorphe Strukturen, die dahinschmelzen, die sich neu gießen. Alles im Fluss. Wie der Tanz der Polarlichter, nur ohne Farbe.

Diese perfekte Performance ist nichts anderes als eine Verteidungsstrategie gegenüber Raubvögeln. Dabei helfe die Geschwindigkeit, die die Vögel im Flug erreichen können. „Die Stare bringen es fast bis auf 80 km/h“, meint Iver. Schwer zu glauben, doch diese rauschenden Wellenbewegungen belehren mich eines besseren.

Ganz großes Kino

Anderen Wattvögel wird das zuviel, ein paar der seltenen Kampfläufer fliegen auf und suchen das Weite. Ab und an macht Iver uns auf einen Wanderfalken aufmerksam, der versucht, unter den Staren zu jagen. Irgendwann ist der Höhepunkt der Performance erreicht, irgendwann haben sich die meisten unter heftigem Gezwitscher und Gepiepe auf dem Schilf niedergelassen.

Was für ein Konzert, was für eine Energie, was für ein Spektakel

Morgens und abends sei das so, gibt der Natur-Guide preis. Der Zeitpunkt variiere – immer abhängig von Licht und Wetter. Im Watt gäbe es genug zu futtern, so dass die Stare hier das Doppelte an Gewicht zulegten, bevor sie zum Überwintern nach Frankreich oder Belgien flögen.

Ralf und Eliza nach der großen Show

Ich weiß jetzt, warum sich einige der meist dänischen Zuschauer so gemütlich am Deich eingerichtet haben. Sie kennen sich aus. Wir sitzen mit großen Augen und offenem Mund da, fasziniert von dem Spektakel am Himmel. Dass das Licht nicht perfekt ist, stört niemanden mehr. Wir sitzen einfach nur da und sind glücklich. Und ich weiß jetzt schon, ich werde es wieder tun.

Text und Fotos: Elke Weiler

Sorry, die Fotos sind ein Witz! Doch selbst schönere Bilder oder ein Film könnten das Live-Erlebnis nie ersetzen.

Wen es interessiert: Die Tour habe ich für 185 DKK (knapp 25 Euro) bei Sort Safari gebucht. Sie dauert etwa drei Stunden. Ja nach Wetter und Temperatur empfiehlt es sich, warme Klamotten und Regensachen sowie Gummistiefel anzuziehen. Unbedingt etwas zu trinken einpacken! Ein Fernglas macht ebenfalls Sinn.

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  1. Sigrid Nettesheim

    Sehr schöner und informativer Beitrag. Hatte bislang noch nie von ‚Sort Sol‘ gehört. Danke Dir dafür!

  2. Wow, das klingt nach einem einmaligen Erlebnis! Danke für den Artikel darüber :-)

  3. Danke Elke, wir hatten auch schon Interesse wußten allerdings nicht wie wir vorgehen sollten. Das ist ein sehr guter Tipp von Dir den wir auch nutzen werden .
    Liebe Grüße zur Zeit aus Zingst (zum Kranich gucken )
    Karin

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