Mein Freund Uwe

Uwe zwinkert mir zu. Oder meine ich das nur? Er hat etwas Spitzbübisches. Von allen vier Eseln hält er sich am meisten in unserer Nähe auf, als ich mit Barbara Becker am Gatter der Koppel stehe. Nach und nach stellt sie mir die Gang vor. Neben Uwe tut sich auch Tante Ella hervor. Sie meint, das Gras direkt neben meinen Füßen schmecke vorzüglich. Das kitzelt.

Die Älteste im Bunde heißt Wanda. Sie hat Barbara schon vom heimischen Brodersby bis nach Kärnten begleitet, drei Monate lang quer durch die Republik und nach Österreich, hinauf in die Alpen. Das schweißt zusammen. Wanda ist die Einzige, die derzeit Gepäck tragen kann, der Rest der Esel-Clique muss noch groß und stark werden.

Als da wäre Etosha, von französischem Blut, gleiche Höhe wie Wanda. Und die Frage: Wer soll uns heute begleiten? Ich finde natürlich alle wahnsinnig süß. Zwar tendiere ich leicht zu Uwe mit seinem Charme, doch ich überlasse Barbara die Entscheidung. Sie wählt Etosha aus und legt ihr das Halfter an. Allerdings lebt die junge Eselin vermutlich gerade eine Trotzphase und weigert sich mitzukommen.

Etosha darf mit.

So schafft es Uwe doch noch in unsere Damenrunde. Barbara drückt mir seine Zügel in die Hand, erklärt, wie ich sie halten sollte, und los geht es. Sämtliche Wandertouren starten an der Koppel in Brodersby, egal ob sie drei Stunden oder drei Tage dauern. Und so gehe ich zum ersten Mal mit einem Esel spazieren.

Das ist ungewohnt, denn Uwe verhält sich so ganz anders als ein Hund. Zumindest zieht er nicht an der Leine. Außer wenn er futtern will. Und eigentlich will Uwe immer futtern. Soll er aber nicht. Wir wollen ja wandern. Im Eselrhythmus. Das ist nicht sonderlich schnell. Zumal Uwe ständig stehenbleibt, um seiner Gier zu frönen. Das hohe Gras am Wegesrand sieht besonders saftig aus.

Barbara hat mir bereits den fundamentalen Unterschied Unterschied von Pferd und Esel erklärt: Letzterer lässt sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen. Überstürzte Handlungen seitens des Menschen könnten missverstanden werden. Wichtig wäre also: Immer hübsch die Ruhe bewahren.

Kann losgehen!

Mein Problem mit Uwe ist aber anders gelagert: Wie halte ich den jungen Esel vom Fressen ab? Barbara hat mir ausführlich erklärt, dass das nicht gut für ihn ist. Nur Uwe ist komplett anderer Meinung. Getreu dem Motto „Der Esel braucht keinen Chef, sondern einen Freund“ klappt es also nicht.

Ich mache Uwe klar, dass mir Freundschaft wichtig ist, doch er bleibt stehen und zupft weiter. Im Prinzip mag ich Eigensinn ja. Tiere, die aufs Wort gehorchen, sind mir unheimlich. Bleibt mir nur, ebenfalls auf stur zu stellen und weiter zu laufen. Uwe ist zwar kleiner, aber schwerer als ich.

Wenn er könnte, ließen sich gewiss Bärenkräfte freisetzen, doch mit der Zeit klappt es besser mit uns und dem Wanderrhythmus. Vermutlich ist der erste Appetit gesättigt. Überflüssig zu sagen, dass er es immer mal wieder versucht, wenn wir stehenbleiben – etwa um ein Foto zu machen. Posieren hält Uwe für komplett überflüssig.

Dunkle Wolken über der Schlei

Unser Weg führt zunächst entlang der Schlei, die in ein magisches Licht getaucht ist. Das Funkeln steht im krassen Gegensatz zum schwarzen Himmel. Dunkle Wolken, die wohl weiterziehen, so hoffen wir. Obwohl – gut für die Natur wäre ein bisschen Wasser schon. Am Badestrand lenken wir die Schwimmer ab. Was für ein Bild, dieses ungleiche Quartett aus zwei Eseln und zwei Menschen. Alle strahlen uns an.

Etosha wirkt zwar entspannter und scharrt nicht mehr mit dem Vorderhuf, weigert sich aber trotzdem hin und wieder weiterzuwandern. Vielleicht hätten wir auf sie hören sollen. Wir biegen in einen schmalen Weg ein, laufen neben wogenden Weizenfeldern. Ich wundere mich, dass die Ähren schon so weit sind.

Als wäre die Natur in den letzten Wochen explodiert und wachse im Zeitraffertempo. Es geht ein bisschen bergauf, als uns zwei Frauen entgegenkommen, die sich augenblicklich in die Esel verlieben. Wieder dieses Strahlen im Gesicht. Uwe wittert seine Chance und beginnt zu knabbern. Ich gehe weiter. Stur!

Ein schönes Paar

Ungefähr an dem Punkt, als wir am weitesten von der heimischen Koppel entfernt sind, prasselt der Regen auf uns nieder, setzt sich das Unwetter in Gang. Blitz, Donner, Hagel – das volle Programm. Und zwar so schnell, dass ich durchnässt bin, bevor ich die Regenjacke aus dem Rucksack ziehe. Nass bis auf die Haut.

Esel mögen kein Wasser, also gehe ich lieber durch die Pfützen, als dass Uwe sich nasse Hufe holt. Meine Schuhe sind eh durchweicht und bilden zusammen mit dem frisch geschnittenen Gras eine neue, interessante Laufsohle. Da! Ein Reetdach! Ein Café in Sichtweite! Doch lohnt es sich dorthin zu gehen? Barbara ruft kurz die Besitzerin an, da bestätigt sich schon der Verdacht: Geschlossen.

Ein Stück weiter noch ein einsames Haus in der Landschaft. Wir stellen uns in einem Stallgebäude unter, die Besitzer winken uns aus dem Haus gegenüber zu. Sie strahlen, dabei wirken wir vier vermutlich wie begossene Pudel, das Haar strähnig, der Blick leidend. Als es nachlässt, ziehen wir sofort weiter.

Zum Steine erweichen

Ein Fehler! Denn das Glück währt nicht lange, es folgen neue Szenen des Gewitterdramas. Uwe läuft zwar weiter, doch der Appetit ist ihm vergangen, der Rücken leicht gebogen – ein Zeichen fürs Unwohlsein bei Eseln. Am Ende regnet es nur noch, und wir laufen mit langen Leinen in Richtung Koppel. Alle wollen nach Hause.

Vor mir liegt noch eine einstündige Autofahrt in durchnässter Kleidung. Als wir erneut den Badestrand erreichen, bahnen sich ein paar Sonnenstrahlen den Weg durch die Wolken, und uns wird gleich etwas wärmer. Verlassen liegt der Beach jetzt vor uns, die Schlei wirkt aufgewühlt. Auf der anderen Seite senkt sich ein schwarzer Himmel drohend über Schleswig.

Wanda und Tante Ella veranstalten ein gelungenes Willkommenskonzert, als wir in Hörweite sind. Etosha antwortet gebührend und vermittelt mir den Eindruck, bei den Schiffshörnern am Hamburger Hafen in die Schule gegangen zu sein. Nicht nur in Bezug auf die Lautstärke.

Gruppenbild mit Uwe

Uwe wähnt sich wieder in Bestform und versucht auf den letzten Metern noch möglichst viele Grashalme abzugreifen. Schön war’s.

Text und Fotos: Elke Weiler

Die Touren könnt ihr mit Barbara Becker und ihren tierischen Freunden von der Eselkoppel in Brodersby machen. Mehr Infos hier.

Ende gut, Esel satt.
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