Wie eine Medusa

Glückstadt an der Elbe

Im Schirm der Qualle lande ich, hier beginnt alles. Von oben betrachtet formt sich die Keimzelle von Glückstadt wie eine Medusa. Als polygonale Radialstadt angelegt, folgt die Stadt an der Elbe rund um den Marktplatz dem Zeitgeschmack im 17. Jahrhundert, Wohnblocks wie Tortenstücke ausformend.

Das Überraschende an einer radialen Straßenführung ist, dass man schneller am Ausgangspunkt anlangt, als vermutet. Es muss an der Krümmung der Querstraßen liegen. Andernorts haben Planstädte gerne schachbrettförmige Straßenmuster produziert. Simpel, aber auf Dauer ermüdend. Bei Glückstadt sehe ich eine Medusa auf der Karte. Was sicher nicht an meinem Zusammenstoß mit der Nesselqualle letztens liegt, wirklich! Diese hatte meinen Arm umarmt, was ich nach dem Schwimmen bis in die Nacht gespürt hatte. In Glückstadt sind die zum Wasser führenden Straßen länger und höchstens leicht geschwungen. So lösen sie die Schirmform auf, eben wie jene Tentakel einer Qualle.

Was war los mit Christian IV., König von Dänemark und Norwegen sowie Herzog von Schleswig und Holstein im 17. Jahrhundert? Er hatte die Vision einer neuen Stadt inmitten der wilden Elbmarschen. Mit soliden Festungsanlagen gen Nordost, um das Juwel zu schützen. Dort, wo man heute durch einen üppigen Park läuft.

Am Wasser ließ er Deiche und eine Schleuse bauen, damit das Wasser auch nur dort hinkam, wo es hinkommen sollte. In den Binnenhafen nämlich. Dieser streckt sich genüsslich entlang der Stadt. Flankiert von hübschen Fassaden. Ein Hauch von Nyhavn in Schleswig-Holstein. Lykkestad sollte dem aufstrebenden Hamburg Konkurrenz machen. Glaubensflüchtlinge aus Portugal und den Niederlanden siedelten sich an. Nur dass die größeren Schiffe weiterhin Hamburg vorzogen, was auch der Physiognomie der Elbe mit der hier vorgelagerten Rhinplate geschuldet war.

Im Hafen

Mein erster Weg führt ans Wasser. Immer. So folge ich einem der ausgestreckten Tentakel, gehe an der Schleuse vorbei und lande am Hafenkopf. Zur Rechten pendeln die Fährschiffe nach Wischhafen in Niedersachsen munter über die Elbe. Dort habe ich bei ähnlich warmen Temperaturen schon einmal mit der guten Emilia beträchtliche Zeit gewartet, um nach drüben zu gelangen und an der Wurster Nordseeküste den letzten Reusenfischer bei der Arbeit zu begleiten. Die Nordsee prägt Weser und Elbe mit ihrem Rhythmus, was auch die Krabben in des Fischers Reusen spült.

Gegenüber vom Hafenkopf das dichte Grün der Rhinplate. Vereinzelt kreuzt ein Segelboot die Elbe, nur die dicken Pötte bleiben außen vor. Ihre Aufbauten lugen hinter dem grünen Riegel hervor, als wäre ein Hochhaus auf Rädern unterwegs, das sich gemächlich Richtung Hamburg schiebt.

Die Glückstädter nutzten den Hafen, um am Walfang teilzunehmen. Später ging man mit Segelloggern auf die Jagd nach dem Hering. Daraus resultiert eine ihrer heutigen Spezialitäten, der Glückstädter Matjes. Zwar kommt der Hering nun aus Norwegen und Dänemark, zum Glück setzt in Glückstadt aber ein Matjesmacher auf die traditionelle Herstellungsart. Alles in Handarbeit. Ohne künstliche Farbstoffe und Reifungsmittel sowie ohne Konservierungsstoffe.

So passiert es, dass ich mich auf der Terrasse eines Lokals im Außenhafen wiederfinde, Elbblick inklusive. Ich probiere „Matjesbolle“, ein besonderes, etwas größeres und leckeres Brötchen mit feinen Filets, einer sogenannten Hausfrauensoße mit Gürkchen sowie Röstzwiebeln. Das geht perfekt zusammen. Langsam wandele ich zurück, finde den Weg über den Binnenhafen zum Fleth. Hier gibt es nämlich eine Buchhandlung mit Garten und Café.

So gut, dass mir – kontemplativ im Garten sitzend – der Gedanke kommt: Buchhandlungen sollten immer ein Café besitzen. Idealerweise umrahmt von Hortensienbüschen unter offenem Himmel über Backsteinmauern, die den Soundtrack der Stadt wie aus der Ferne durchdringen lassen. Das kulinarische Angebot muss nicht groß sein. Wichtig ist, Schattenplätze anzubieten. Wo man die Zeit vergisst. Wo man ein Buch schreiben könnte, das später in der dem Garten angeschlossenen Buchhandlung verkauft wird.

Slow city

Glückstadt bietet trotz seines Kleinstadtformats mit gut 10.000 Einwohner:innen ein buntes Bild. Und es bietet ein Bild des Wandels. Der Erneuerung. Nicht alles gefällt allen. Das Fleth, zum Beispiel, präsentiert sich im schnittigen, neuen Look. Der einst zugeschüttete Kanal trennt den Schirm der Medusa von den Tentakeln, er durfte in den 80er Jahren wieder aufleben. Die letzte Sanierung hatte u.a. das Ziel, dass Menschen sich am zentralen Marktfleth barrierefrei bewegen und auch gerne mal niederlassen. Doch ein paar Bäume und hübsche Bänke allein reichen zum Wohlbefinden nicht aus. Es hätte einer radikaleren Änderung bedurft. Einer ohne Autos.

Glückstadt ist übersichtlich, Glückstadt hätte das stadtplanerisch hingekriegt. Im Schaufenster einer engagierten Bäckerei prangt eine historische Aufnahme, auf der das Fleth wesentlich grüner wirkt, geradezu wild. Passt das nicht eher zu Glückstadt? Die städtische Schönheit aus dem 17. Jahrhundert mit den alten Gebäuden wie der Stadtkirche sowie den wunderbaren Palais, hätte eine adäquate Auffrischung verdient – ohne Kanten und Verkehr.

Ablesbar sind Zeiten, die sich überlagern. Zeiten, die bleiben, die Identität stiften. Und solche, die es weniger tun. Glückstadt ist im Kern geprägt von der Enge seines ersten Plans. Die historische Schönheit stand und steht im Konflikt mit der Nutzung, als der Autoverkehr zunahm. Der nun nicht mehr zeitgemäß ist. Spätestens seit den Anfängen der Pandemie hat sich eine urbane Vorstellung jenseits der Dominanz auf vier Rädern verfestigt. Städte wie Paris gehen seitdem in großen Schritten auf die urbane Zukunft zu, Städte wie Kopenhagen tun es schon länger. Die Formel lautet: viel Grün, Komfort für Radfahrer und Fußgänger, Lebensqualität und so wenig Autos wie möglich.

Am Abend sitze ich am Rande des Marktplatzes und werde Zeugin eines offenen Ausbruchs des Konflikts. Ein Auto braust über eine der schmalen Einbahnstraßen, eine am Rande stehende Passantin ruft diesem so laut, dass es über den ganzen Platz hallt, ein dreckiges Schimpfwort hinterher.

Glückstadt, als Ideal, Wunsch, Traum gegründet, wäre eine slow city von den Grundfesten.

Mitten in der Nacht höre ich die sanfteste aller Kirchenglocken schlagen. Sie ist nicht groß, die Stadtkirche, sie passt ins Stadtbild, drängt sich nicht auf, bildet einen Teil des Ganzen. Ihre Glocke teilt die Zeit ein, die sich nicht regulieren lässt, während die Stadt langsam in ihrem eigenen Rhythmus erwacht.

Text und Fotos: Elke Weiler

Info

Wie schon die slow food-Bewegung, findet auch der Gedanke der slow city seinen Ursprung in Italien, etwas später, Ende der 90er Jahre. Im Manifest der Bewegung heißt es: „Cittaslow, das ist eine Stadt, in der Menschen leben, die neugierig auf die wieder gefundene Zeit sind, die reich ist an Plätzen, Theatern, Geschäften, Cafés, Restaurants, Orten voller Geist, ursprünglichen Landschaften, faszinierender Handwerkskunst, wo der Mensch noch das Langsame anerkennt, den Wechsel der Jahreszeiten, die Echtheit der Produkte und die Spontaneität der Bräuche genießt,…“

Auch in Deutschland sind bereits 23 Orte Mitglieder der Bewegung, darunter Meldorf in Dithmarschen.

Buchtipp

Der dänische Architekt und Stadtplaner Jan Gehl engagiert sich seit Jahrzehnten für mehr Lebensqualität im urbanen Raum. Eines seiner Bücher titelt dementsprechend „Städte für Menschen“, heute ein Standardwerk für Interessierte.

Jan Gehl, Städte für Menschen
Buchtipp zum Thema Stadtplanung

4 thoughts on “Wie eine Medusa

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