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Eine Insel zum Verlieben

Guernsey geizt mit Regen nicht. Kein Wunder im April, würde man sagen. Und es muss ja auch einen Grund haben, dass das Grün auf der Insel so wuchert. Dass man es zwei Mal im Jahr von den schmalen Straßen zurückschneiden muss, damit Platz zum Fahren bleibt. „Die Leute hier lieben ihr Auto“, meint Gaby, und sie muss es wissen, zog sie doch vor über 30 Jahren von Deutschland auf die Insel. Zwar kam sie nicht, um zu bleiben. Doch auf oder in Guernsey verliebt man sich rasch. Sie heiratete, und die beiden Kinder sind inzwischen erwachsen und leben nach dem Studium wieder auf der Insel.

Jerbourg, Guernsey
Sonntags in Jerbourg

Und was das Auto angeht, nötig hätten es die Insulaner nicht. Für ein Pfund geht es per Bus bequem über die Insel. Darüberhinaus sei der Guernseyer an sich gut zu Fuß, so Gaby. Daher begegnen uns an jenem Sonntagmorgen genug Spaziergänger und Jogger, nicht selten mit bis zu drei Hunden. Allesamt freundlich grüßend, denn als einer von gut 65.000 Einwohnern auf einer 78 Quadratkilometer großen, grünen Insel im Golf von Saint-Malo zu leben, das muss ja fröhlich stimmen.

Zumindest von April bis – sagen wir – November. Im Winter wird’s düster, manchmal neblig, wenn auch nie richtig kalt. Dafür sorgt schon der Golfstrom, der hoffentlich noch lange als Nordeuropas Wärmepumpe arbeiten darf. Letztendlich trägt er die Hauptverantwortung dafür, dass es auf Guernsey und den anderen Kanalinseln so grünt und blüht. Dass das Ambiente fast mediterran anmutet. Die Nordsee wäre im Winter vereist, gäbe es den Golfstrom nicht. Ans Abschmelzen der Polkappen und dessen Wirkung auf den Golfstrom mag man gar nicht denken. Und dabei sollten wir eigentlich über nichts anderes mehr reden als über den Klimawandel.

Jerbourg
Alle Farben Grün

Gelobt sei England, das den Klimanotstand bereits ausgerufen hat. Nun hat Guernsey weniger mit dem großen Nachbarn zu tun, als man denkt. Ohnehin liegt es näher an Frankreich und war, wie die anderen Kanalinseln, zur Eiszeit noch Teil des Festlandes. Mit der großen Schmelze stieg der Meeresspiegel, ein paar Landflecken verabschiedeten sich und voilà, die Inselgruppe ward geboren.

Bei gutem Wetter soll man Frankreich sehen können. Doch selbst aus dem höchst gelegenen Zimmer unseres Hotels kann ich nur auf Saint Peter Port und die vorgelagerten Insel Jethou, Herm und Sark blicken. Was mir natürlich reicht. Im Mittelalter zählten die Kanalinseln zur Bretagne, dann zur Normandie. Die französische Zeit hallt nicht nur in Orts- und Straßennamen wieder, es gibt immer noch Einwohner, die normannisches Französisch sprechen, auch Patois, Guernésiais oder Guernsey-Französisch genannt. Menschen, sich mit „Baon-jour“ einen guten Tag wünschen.

Guernsey, Steinhaus
Typisch Guernsey: Magnolie vor Steinhaus

Zu uns sagt man „hello“ oder „hi“ bei der Begegnung auf den Klippenwegen im Süden der Insel, auf den ebenso schmalen wie beliebten Wanderpfaden, vor allem an Sonntagen. In Jerbourg, dem südöstlichen Punkt, fällt der Blick schwindelerregend die Klippen hinab, spitze Felsen ragen aus dem Wasser. Guernsey, so wild, so schön. Jerbourg ist ein Ort, an dem man stundenlang sitzen und in die Ferne schauen möchte, das ganze Drama dieser Landschaft in sich aufnehmend. Geschichten ersinnend. Wie es wohl Victor Hugo gemacht hatte. Damals.

Im Hier und jetzt folgen Lektionen in kulinarischer Botanik. Scott, der in Südengland aufwuchs und Guernsey schon aus Kindertagen kennt, pflückt und probiert vom Wegesrand: wilden Knoblauch, Sauerklee und Sauerampfer, Pennywort. Pennywort? Wird auch Indischer Wassernabel genannt und kommt eigentlich in den Tropen und Subtropen vor. Die knackigen, nierenförmigen Blätter sind essbar. Scott bricht eines auf und reibt mit der Bruchstelle über die Hand: „Wie Aloe Vera!“ Pennywort wird zum Beispiel in der ayurvedischen Medizin verwendet und soll unter anderem antibiotisch wirken.

Wo die Gänseblümchen Mauern hochklettern.

Sträucher von Stachelginster malen Farbtupfer auf die Klippen, Auguste Renoir wäre glücklich. War er auch, damals. Quasi kurz nach Victor Hugo. Gänseblümchen-Teppiche kriechen an Mauern hoch. Als wir Bluebell Woods erreichen, erleben wir den Krieg der Blumen: Der wilde Knoblauch will das blaue Wunder verdrängen. „Er ist stärker“, meint Gaby. Doch es dominiert das Blau. Und neben den „originalen“ Englischen Hasenglöckchen existieren da noch Spanische Hasenglöckchen, ebenfalls blau, aber dem wilden Knoblauch wohl gewachsen. Bluebell Woods scheint ein etwas zu beliebter Ort zu sein. Teilweise weist ein Draht daraufhin, nicht in die Blumenteppiche hineinzugehen, teilweise sind schon ausgetretene Pfade vorhanden. Abgeknickte Blümchen daneben.

WIlder Knoblauch und Glockenblume
Wilder Knoblauch und Bluebells. Das Kaninchen kam zufällig vorbei.

Ich bin froh, als alle weg sind. In der Stille entwickelt Bluebell Woods seine volle Magie. Auf dem Farb- wird ein Klangwunder, auch wenn die Glöckchen nicht läuten. Dafür klingt das Vogelkonzert in den Wald hinein, gratis. Es sind Momente der Ruhe, des Friedens. Egal, ob an den Klippen, mit Blick aufs Meer, zum Horizont, im Wald oder auch im quirligeren Saint Peter Port. Diese Momente fehlen nie. Morgens zum Sonnenaufgang in meinem Zimmer mit Aussicht. Wenn ich ein Fenster öffne, die Stadt mir zu Füßen liegt und sich stets in einem anderen Licht zeigt. Die Inseln am Horizont locken. Wenn das Wasser kommt und geht, dieses Leben zwischen Ebbe und Flut prägend.

Saint Peter Port
Falls jemand ein Paar Schuhe braucht.

Dann vergisst man leicht, dass Guernsey auch ein Ort des Geldes ist. Eine Steueroase, ein Offshore-Finanzzentrum. Wer zur Mittagszeit durch die Gassen von Saint Peter Port läuft, dem fällt es wieder ein. Die Businessleute in Anzug und Kostüm neben den anderen Einheimischen und den Touristen im Freizeitlook. Diese kuriose Mischung aus Ruralem und Urbanem auf kleinstem Raum. Und dann die Auswahl der Geschäfte, es scheint an nichts zu fehlen in dem 18.000-Seelen-Ort. Man lebt gut hier.

Saint Peter Port
Hafendrama

Die Fährverbindungen nach England sollen besser sein als die nach Frankreich. Immerhin existiert eine Fähre nach Saint-Malo. Und es war die Nacht mit einer rauschenden Springflut, als ich in Saint-Malo auf einem Balkon stand und auf das wilde Meer blickte. Der Strand verschwand, das Wasser klopfte an die Haustür. Da ahnte ich noch nicht, dass der Traum vom Besuch der Kanalinseln mal in Erfüllung gehen würde. Dass ich die Perspektive wechseln würde. In Saint Peter Port hat sich das Meer nach einem windigen Tag beruhigt. Als wir nach Sark übersetzen, ist es glatt wie ein Spiegel.

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an Visit Guernsey, die diese Reise ermöglicht haben. Bald geht es hier weiter nach Sark, wo wir die Ehre haben, den Seigneur zu treffen...

Infos und Tipps zu Guernsey

„Ein Stück Frankreich, das ins Meer gefallen ist und von England aufgesammelt wurde.“

Victor Hugo

Guernsey ist als Kronbesitz direkt der britischen Krone unterstellt und damit nicht Teil des Vereinigten Königreichs. Es wählt sein eigenes Parlament und druckt wie Jersey sein eigenes Geld, mit dem man nur auf den Kanalinseln zahlen kann. Das Guernsey-Pfund ist an den britischen Sterling gekoppelt, der ebenfalls als Zahlungsmittel akzeptiert wird. Guernsey ist nicht Teil der EU, und doch es gilt teilweise EU-Recht sowie EU-Zollrecht. Je nach Handyvertrag profitiert man von den selben Konditionen wie in Deutschland.

Hafen Saint Peter Port
Glatt wie ein Spiegel, das Meer.

Hoteltipp

Zwar habe ich das Hotel Ziggurat nicht selbst ausgesucht, aber ich habe mich dort sehr wohl gefühlt und würde es auch privat buchen. Freundlich bis familiär geführt, fühlt man sich gleich wie zu Hause. Und mein Zimmer (13) hat eine phänomenale Aussicht. Dahinter eine Terrasse, die ich mir mit dem Zimmernachbarn geteilt habe. Morgens ein leckeres Frühstück, sieht man mal vom Toastbrot ab. Ich empfehle die pochierten Eier mit Avocadopürree. Übrigens kochen sie auch abends gut – nur für ihre Gäste! Hmmm, die Tintenfischringe…

Saint Peter Port
Room with a view

Lokalitäten

Mittags habe ich die Gemüsesuppe im „Café Emilia“ mitten in Le Pollet, einer zentralen Straße von Saint Peter Port getestet. Dabei habe ich es geschafft, noch vor den Einheimischen dort zu sein und einen Platz am Fenster zu ergattern. Die Suppe war gut, der Service freundlich. Beim nächsten Mal würde ich etwas von der ausführlichen Frühstückskarte probieren und vor allem den Kaffee mit Guernsey Cream. Die Guernsey-Kühe sind dafür bekannt, besonders fetthaltige Milch zu geben.

Für den Abend empfehle ich das „Octopus“, ein Restaurant direkt am Wasser (Havelet Bay). Als Vorspeise schmecken die Austern von der gegenüberliegenden Insel Herm vorzüglich. Im Hauptgang empfehle ich die Fischsuppe nach Bouillabaise-Art. Crew und Küche sind übrigens französisch, und Victor Hugos Roman (s.u.) hat sie inspiriert.

Restaurant Octopus, Saint Peter Prot
Der Name ist Programm.

Wer es etwas deftiger mag, kann das ebenfalls am Wasser gelegene „The Slaughterhouse“ (Castle Pier) aufsuchen, in dem noch das industrielle Ambiente und die einstige Funktion erkennbar ist. Ein Prosecco auf der windgeschützten Terrasse, ein selbstgemachter Gin des Inhabers an der Bar oder doch lieber die Küche ausprobieren? Mein Tipp: Poutine. Eigentlich eine Beilage und kanadischen Ursprungs, recht gehaltvoll, aber lecker: Pommes Frites mit Bratensoße und Käse.

Lesestoff

Normalerweise lese ich gerne vor der Reise ein passendes Buch, doch dieses Mal habe ich es nicht geschafft. Was mir empfohlen wurde:

Möwe Hafen Saint Peter Port
Die Möwe Jonathan war es nicht.

„Les traveilleurs de la mer“ (Die Arbeiter des Meeres) von 1866. Victor Hugo verbrachte 15 Jahre im Exil auf Guernsey. „Ich widme dieses Buch dem Felsen der Gastfreundschaft und Freiheit, jenem Winkel altnormannischer Erde, wo das kleine edle Volk des Meeres lebt, der rauen und lieben Insel Guernesey, gegenwärtig meine Zufluchtsstätte und wahrscheinlich mein Grab.“ So weit war es dann doch nicht gekommen, Hugo starb 1885 in Paris.

Sehr bekannt und auch verfilmt: der Briefroman „The Guernsey Literary and Potato Peel Pie Society“ (Die Guernseyer Gesellschaft für Literatur und Kartoffelschalen-Auflauf) von Mary Ann Shaffer und Annie Barrows. Ein Insel-Porträt aus der Kriegs- und Nachkriegszeit, das trotz des gewählten Zeitraums scheinbar Sehnsüchte nach Guernsey zu erwecken vermag. So suggerierte jedenfalls meine Sitznachbarin im Flieger. Winkewinke!

Bei den Kollegen weiterlesen? Das haben Nic von Blog Luzia Pimpinella, Nadine vom Familienreiseblog Planet Hibbel und Thies vom Uberding Blog über unsere Reise berichtet.

Autor

Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern.

10 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Avatar Sabine sagt:

    Danke für den interessanten Einblick, mir ist die Insel tatsächlich letztens im Film „Deine Juliet“ begegnet.Der Film mit dem Leseclub. Sehr berührend. Nachdem wir im letzten Jahr die LandeStrände der Alliierten in der Normandie besucht haben (von England aus kommend) schien mir der Film eine Ergänzung zu sein.

    1. Avatar Elke Weiler sagt:

      Hallo Sabine!
      Ja, das glaube ich. Wir haben an der Südküste von Guernsey einige Bunkeranlagen gesehen, so ein Kontrast zu dieser Landschaft. Man konnte durch Gräben laufen, Zimmer mit Bettgestellen besichtigen etc. So beklemmend das auch ist, als Erinnerung taugt es. Von dem Buch habe ich mir auch schon eine Leseprobe hochgeladen, bin sehr gespannt!
      Liebe Grüße, Elke

  2. Avatar DieReiseEule sagt:

    Guernsey macht einen sehr entspannten Eindruck auf mich. Ich glaube, ich könnte mich dort auch wohlfühlen. Das Foto mit dem Häschen ist ja zuckersüß!

    Es grüßt

    DieReiseEule Liane

  3. Avatar Bernd Mueller sagt:

    Wir waren gerade eine Woche auf Guernsey. Alles so wie beschrieben. Einfach herrlich dort. Nette Menschen. Fast alle sagen Thank you beim Austeigen zum Busfahrer. Wir werden sicher wieder hinreisen. Bernd

    1. Avatar Elke Weiler sagt:

      Ja, genau so! Man wechselt auch gerne mal drei Worte, wenn man sich auf einer der Treppen in St. Peter Port begegnet. Ich möchte auch wieder hin. :-) Liebe Grüße, Elke

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