Als endlich Sommer war, hast du es gleich allen gesagt und bist nie müde geworden, es zu wiederholen. Wie ein Mantra. Allein den Herbst willst du zunächst nicht wahrhaben, bedeutet er doch das Ende deiner Lieblingsjahreszeit. Der Spätsommer ging in Verlängerung, und noch einmal. Ein letztes Bad im Meer. Irgendwann kannst du nicht anders, du musst es akzeptieren. Das Laub fällt, es riecht modrig, erdig. Der Regen kommt. Und dir ist, als käme der Boden ein Stück näher, überall die Farbe der Marsch.

Herbst ist…

… wenn du dich damit abfinden musst, dass der Sommer vorbei ist. Wirklich, jetzt. Keine nackten Füße mehr. Keine Leichtigkeit. Kein Schwimmen an der Lieblingsbadestelle, die bald wieder von Seehunden bevölkert sein wird. Einen von ihnen hast du bereits getroffen, als noch Sommer war. Im Wasser, auf halber Strecke nach Nordstrand. Aber jetzt ist Schluss, aus, alles vorbei. Keine Schwerelosigkeit mehr im Meer. Keine Quallenforschung. Jetzt geht nur noch Luftbaden. Außer du wohnst am Mittelmeer oder in der Karibik.

… wenn der erste Sturm einen Teil deines Lieblingsapfelbaums absägt, und die Hunde das weitläufige Geäst auf dem Boden eingehend inspizieren. Nein, sie pflücken keine Äpfel, das musst du schon selber tun. Beziehungsweise erst mal das noch taugliche Fallobst zu Crumble verarbeiten. Und ich verrate dir: Der erste Crumble der Saison ist pure Magie. Das macht dir den Herbst etwas sympathischer.

Die Rückkehr der Gummistiefel

… wenn die Quitten wie reife Zitronen am Baum hängen und dank des prächtigen Sommers rund und schön, gelb und gesund aussehen. Wenn du deine Liebe zu Quitten entdeckst. Dieser Duft, wenn du Gelee kochst, zum ersten Mal in deinem Leben. Und nicht weißt, was du mit dem Fruchtfleisch anstellen sonst. Die Lösung heißt: Quittenbrot! Gelieren, erkalten lassen, in Stücke schneiden. Es gibt keinen besseren Gummibärchen-Ersatz! Leider sind auch Wespen davon sehr angetan, die dir unter Umständen einen kleinen Besuch abstatten. Und der Gelee eröffnet dir – abgesehen davon, dass er bestens zum Croissant passt – die Möglichkeit einer Quittentarte.

Herbst ist…

… wenn Gummistiefel wieder zu deinem täglichen Begleiter werden. Eine Hassliebe, weil nichts übers Barfußlaufen geht. Andererseits kannst du dank des guten Profils jetzt gefahrenfrei den Deich hoch und hinunter kraxeln. Durch jede Pfütze waten. Und durch die Brandung laufen. Beim ersten Mal vergisst du noch, dass Gummistiefel selten bis zur Hüfte reichen und kehrst halb nass zurück. Egal. Das war es wert.

… wenn die Nebeltage kommen. Von nun an siehst du mit den Ohren, was sich wie nachts ohne Taschenlampe herumzulaufen anfühlt. Fantastisch an sternenklaren Nächten. Nicht nur, weil du nach Sternschnuppen Ausschau halten kannst. Irgendwie rückt deine Umgebung näher an dich heran, alles wird intensiv. Die Geräusche geben den Ton an.

So ist es auch mit dem Nebel. Zwar verschluckt er alles, auch dich. Doch dann tauchst du wieder auf, am Deich. Wildgänse schweben wie trunken knapp über deinem Kopf hinweg, ein Extra-Konzert gebend. Das Meer ist irgendwo draußen, unsichtbar für die Augen. Du möchtest nach links, doch die Hunde wollen nach rechts, und du bist überstimmt.

Schafshintern im Nebel

Plötzlich stehen Schafe vor dir. Da das Verhältnis zwischen den Hunden und ihnen angekratzt ist, drehen sie dir den Rücken, respektive Hintern zu. Auch du gehst weiter, verloren in tiefhängenden Wolken, Feuchtigkeit auf Haut und Haar.

Schließlich kristallisieren sich ungewohnte Formen aus dem Nebel heraus. Ein einsamer Wagen. Ein Tisch. Ein Paar. Frühstück im Nebel. Dein Herz jubiliert, du rufst ein lautes Moin durch Nebelschwaden hindurch. Spontan wirst du eingeladen, den Hunden wird Wurst angeboten. Leider habt ihr ja schon gefrühstückt. Nun ja, die Hunde wären flexibel.

… wenn sich der Nebel wieder verflüchtigt wie ein nasses Gespenst. Und du dich an grauen Tagen über Farbtupfer in der Landschaft freust. Eine einsam am Straßenrand aufgerichtete Sonnenblume. Dem Herbst trotzender Klatschmohn und Kornblumen. Rosen! Und dass noch etwas in den Beeten wächst: Spinat und Feldsalat. Dass du den Wirsing noch ernten kannst.

Herbst ist…

… wenn sich das silbrig blühende Reet im Wind wiegt. Oder sich bei Feuchtigkeit hängen lässt, triefend. Wenn du über die Ähren streifst und dich wunderst, dass sie sich wie Seide anfühlen.

Nasse Tage

… wenn das Watt rot und gelb wird, weil Gras und Queller bei der herbstlichen Farborgie mithalten wollen. Doch bald ist es vorbei. Dann wird da nur noch Grau sein. Wenn du das trotzdem wunderschön findet, in Meerespfützen springst und einen Trupp Austernfischer entdeckst.

… wenn du weißt, dass die Tage mit Emilia gezählt sind, und sie immer öfter in die Garage wandern wird. Du überlegst, noch ein paar schöne Ausflüge mit deinem Lieblingsgefährt zu machen, musst jedoch sturmfreie Tage abwarten, weil sich ihr chilliges Wackeln sonst in einen unkontrollierten Schlingerkurs verwandeln könnte.

… wenn deine langhaarigen Freunde dir tonnenweise Gestrüpp und trockenes Laub ins Haus tragen, damit der Herbst auch drinnen sichtbar und fühlbar wird. So schnell kannst du gar nicht kehren, staubsaugen, putzen. Freunde dich mit dem Gedanken an, dass erst im Winter alles besser wird. Doch an Winter willst du gar nicht erst nicht denken.

Herbst ist…

… wenn der Boden an windstillen Tagen nach Erde, feuchtem Laub und Kastanien riecht und du eventuell bereit wärst, dich mit dem Herbst zu versöhnen. Zumindest für eine gewisse Zeit. Wenn du dabei ausblendest, dass das letzte Laub bald fallen wird. Dass der Herbst immer den Winter ankündigt, und sich für diese Übergangszeit ein goldfarbenes Kleid anzieht.

Herbstmelancholie
Hinterm Deich

… wenn mit einem Mal durch die Luft wehende Spinnfäden vom Altweibersommer reden. Und der Herbst wirklich alles gibt, um dich umzustimmen. Sonne! Wärme! Gold! Äpfel! Vielleicht kannst du doch noch mal schwimmen gehen?

Text und Fotos: Elke Weiler

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Elke

Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern.

  1. Margot S. says:

    Ich gestehe gerne: ich liebe den Herbst – ganz besonders, seit wir in Ostfriesland und kurz hinter dem Deich leben …
    Danke für Deinen heutigen Beitrag und Grüße
    Margot

    1. Elke says:

      Ja, auf dem Land ist man viel verbunden mit den Jahreszeiten, so empfinde ich es zumindest. :-) Danke und liebe Grüße von Nord- nach Ostfriesland, Elke

  2. Franziska says:

    Guten Morgen!

    Das ist mal eine schöne Liebeserklärung an den Herbst. Hier haben wir noch (oder schon wieder) flotte 17 bis 25 Grad, das Laub verfärbt sich erst jetzt, Kastanien gab es nur „eine Handvoll“ und die Beschreibung hat mich sehr an das Jahr in Husum erinnert! Wir sind damals teils im dichten Nebel los mit den Rädern zur wöchentlichen Vogelzählung. Irgendwann gab es auch Glatteis und eingefrorene Füße. Lach.

    Liebe Grüße
    Franziska

    1. Elke says:

      Danke, liebe Franziska, das klingt schön! Ich bin ja immer ein bisschen zwiegespalten, was den Herbst angeht. Aber er hat schon seine Faszination. :-) Liebe Grüße von der Küste! Elke

  3. Kai says:

    Ich liebe den Herbst. Nur später. Viel später. Weil der Sommer so früh ging, viel zu früh. Aber weil er ja auch viel zu früh kam, weil der Frühling so toll ist. Ja, der ist toll. Nur viel zu schnell. Und der Winter davor…

    Ich liebe die Jahreszeiten. Jede für sich. Und wünschte mir für jede, dass sie lange nicht endet.

    Leben ist schön.

    Lieber Gruß ans andere Meer ….

    1. Elke says:

      Ich wundere mich immer wieder, wieviele Leute den Herbst mögen! :-D Diese Depri-Stimmung! Die Flucht in Hygge-Maßnahmen! Das Einigeln der Menschen, außer sie leben in der Stadt. Klar, in der Karibik würde man die Jahreszeiten vermissen. ;-)

      Liebe Grüße ins Hygge-Land Nr. 1!

      1. Kai says:

        Also meine Lieblingszeit ist ganz klar Mai und Juni. Aber erliege ich eben auch immer der Versuchung, die Zeit anhalten zu wollen. Und das macht den Herbst dann auch ziemlich schön. Einfach weil er noch da ist:-) Und dann, schau Euren Apfelbaum an. Noch hängen die Blätter dran. Ist das nicht der kleinst möglich zu findende Kompromiss in Sachen Naturschönheit?

        Ja, wir sind hier ziemlich hygge :-)

        In meinem liebsten Bundesland NF soll es ja so fiese Vorkommnisse geben. Hab ich so gehört. Soll mal ein Hund drauf kommen : –) Im Frühjahr muss ich mich dem mal widmen….

        1. Elke says:

          Wir waren ja vor einer Woche noch im Urlaub in DK, und ich hab gesagt: Hier kann man den Herbst akzeptieren! Alles eine Frage des inneren Kompasses also. Wir arbeiten dran. Aber vorher gibt es noch so viel zu tun!

          Im Frühjahr erwarten dich (und hoffentlich noch ein paar Andere) ziemlich obskure Geschichten. Mit Kühen, Modder und allem drum und dran. Aber bei Julchen ist der erste Fall in besten Pfoten. :-D

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