Zwischen Wasser und Luft

Die Strömung drückt uns gegen das Taucherboot, und Kevin rät, nach dem Seil an der Seite zu greifen. Ich stemme mich mit den Flossen gegen den Schiffskörper, bis alle Schnorchler im Wasser sind. Nur ein kleines Stück müssen wir gegen die Strömung anschwimmen. „Wenn wir näher am Riff sind, wird es besser“, weiß Kevin aus Erfahrung.

Wir haben Coral Garden, einen der Tauch- und Schnorchelspots am Heron Island Reef erreicht, die der auf der Insel lebende Taucher, halb Franzose, halb Portugiese, in- und auswendig kennt. Kevin stammt aus Paris, ist aber seit Jahren in der Unterwasserwelt unterwegs. Nun also Heron Island, eine kleine Insel am Great Barrier Reef mit einer eigenen Forschungsstation der Universität Queensland.

Wenn alle schnorcheln, hat man den Strand für sich allein.

Wer hier nicht zum Schnorchler oder Taucher mutiert, bleibt an Land und frönt dem einfachen Inselleben. Einfach mal nichts tun. Den Baby-Haien am Anleger zuschauen, nachts die Plastizität des Sternenhimmels bewundern. Wobei es schwierig ist, dem Great Barrier Reef zu widerstehen. Überall ist es und bestimmt das Leben auf der Insel. Selbst ohne Schnorchelbrille kann man das Riff erfahren, etwa bei einem Reef Walk.

Le Grand Bleu

Zusammen mit Rachel von der Marine Station haben wir neue Bekanntschaften gemacht. Zu Fuß. In Neoprenschuhen. Die eine oder andere Seegurken-Sorte mit der Gründlichkeit eines Biologen-Teams untersucht. Mit kindlicher Neugierde Seesterne befühlt. Riesenmuscheln in den lachenden Mund geschaut.

Hai noon

Doch nun sind wir näher dran, hier im Coral Garden. Die beiden letzten Schnorchler sind ins Wasser gesprungen. Eine klettert gleich wieder die Treppe hoch, das stark bewegte Wasser macht ihr Angst. Es drückt gegen die Lunge, Wasser schwappt in den Schnorchel. Das zum Pazifik zählende Korallenmeer schmeckt salziger als die Nordsee, doch das ist wohl eine Täuschung.

Ich sehe einen Taucher in die Tiefe gleiten, Erinnerungen an „Le Grand Bleu“ mit Jean-Marc Barr und Jean Reno poppen auf. Doch Apnoe-Taucher sind es nicht, die sich langsam bis zum Grund bewegen, gleichsam schwebend. „Diese Freiheit, dieses Gefühl der Schwerelosigkeit“, hat einer von ihnen, Jean-Michel aus Nizza am Abend zuvor geschwärmt. Der unbekannte Taucher winkt mir zu.

Wir Schnorchler sind andere Wesen, wir leben an der Grenze zwischen Wasser und Luft.

Möglichst beieinander sollen wir bleiben, hat Kevin uns geraten. So heißt es also immer, nicht nur schön auf die Unterwasserwelt, sondern auch auf die Gruppe zu achten. Alle kennen die wichtigsten Handzeichen, um das Boot heranzuwinken oder einfach zu demonstrieren, dass alles ok ist.

Korallen sind keine Pflanzen, sondern Nesseltiere.

Kevin hat recht. Als wir die Fische am Riff sehen, können wir uns ganz locker treiben lassen. Zum ersten Mal sind mir die Flossen nicht im Weg, sie fühlen sich vielmehr wie eine natürliche Verlängerung des Körpers an, der zum Fisch wird, der den Rhythmus ändert, der schwebt und Teil der anderen Welt wird. Zumindest zeitweise. Wer abtaucht in dieses Riesen-Aquarium, wird automatisch langsamer.

Da, die erste Schildkröte!

Es ist eine Green Turtle, beziehungsweise eine Grüne Meeresschildkröte, mehr braun als grün. Und es kommen uns weitere vor die Linse, eine steigt in Zeitlupe nach oben – Sinnbild der Langsamkeit. Eine andere krabbelt über den Boden, scheinbar auf Futtersuche. Das rechte hintere Bei fehlt ihr. Kevin hebt den Kopf aus dem Wasser, nimmt kurz den Schnorchel ab und mutmaßt, dass ein Tigerhai es ihr entrissen hat. Aber wer weiß das schon so genau?

Der Schnorchel-Film, Klappe 1

Ich folge den Fischen. Tiefblau mit gelben Schwänzen leuchten einige von ihnen im Wasser, es müssen Gelbschwanz-Füsiliers sein. Nur die Korallen leuchten meist nicht. Beige-grau bis hellbraun halten sie sich im Hintergrund. Kevin meint, das läge an der Wassertemperatur und den Algen hier, dass die Korallen nicht bunt seien. Immerhin sind sie nicht weiß, was auf eine Beschädigung schließen ließe.

Doch die große Korallenbleiche der vergangenen Jahre betraf vor allem den tropischen Norden von Queensland. Seit den 50er Jahren existiert eine Research Station auf Heron Island, die von der Universität Queensland übernommen wurde. Das Forschungszentrum hat sich auf Korallenforschung und Klimawechsel spezialisiert, wie wir bei einer Führung mit dem Scientific Officer Samuel erfahren haben.

Eigens für die Schnorchler und Taucher abgelegt: Was vom Marineschiff übrig blieb.

Derweil habe ich zum ersten Mal das Gefühl, die Oberfläche verlassen zu müssen, tiefer einzutauchen in diese andere Welt. Doch ich schaffe es lediglich, den Kopf von der Oberfläche zu lösen und dem Knistern zu lauschen. Wer Glück hat und ein paar Meter hinuntergeht, kann sogar Wale singen hören – vorausgesetzt sie sind in der Nähe. Über viele Kilometer hinweg seien diese zu hören, hat Daniel, der andere Taucher unserer Gruppe, berichtet.

Das Schaukelgefühl

Mitten in der Nacht werde ich wach. Der Wind hat sich gelegt, doch das Meer hat es noch nicht bemerkt. Mit unverminderter Lautstärke rollt es gegen den Strand. Ich schließe die Augen und spüre die Wellen, als stünde mein Bett nicht im Zimmer, sondern schwämme auf dem Wasser. Wieder denke ich an „Le Grand Bleu“. Hat es mich erwischt wie die Apnoe-Taucher?

Wohl kaum. Ich war lediglich zu oft auf und im Wasser. Ein bis zwei Mal täglich schnorcheln, hinzu kommen die Bootsfahrten zu den Tauchspots und zum Sonnenuntergang. Der Gleichgewichtssinn hat sich all das gut gemerkt.

Und ich wehre mich nicht gegen dieses leichte Schaukeln, das mich wieder in den Schlaf wiegt.

Die Beschaffenheit einer Seegurke

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an Tourism Queensland, die zu dieser Pressereise eingeladen haben. Speziell an Papa Pete für die minutiöse Organisation und Betreuung der Reise. So konnte auch wirklich niemand vergessen, kleine Pausen zum Duschen und Umziehen zu nutzen. Nicht zu vergessen: danke an meine „australische Familie“, die sogar fünfstündige Busfahrten wie einen Klacks erscheinen ließ.

Ein Teil der Gang, anonym.

Infos zur Anreise, Reisezeit und Unterkunft

Ich bin mit Thai Airways (Teilsponsor) von Frankfurt über Bangkok nach Brisbane geflogen. Inklusive dreistündigem Aufenthalt am Flughafen in Bangkok kommt man auf etwa 22 bis 23 Stunden Reisezeit zuzüglich der Anreise nach Frankfurt. Thai Airways fliegt auch ab München, Wien und Zürich nach Brisbane.

In Brisbane lohnt sich ein kurzer Aufenthalt (darauf komme ich später noch zurück), bevor es weiter nach Gladstone geht. Wir sind mit Virgin Australia geflogen. Dauer: eine Stunde und zehn Minuten. Alternativ könnte man mit QueenslandRail nach Gladstone fahren, was über sechs Stunden dauert.

Bootsverkehr

Von dort gelangt man entweder per Helikopter (Pilot Will erkennt jede Schildkröte und jeden Mantarochen aus der Höhe) oder mit dem Katamaran nach Heron Island. Die Insel selbst besteht aus Korallen und Sand und ist vom Heron Reef umgeben. Bis ins 20. Jahrhundert war sie unbewohnt, wurde jedoch zur Jagd auf Suppenschildkröten benutzt, bis es kaum mehr welche gab. In den 40er und 50er Jahren des letzten Jahrhunderts entwickelte sich der Tourismus. Das Reiten der Gäste auf Schildkröten wurde in den 60er Jahren verboten.

Wohnen auf Heron Island

Von Oktober bis März dient Heron Island als Brutplatz für Grüne Meeresschildkröten und Karettschildkröten. Die Kleinen schlüpfen in Massen ab Januar, doch nur relativ wenige schaffen den Weg ins Meer.
Auch zu anderen Zeiten gibt es genug zu entdecken, die beste Reisezeit für Queensland reicht von April bis November. Ornithologen kommen auf Heron Island sowieso auf ihre Kosten. Und wer Wale sehen möchte, sollte zwischen Juni und November vor Ort sein.

Aber dazu bald mehr!

Noch ein Lesetipp: Der lange Weg nach Australien oder zu einer anderen exotischen Destination – wie überlebe ich einen Langstreckenflug?

Seegurke, wer bist du?
Folge den Fischen!
Joseph hat das letzte Wort.

Noch mehr lesen?

  1. Ein schönes Erlebnis, diese Welt unter Wasser kennenzulernen, und sehr mutig.

  2. Oh, ich mag sehr wie du schreibst! Schön zu sehen, dass es Menschen gibt, die meine Liebe zum Meer genauso teilen! :) Liebe Grüße, Thea

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