Die 187 ultimativen Tipps, um einen Langstreckenflug zu überleben

Langstreckenflüge vermeide ich am liebsten. Nicht nur, weil es auf Dauer ungemütlich und langweilig im Flieger ist. Auch ökologisch. Nun gehört Reisen aber zu meinem Beruf, es ist mein Beruf, den ich seit 20 Jahren mit Leidenschaft ausübe. Es ist leider kein 8-Stunden-5-Tage-die-Woche-Job, grenzt an Selbstausbeutung und verlangt Familie und Freunden viel Nachsicht und Geduld ab.

Letzteres nützt einem selbst bei Fernzielen, wenn sich die Anreise ins Unendliche dehnt, auch weil der nächste Flughafen nicht gerade ums Eck liegt. Wenn allein schon die Zugfahrt einer kleinen Weltreise gleichkommt. Und du plötzlich Landstriche von Deutschland zu Gesicht bekommst, die dir exotischer erscheinen als dein Zielgebiet.

Flughäfen sind namenlose Räume. Du trinkst noch einen Kaffee und begibst dich auf die endlose Reise über den Wolken. Bist du praktisch, mental und körperlich darauf vorbereitet?

1. Checke routiniert ein, auch wenn du Zweifel hast. Irgendwie musst du nach Australien oder Südamerika beziehungsweise wieder nach Hause kommen.

2. Mach dich nicht verrückt, indem du an die Zukunft denkst. Schalte das Chat-System ein und tausche dich mit einem Kollegen aus, der gerade beschlossen hat, Thailändisch zu lernen.

3. Zwar gibt das Onboard-Entertainment keine Hilfe bei ebendem, doch selbst ist der Mensch. Setze deine Fantasie ein. (Das hilft übrigens auch in anderen Lebenslagen.)

Schöne Aussichten

4. Überlege, inspiriert durch den Chat, deinen ersten Roman auf Thailändisch zu schreiben. Denn nur hier, an Bord eines Fliegers dieser Airline, gibt die Tastatur das her. Beginne ohne zu zögern mit „Ozeanwellen Schneemann Apfel mit Hut Gehstock Schnörkel“ Der dramatische Höhepunkt der Geschichte endet mit „Schnörkel Schnörkel Schnörkel“.

5. Sei froh und glücklich, wenn der Chat-Kollege spontan dein Agent werden will.

6. Alternativ kannst du dich mit Personen deiner näheren Umgebung unterhalten. Manchmal kommen dabei überraschende Neuigkeiten ans Licht: „Ihr habt euch wieder vertragen?“ Merke: In der Luft ist alles möglich.

7. Das Glück ist dir hold, wenn du im Flieger nette Bekanntschaften machst, die dich schließlich über drei Langstreckenflüge begleiten. Manchmal stellt man dabei über Istanbul fest, dass man aus der gleichen Ecke der Welt stammt. Das verbindet ungemein.

8. Oder aber man schließt spannende Bekanntschaften mit Leuten, die sich auf den langen Weg in ein neues Leben machen. Die man direkt ins Herz schließt und denen man frei nach dem Motto „Adopt an Omi“ seine Telefonnummer notiert – für den Fall, dass sie in Deutschland Hilfe nötig haben.

9. Es passiert hin und wieder, dass man dafür im Gegenzug eine coole Adresse in Chile in die Tasche steckt.

10. Oder einer Japanerin begegnet, die als lebendiges Beispiel für den Mythos Okinawa, der Insel der Hundertjährigen, neben dir sitzt. Ok, sie ist noch keine 100. Aber ohne Zweifel wird sie sie erreichen. Und in dir wächst der Wunsch, einmal nach Japan zu reisen.

Brisbane: Anatomie einer Stadt

11. Ja, man wird auf Langstreckenflügen häufig vom Service unterbrochen, der mal wieder Essen verteilt. Pro-Tipp: Man muss das nicht alles verspeisen. Es gibt die Möglichkeit, einfach mal eine Mahlzeit ausfallen zu lassen, wenn man keinen Hunger hat.

12. Du willst schlafen und kannst es nicht, weil du dich eingeengt und in einer eher unnatürlichen Schlafposition befindest? Durchforsche das Onboard-Entertainment nach einem Slow-Life-Film! So fand ich unlängst ein kleines Juwel, das ich mir drei Mal über zwei Flüge verteilt anschauen musste, weil ich immer wieder eingeschlafen bin. Bestimmte Szenen konnte ich am Ende mitsprechen. Scherz, es war Koreanisch mit englischen Untertiteln. Aber die zelebrierten Gerichte kann ich (fast) Nachkochen. Der Reiskuchen, ein absoluter Wahnsinn! Wusstet ihr übrigens, dass man Kaki-Früchte im Herbst draußen zum Trocknen aufhängt, und hin und wieder massiert, damit sie im Winter die ideale Konsistenz haben? Ich auch nicht. (Der Film heißt übrigens „Little Forest“.)

13. Ziehe dir etwas Bequemes an, das auch hübsch ist. Mit einem farbenfrohen, geblümten Kleidchen aus Finnland kannst du zum Beispiel das Herz einer thailändischen Flugbegleiterin erfreuen, der du mitten in der Nacht vor der Toilette begegnest, während ihr gerade über Kasachstan fliegt.

14. Gehe auf Entdeckungstour in den Schätzen der Musiktruhe des Fliegers, höre dich in neue Welten ein.

15. Versuche dabei nicht laut mitzusingen, um die ohnehin labile Nachtruhe deiner Mitfliegenden nicht zu gefährden.

16. Lies ein gutes Buch. Ich bin für die sofortige Einführung von physischen oder digitalen Bibliotheken in Flugzeugen. Eventuell auch kleinen Ecken zum Büchertausch. Allein, um zu sehen, ob der Agent dein erstes thailändisches Buch schon unter die Leute gebracht hat.

17. Schaue in die Movies deiner Mitreisenden hinein und überlege dir die passenden Dialoge zur Stummfilm-Handlung, meist Action-Movies. Pro-Tipp: Dialoge gemeinsam mit der/dem Sitznachbarn/in ausdenken.

Der blaue Planet

18. Und nun die größte Herausforderung: Versuche, dich zu bewegen, ohne mit deinen still und artig dasitzenden Mitreisenden zusammenzustoßen. Man soll ja hin und wieder ein paar Übungen dort oben in der Luft machen. Allein der Platz für Yoga fehlt.

19. Überlege, welche taktisch klugen Schachzüge notwendig sind, um die linke oder rechte Armstütze wiederzugewinnen, die dein Nachbar souverän für sich beansprucht hat. Spätestens jetzt beginnt dein Kopf zu rauchen, eine gute Übung zur Vorbeugung von Alterskrankheiten.

20. Mache dich nützlich und halte die Toiletten in Schuss, wenn du gerade keinen neuen Roman schreibst. Deine Mitreisenden werden es dir wahrscheinlich nicht danken, tu es einfach für dich, für dein Wohlbefinden. Hygge über den Wolken sozusagen! (Pro-Tipp: Verzichte auf das Anzünden hyggeliger Kerzen, wenn du außerplanmäßige Zwischenlandungen vermeiden willst.)

21. bis 187. Eat. Sleep. Repeat.

So. Jetzt wisst ihr, was ich mache, wenn ich in Roissy eine dieser kuscheligen Business-Ecken finde.

Text und Fotos: Elke Weiler

Kategorien Reisen

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Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern (siehe Footer).

  1. Vielen lieben Dank für diese tollen Tipps! Die letzten 166 Tipps kannte ich zwar schon, aber die anderen sind neu für mich. Mein absoluter Pro-Tipp: Einen perfekt getimten Weißwein trinken und dann so lange lesen, bis einem die Augen vor Müdigkeit zufallen.
    LG Sabienes

  2. Du bist schuld, dass ich „Little Forest“ gegoogelt habe und wissen wollte, ob das mit den Kaki-Früchten stimmt….

  3. Den Tipp mit dem Thailändischen Roman finde ich gut. Ich habe immer ein Hörbuch dabei. Ich weiß nicht auf wie vielen Flügen ich am Ende immer bei Stolz und Vorurteil gelandet bin. Das Hörbuch kann ich mir immer wieder anhören und einfach etwas Augenpflege betreiben.
    LG Kerstin

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