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Theo und das wilde Vieh

Husumer Binnenhafen

Es ist schon ein paar Jahre her, dass ich zum ersten Mal in Husum war. Die Sonne schien, und wir saßen draußen am Binnenhafen. Der Duft nach Watt und Meer war mindestens genauso intensiv wie heute.

„Würdest du hier wohnen wollen?“, fragte ich mein Gegenüber. Nein, das wollten wir beide nicht. Gründe? Unbekannt. Einfach ein Gefühl. Doch der kilometerweite Strand von St. Peter hatte es uns angetan, deswegen machten wir gleich mehrfach Urlaub in Nordfriesland.

Zwei Jahre nach dieser Frage wohnten wir am Stadtrand Husums mit Blick auf die Fennen. Sogar den Hafen konnten wir aus der Ferne erkennen. Und noch mal zwei Jahre später haben wir uns dort niedergelassen, wo es uns von Düsseldorf aus eigentlich hinzog: auf die Halbinsel Eiderstedt.

Husumer Binnenhafen

Wir wollten das Landleben austesten – ohne Stadt, allein zwischen Schafen und Kühen, Fröschen und Fasanen. Inzwischen ist Husum nicht mehr nur der Boxenstopp zwischen Stadt- und Landleben, sondern eine Art Rettungsanker, wenn uns mal die Decke auf den Kopf fällt, oder uns der Duft der Gülle das Hirn vernebelt.

Heute ist so ein Frühlingstag, der einen alles andere vergessen lässt. Die Feuchtigkeit, den Nebel, den Winter auf dem Land. Das Graue der Gegend. Husums bekanntester Sohn Theodor Storm hat Husum „die graue Stadt am Meer“ genannt.

Theodor Storm

Als frischgebackene Wahl-Husumerin wollte ich ein Buch aus meiner Schulzeit wieder lesen, das ich als Kind nicht richtig zu schätzen wusste: „Der Schimmelreiter“. Im fortgeschrittenen Alter fand ich es wunderbar, mitten in dieser Stadt, mitten in dieser Landschaft. Zu Hause am Deich.

Jedes Mal, wenn ich eine Reise mache, suche ich vorher nach Literatur, die mich an den Ort versetzt, seinen Geist, seine Stimmung wiedergibt. Ich suche eine Art Schimmelreiter für jede Gegend. Und darüber hinaus noch jemanden, der sich auskennt.

Birgit Jessen ist so jemand. Die gebürtige Hamburgerin lebt schon jahrelang mit ihrem Husumer Mann genau dort am Stadtrand, wo auch wir gewohnt haben. Sie schaut auf die Fennen und den Hafen in der Ferne. Und heute führt meine ehemalige Nachbarin Gäste oder Interessierte wie mich durch die Stadt.

Über Theo weiß sie natürlich Bescheid. Sie kennt alle Häuser, in denen er je lebte. Die teilweise Schauplätze seiner Novellen waren. Sie weiß auch, dass er eine Weile im Exil lebte, aber nach Husum zurückkehrte.

Und dass er die Marienkirche am Markt nicht so mochte. Wir stehen davor, und ich gebe zu, dass ich die Kirche auch nie sonderlich hübsch fand. Sie ist mir zu streng, die ich meine Abschlussarbeit über den venezianischen Barockbau Santa Maria della Salute schrieb. Und irgendwie passt sie nicht so recht zum Platz, der von Giebeln und rotem Backstein geprägt ist.

Einen „gelben Kaninchenstall mit einer Pfefferbüchse drauf“ hat der Dichter Storm den klassizistischen Kirchenbau spöttisch genannt. Mir gefallen wohl die Baumreihen drumherum, die zum Konzept des dänischen Architekten Christian Frederik Hansen gehörten.

Die Kirche

Überhaupt braucht Stadtplanung viel mehr Grün. Birgit mag das Innere der Kirche, das nach der Renovierung wieder so zurückhaltend und hell ist wie einst vorgesehen. Mich erinnert das mehr an einen Tempel als an eine Kirche.

Ein Festsaal sollte sie sein, in dem die frohe Botschaft verkündet wird, so erzählt mir Birgit vom Wunsch des Architekten. Und der Klassizismus entsprach dem Geschmack der Zeit, das weiß ich als Kunsthistorikerin.

Husum, Marienkirche
Tine vor der Marienkirche

Wir stehen wieder draußen in der Sonne und wenden uns den weltlichen Dingen zu. Der Tine nämlich, die mehr zum Wahrzeichen der Stadt geworden ist, als irgendein Bauwerk es je schaffen konnte.

Da steht die Fischersfrau auf einem Brunnen mitten auf dem Markt, beliebter Treffpunkt für Alt und Jung. Ihr Rock vom ewigen Wind verweht, der Blick stolz in die Ferne gerichtet. „Eine Halligfriesin stand dem Bildhauer Adolf Brütt Modell“, weiß meine ehemalige Nachbarin.

Der Hafen

Heute ist Husum eine Hafenstadt, doch dem war nicht immer so. Vor der großen Sturmflut im Jahre 1362 lag die Stadt 30 Kilometer vom Meer entfernt. Rungholt, eine florierende Handelsstadt ging damals unter, und Husum konnte sich in der Folge als neuer Warenumschlagplatz etablieren.

Mit der nächsten großen Flut im Jahre 1634 drehte sich der Spieß wieder um: Die Insel Strand verschwand auf der Landkarte, sie war die Kornkammer Husums gewesen. Ebenso gingen große Teile der Handelsflotte verloren.

Binnenhafen
Husum – bunte Stadt am Meer

Doch in Husum wurden weiter Schiffe gebaut, die alte Slipanlage mit dem Tonnenleger Hildegard am Binnenhafen erzählt davon. „In den 70ern wurde die Werft in den Außenhafen verlegt. Heute werden dort die Fähren repariert, ein zweites Standbein sind seit den 80ern die Windkraftanlagen“, sagt Birgit.

Die Krokusse

In 2011 habe ich eine Schiffstour durch den Hafen gemacht und war überrascht. Aber jetzt möchte ich zu den Krokussen. Rund ums Husumer Schloss blüht es nämlich gerade lila auf. Das war im letzten Jahr noch ganz anders, als das Krokusblütenfest wegen des langanhaltenden Winters verschoben werden musste.

Die Natur hält sich eben nicht an feste Termine. Wer hier so viele Krokusse angepflanzt hat und zu welchem Zweck, darüber gibt es diverse Vermutungen. Egal. Heute ist der lila Teppich eine Attraktion im Frühling. Deswegen tummeln sich aktuell auch die Massen im Park.

Hummel auf Krokus

Bis in die 70er Jahren waren es eher die Rinder, die das Leben der Stadt mitbestimmten, und zwar nicht nur im Frühjahr. Erst 1970 wurde die große Viehhalle in der Neustadt geschlossen.

Die Rinder

„Das ging hier zu wie in Pamplona“, meint Birgit lachend, als wir über die heutige Einkaufsstraße Neustadt spazieren. Skulpturen aus rostigem Stahl erinnern an die Bedeutung Husums als größter Viehmarkt Nordeuropas. Die älteren Husumer wüssten noch, wie das Vieh über die heutige Shoppingmeile getrieben wurde. Manch ein Rind verirrte sich dabei vor Aufregung auch schon mal durch eine offene Tür in ein Haus.

Ich komme ja aus Düsseldorf, dessen Altstadt bekanntermaßen wegen der hohen Kneipendichte als längste Theke der Welt bezeichnet wird. Wer hätte gedacht, dass die Husumer Neustadt mit sage und schreibe 33 Gasthöfen einst als kneipenreichste Meile Deutschlands galt? Alles wegen der Rindviecher, die die Stadt reich machten.

Heute sind hier hauptsächlich nette kleine Geschäfte und ein paar Lokale wie das beliebte Künstlercafé zu sehen. Ich werde noch meine Einkäufe erledigen und dann über den Hafen zurück zum Auto gehen und nach Eiderstedt fahren.

Keine Ahnung, warum ich anfangs nicht in Husum wohnen wollte. Es war eine lustige Zeit hier. Und Kühe gab es auch: auf den Fennen hinterm Haus. Sehr nette sogar.

Text und Fotos: Elke Weiler

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CategoriesNordfriesland
Elke

Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern.

  1. Sven says:

    oh wie schön… die Kindheit und Jugend in Tönning verbracht, da ging es immer zum Einkaufen zu C.J. Schmidt in die „Großstadt“ Husum. Immerhin 5mal soviele Einwohner, ein Karstadt, Kino(s)… – jetzt lebe ich im fränkischen Exil mit 40.000 Einwohnern, was mir viel weniger vorkommt. Und die Sehnsucht gen Norden steigt wieder. Mal sehen, wann es soweit ist…

    1. Elke says:

      Ja, stimmt. Wie eine Stadt mit nur 22.000 Einwohnern wirkt Husum nicht. Kennst du auch den Speicher? Das Programm kann durchaus mit größeren Städten mithalten. Im Husumer Kino waren wir leider immer noch nicht! Aber ich bin gespannt, ob ihr irgendwann umzieht. :-)

  2. Jutta says:

    Wieder so eine Stadt, die ich gar nicht kenne und wohl unbedingt einmal kennenlernen sollte! Immerhin: Mit Theo und seinem Schimmelreiter habe ich in der Schule Bekanntschaft geschlossen. Und habe die schaurige Novelle eigentlich damals schon gemocht! Sonnige Grüße,
    Jutta

    1. Elke says:

      Ja, das wär’s doch, komm‘ mal vorbei, Jutta! Die Theo-Stadt mag ihre Schimmelreiter-Fans. Und ich kenn‘ die besten Cafés! ;-)

      Grüße zurück mit viel Wind!

  3. Antje Rohwer says:

    Hallo Elke, da hast du ja wirklich nett über unser Husum geschrieben.
    Ich hab auch schon eine Stadtführung mit Birgit gemacht. Da kann man auch als Einheimische noch was lernen. Und Spaß hat es zudem auch noch gemacht.
    Liebe Grüße von deiner alten Nachbarin (mit Blick auf die Fennen aus zweiter Reihe)

    1. Elke says:

      Liebe Antje, danke! Ja, du hast Recht! Und außerdem waren wir Eis essen, am Hafen, das ist ein großer Pluspunkt für Husum. ;-) Sag mal, du meldest dich ja, wenn du mal Zeit hast für einen Besuch nach deiner Arbeit auf der wunderschönen Halbinsel Eiderstedt? Liebe Grüße zurück!

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  6. Manfred Gutberger says:

    Das hast Du sehr schön geschrieben Elke. Meine Frau und ich, waren 2015 in Husum Schobüll 14 Tage. Wir haben es genossen. Im August sind wir das 2 mal in Travemünde. Aber wir kommen auf jeden Fall noch mal nach Husum.
    Ich glaube, wir sind in keinem Urlaub so viel spazieren, wie in Husum…

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