Schnee am See

Wolken fliegen über das weiß gesprenkelte Land, farblos wirkt der März. Nur Stein und Schnee unter uns. Wintergraue Wälder. Dann die gelben Häuser und roten Dächer, bald werden wir in Stockholm landen. Unter uns Fahrzeuge, die wie Ameisen auf schnurgeraden Bahnen aussehen. Miniatur-Schweden.

Der Himmel über Arlanda weiß noch nicht, wie er ist.

Nichtssagend und wintermüde, vielleicht. Jonne sagt, sein Name sei finnisch, aber nicht, weil da auch finnische Anteile in seiner Familie wären. Eher, weil seine Eltern den Namen einfach gut fanden. Auch er wartet auf den Frühling. Doch die Eisschicht des Hjälmaren, dem viertgrößten See Schwedens, sei noch dick genug, stellenweise sogar an die 40 Zentimeter.

Seeblätter

In Katrinelund sollen wir morgen nämlich unsere „Walk on Water“-Tour starten. Eislaufen, oder sagen wir besser Eislanglaufen. Zwei gute Stunden fahren wir von Stockholm nach Katrinelund. Jonne ist Chauffeur, aber eigentlich Kellner in der dortigen Gästgiveri & Sjökrog. Im Sommer zieht er zudem sein eigenes Business auf und vermietet Boards zum Stehpaddeln auf dem See.

Gemeinsam mit den Gästen besucht er Inseln im See, die sonst nicht so leicht zu erreichen sind. Denn teilweise ist der Untergrund steinig, und der Hjälmaren an einigen Stellen nicht tief genug, um mit dem Boot auf manch ein Inselchen zu gelangen. Im Durchschnitt sei der See wohl mit sechs Metern Tiefe eher ein seichtes Gewässer.

Baden ist nicht.

An manchen Stellen geht es aber bis zu 20 Meter hinunter. Am besten kennen sich da wohl die im See lebenden Barsche und Zander aus. Jedenfalls sei im Sommer Schwimmen und Bootfahren angesagt, doch Stand Up Paddling eröffnet neue Perspektiven. Ich stimme zu, unbedingt, im letzten Sommer habe ich es schon ausprobiert, zu Hause, in Friedrichstadt.

Auf dem Hjälmaren hilft das Eis im Winter, um den See zu entdecken. Wir hätten Glück, meint Jonne, während er uns nach Katrinelund bringt. Der Hjälmaren sei nicht immer so gut zugefroren. Gute zwei Stunden später kommen wir an, und alles ist anders. Die Sonne scheint, und fast kann ich nicht glauben, dass die Frühlingsluft das Eis noch nicht zu stark angetaut hat.

Kathrynskys Kommunikationsprobleme

Teilweise spiegelt sich das Nachmittagslicht auf den glatten Flächen. Wie weit können wir uns, unerfahren in der See-Welt, für einen Spaziergang auf den See hinauswagen? Herbstlaub badet in Mini-Pfützen. Rote Holzhäuser am Rande des Sees. Und dann diese Ruhe, eine windlose Stille. Wenn jemand in 200 Metern Entfernung über Kies läuft, klingt das laut.

Plötzlich durchschneidet ein Schuss die Stimmung, ein zweiter peitscht über den See. Sind es die im Gasthaus residierenden Jagdschüler? Oder ist es gar der See, den es zerreißt? Krachendes Eis. Unter der Oberfläche herrscht Bewegung. Strömungen, Leben. Ein kurzes Aufmucken, Ächzen, das Winterkleid sitzt nicht mehr. Dann wieder Ruhe.

Wie im Winterschlaf, der kleine Ort.

Der mal ein großer, bedeutender war, zumindest für die Region. Vor etwa 200 Jahren noch galt Katrinelund als wichtigster Hafen auf dem Hjälmaren, der über einen Kanal mit dem Mälaren verbunden ist, quasi eine Direktverbindung nach Stockholm. Etwa 200 Kilometer, die man sicher auch übers Eis fahren könnte. Vielleicht nicht unbedingt mit Skates.

Wintersonne

Oder doch? Roger Hjälm, der also heißt wie der See, würde es vielleicht machen. Und er würde es sogar relativ schnell schaffen, denn er ist trainiert und in bester Kondition. Sport ist mehr als sein Hobby, sagen wir, ein Grundbedürfnis für ihn. Eigentlich ist Roger ja Koch, und so fing es in Katrinelund an. Sie richteten das Restaurant am See wieder her, er und sein Kompagnon, dann die Gästgiveri.

Das Haupthaus stammt noch aus den lebhaften Tagen von Katrinelund, ist also 200 Jahre alt. In den ehemaligen Stallungen befinden sich die Gästezimmer sowie eine Sauna. Nicht nur im Sommer leben jetzt wieder Menschen in Katrinelund, sondern übers ganze Jahr. Jung und alt. Kindergarten und Schulen sind nicht weit entfernt.

Am Anfang war der Sjökrogen.

Und doch wirkt das kleine, wachgeküsste Kartinelund an diesem Nachmittag menschenleer. Bis ein Auto ankommt, ein Gespräch zum See hinüberschallt. Manchmal schluckt der Schnee als Geräusche, die über dem Hjälmaren entstehen. Manchmal produziert er sie. Doch von der Physis des Sees im Winter werden wir schon bald mehr erfahren.

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an die Katrinelund Gästgiveri & Sjökrog und Primo PR, die zu dieser Reise eingeladen haben, und uns nicht nur den See, sondern auch die schwedische Küche näher gebracht haben. Möglichst mit „kurzgereisten“ Zutaten, einiges kommt sogar aus dem eigenen Garten und Gewächshaus, zumindest im Sommer.

Komposition mit Zander

Der Zander zum Beispiel stammt frisch aus dem See, der Teller aus der Kollektion der Töpferin Camilla Pahlstad aus dem nahen Örebro – Milla Keramik. In Katrinelund wollen sie auch lokale Hersteller unterstützen. Camilla liefert nicht ins Ausland, aber ihr könnt ihre Produkte vor Ort erstehen oder einen Kurs besuchen.

An unserem zweiten Tag in Katrinelund ist der See wie leergefegt, fast sind wir die einzigen. Am dritten werden wir beim Eislaufen auch Fischer treffen. Ein älteres Paar, das jeden Wintertag mit dem Motorschlitten auf den Hjälmaren zieht, egal wie kalt es ist.

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  1. Liebe Elke, danke für die schöne Erinnerung.
    Ich vermisse unsere Reisezeit jetzt schon und freue mich auf deine nächsten Beiträge.

  2. Oh, herrlich! Ich habe es kein einziges Mal gehört dieses Jahr: das mystische Eiskrachen, dass diese langen, fotogenen Risse im Eis hinterlassen kann…
    Viele liebe Grüße von Rike

  3. Pingback: Eislaufen auf dem Hjälmaren | Winter in Schweden

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