Dithmarschen Nord-Ostsee-Kanal

Schiffe im Nebel

Klein Westerland

Jedes Mal, wenn ich von einer Reise zurückkomme und den Nord-Ostsee-Kanal überquere, macht sich dieses Gefühl breit. Für mich beginnt der Norden genau hier, an dieser Wasserstraße zwischen den Meeren. Doch nur selten zieht es mich einfach so an diese bedeutsame Wasserlinie. Einmal habe ich in Breiholz am Kanal übernachtet, auch bin ich schon stückweise den Kanal entlang geradelt.

Während einer Radtour hatte ich die Badestelle entdeckt, eine kleine Bucht mit dem raffinierten Namen Klein Westerland. Sie liegt direkt neben dem gleichnamigen Campingplatz, der nicht nur unter Spottern beliebt ist. Im Sommer sitzen sie am Kanal und grüßen, wenn man vorbeiradelt. Und sie wissen genau, wann welches Schiff vorbeikommt. Klappstuhl und Fernglas, ein Minimum an Ausrüstung.

Hochdonner Brücke
Frühnebel

Kaum war ich unter der 42 Meter hohen Hochdonner Eisenbahnbrücke durchgefahren, die den Kanal seit 1920 überspannt, hielt ich an. Eine Überraschung, die kleine Bucht hinterm Campingplatz. Schwimmen mit Aussicht, ab und zu ein paar Wellen. Drei Leute stiegen ins Wasser, und es sah nach Vergnügen aus. Da beschloss ich zurückzukehren.

Und nun dieser kühle Herbstmorgen in Hochdonn. Dieses Mal bin ich nicht mit dem Rad, sondern mit Emilia hier, the one and only Meerblog-Car. Während mich das Navi weg von der Straße auf einen schmalen Feldweg lotst – derartige „Geheimtipps“ sind leider seine Spezialität – reduziere ich das Tempo auf Schrittgeschwindigkeit. Ein Glück! Denn direkt vor Emilia huscht ein Reh über den Weg und verschwindet im Dickicht.

Als ich Klein Westerland erreiche, scheint die Camping-Welt noch zu schlafen. Dabei verpasst sie das Beste: Der Kanal ist in weißen Nebel gehüllt, durch den sich nach und nach das Sonnenlicht bricht. Schwaden ziehen übers Wasser, das andere Ufer ist nur schemenhaft zu erkennen.

NOK
Wenn alles zerfließt.

Dann vernimmt man ein Tuckern, das lauter werdende Geräusch eines Schiffsmotors, bis sich ein Gigant den Weg durch die Schwaden bahnt. Wie von Geisterhand gesteuert vorbeizieht, um dann sich erneut vom Nebel verschlucken zu lassen. Das Morgenlicht tupft noch flüssiges Gold dazu.

Was für ein Ort, was für eine Stille. Als wäre der Kanal kein banaler, vielbefahrener Verkehrsweg, sondern ein weißer Tunnel in eine andere Welt. Feine Wölkchen dampfen zwischen den Ufern, als wäre die Luft greifbar, als hätte sie eine plastische Struktur. Vor mir die kleine Bucht. Nicht ein Schwimmer steigt an diesem Herbstmorgen ins Wasser, erst recht nicht ich. Nur ein paar Enten und Gänse tummeln auf der Oberfläche.

Alles wirkt ordentlicher als beim letzten Besuch, fast zu geregelt. Das Ufer der Bucht wurde befestigt, ein bisschen Schilf wächst vor dem feinsandigen Strand. Wenigstens bewegt sich das Wasser noch genauso sachte, wenn ein Schiff vorüberfährt. Zwei Treppen führen über die Böschung ins Wasser, ein Segelboot liegt ein Stück weiter vor Anker. Die Bucht ist auf der anderen Seite von dichtem Buschwerk und Bäumen gerahmt.

Klein Westerland
Keiner geht baden.

Schlecht soll die Wasserqualität nicht sein, da sich das Wasser in der Bucht mit dem durch die Schiffe entstehenden Sog ständig erneuert. Ich laufe zur Spitze der Einbuchtung, warte auf dicke Pötte. Da schallen Rufe übers Wasser: Die Leute vom Segelboot grüßen. Man unterhält sich, es ist die für Klein Westerland typische Stimmung. Wer länger bleibt, kennt am Ende jeden Mensch, jeden Busch, jede Ente, jeden Baum, jedes Reh persönlich.

Aber was wollen die Segler? Ein Foto von sich im Boot, den Gefallen tue ich ihnen gerne. Die Segler kommunzieren mir ihre Email-Adresse, jeder Buchstabe fliegt einzeln übers Wasser. Dolby Surround in Klein Westerland. Wir verabschieden uns mit guten Wünschen und Winkewinke.

Der Nebel hat sich gelichtet, einzelne Schwaden tanzen wie biegsame Säulen über dem Kanal. Und ich beschließe wiederzukommen – vielleicht während einer kompletten Kiel- Canal-Tour mit dem Rad. Vielleicht im Sommer. Und vielleicht gehe ich in Klein Westerland schwimmen.

Badestelle Klein Westerland
Rufe in der Stille

Text und Fotos: Elke Weiler

Und noch ein paar Infos zum Nord-Ostsee-Kanal:

Er gilt als die meist befahrene künstliche Seeschifffahrtsstraße der Welt. Acht Stunden braucht ein Schiff bei einer Geschwindigkeit von maximal 15 Kilometern pro Stunde, um das andere Meer zu erreichen. Der Kanal zwischen Brunsbüttel und Kiel existiert schon seit 1895 und wurde seitdem mehrfach erweitert.

Die maximale Größe, um die international als Kiel Canal bekannte Wasserstraße befahren zu können, ergibt sich aus dem Verhältnis zwischen Länge, Breite und Tiefgang. Begegnen sich zwei dicke Pötte, geben die von Dalben gekennzeichneten Weichen ihnen Ausweichmöglichkeiten.

Rechts und links wird der Kiel-Canal von Betriebswegen flankiert, die beliebt unter Radwanderern sind. Manche fahren die komplette 320 Kilometer lange Radwanderroute ab, andere (wie ich) nur Teilstücke. Der Kanal misst selber gut 98 Kilometer und 11 Meter Tiefe, er führt Brackwasser mit unterschiedlich hohem Salzgehalt.

Autor

Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern.

6 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Avatar Kaki sagt:

    Liebe Elke,
    ein traumhafter Bericht.
    Ich bin unzählige Male mit dem Fahrrad und zu Fuß am Kanal gewesen, bin ihn mittlerweile komplett entlang gewandert. Und werde ihn im nächsten Jahr wieder besuchen.
    Letzte Woche wollte ich unserer Kleinen die Kettenfähre zeigen. Leider so typisch deutsch: Man hat jetzt ein Tor davor gemacht mit einem Vorhängeschloss. Sonst konnte man immer so hinauf. Da könnte man von den Skandinaviern ziemlich viel lernen.
    Liebe Grüße
    Kai

    1. Avatar Elke Weiler sagt:

      Lieber Kai,
      danke dir! Die Kettenfähre kenne ich auch noch nicht. Das ist ja schade, dass man da nicht mehr richtig herankommt.
      Ja, wir wohnen in Deutschland, das merkt man am Verkehr, am Internet und einigen anderen Rückschrittlichkeiten. ;-) Aber ansonsten ist Schleswig-Holstein zum Glück schon fast Skandinavien.
      Liebe Grüße und ein schönes Wochenende für euch!
      Elke

  2. Avatar Davut Cetin sagt:

    Hallo Elke,
    das ist ein sehr schöner Bericht und es sind sehr schöne Bilder dabei. Dein Blog macht die Gewässer interessanter. Mach weiter so!

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