Rendsburg-Eckernförde Slow Life Strände

Wo das Eichhörnchen jammt

Wer immer schon mal wissen wollte, wie ein eiszeitlicher Endmoränensee aussehen kann, der möge den Wittensee zwischen Rendsburg und Eckernförde aufsuchen. Ein Rechteck von einem See, fast wie mit dem Lineal gezogen. Für das Design zeichnet, wie so häufig, die umtriebige Weichselzeit verantwortlich.

Und Eichhörnchen leben auch am Wittensee. Aber das hat nichts mit der Eiszeit zu tun. Ähnlichkeiten mit Zeichentrickfiguren aus irgendwelchen Filmen sind rein zufällig.

Eine riesige Libelle umkreist mich zur Begrüßung. Über mir ein sonniger Herbsthimmel, als ich beschwingten Schrittes über die Wiese schreite. Vor mir glitzert der Wittensee, hinter mir döst Groß Wittensee. Nur aus der Dorfschule tönen helle Kinderstimmen, in Gesang vertieft. Der Ort am See, der See am Ort. So nennt sich die Badestelle von Groß Wittensee auch ganz charmant „Seegarten“.

Seegarten, Groß Wittensee
Glitzerwelt

Irgendwo hämmert jetzt ein Handwerker in die Stille hinein, sonst nur Vogelrufe vom See. Ich gehe an einer Esche und einer Grillhütte vorbei, visiere die beiden Holzbänke an, die den winzigen Sandstrand säumen. Hier badet Groß Wittensee also im Sommer. Ein Trupp von Blesshühnern hat den Schwimmerbereich hinter den gelben Bojen für sich allein. Es wird eifrig abgetaucht, als ginge es um das große Tauchabzeichen für Seevögel.

Im seichten Wasser

Seltsam vertraut all das, doch bin ich zum ersten Mal in meinem Leben am Wittensee. Vielleicht ist jene gepflegte Überschaubarkeit an dieser Sinnestäuschung schuld. Hinter dem Strändchen öffnet sich der etwa 1000 Hektar große See, dem man die Form eines gleichmäßigen, wie mit dem Lineal gezogenen Rechtecks nicht ansieht. Bizarr, die Form? Wieder einmal trägt die Weichselzeit schuld, die letzte Designerin aus dem Clan der Eiszeiten.

Groß Wittensee
On the beach

Der Wittensee ist nämlich das, was man einen eiszeitlichen Endmoränensee nennt. Gletscher formten auch die umgebenden Hüttener Berge, seit 1970 als Naturpark gehandelt. Gleich ums Eck, ab der Habyer Straße, kann man zu Spaziergängen, Wanderungen oder Radtouren durch die Hüttener Berge starten. Mit dem Überraschunsgseffekt, den Norden mal wie eine Mittelgebirgslandschaft zu erleben. Aber nicht nur das. Der Nord-Ostsee-Kanal liegt nur gut zwei Kilometer vom anderen Ufer entfernt, und zur Ostsee nach Eckernförde sind es elf Kilometer.

Die Percussionistin

Erregte Rufe aus dem Schilf, da ist einiges los. Auf der Bank vorne am Strand sitze ich nicht lang, lieber ziehe ich die Schuhe aus und wate neugierig durchs flache Wasser. Sofort verklingen die Geräusche, erstarrt jegliche Bewegung im Dickicht. Nun sind nur noch die auf der Schwimminsel versammelten Möwen und das Rauschen des Windes im Schilf zu hören. Ein dichter Kranz von Bäumen umarmt den See dschungelgleich. Grün, das aus dem Wasser wächst. Hier und dort führen private Stege ins Wasser, die einzigen Hinweise auf menschliches Leben am See.

Seltsame Geräusche lassen mich aufhorchen, sie ziehen mich zu der zentralen Esche hin. Eine ungewöhnliche Mischung aus Keckern und Klopfen. Was für ein Vogel palavert da im Geäst herum? Den Kopf im Nacken, suche ich die Baumkrone ab. Da! Ein buschiger Schwanz, der zu einem kastanienbraunen Körper gehört. Ein wacher Blick aus dunklen Knopfaugen.

Das Eichhörnchen trägt eine Haselnuss im Maul und sieht mich durch das flimmernde Grün aufmerksam an. Dabei klopft es ab und zu gegen den Ast und nutzt ihn als Percussion-Instrument. Ein stringenter Rhythmus. Schwanz und Krallen scheinen beim Erzeugen der Klopfgeräusche behilflich zu sein. Soll ich nun dazu singen, tanzen, oder warum hat mich das Tier hierher gelockt?

Ich beobachte es eine Weile, vielleicht ist es auch umgekehrt. Auch wenn das Eichhörnchen nervös wirkt, die Haselnuss wird nie beiseite gelegt. Langsam löse ich mich von „Little brother is watching you“, werfe noch einen Blick zurück zum See und schlendere dann zur Dorfstraße. Es ist Mittagszeit, ein paar Leute steuern den nahen Imbiss an. Eine Katze, groß wie ein kleiner Hund, streicht um meine Beine, während ich mich mit einem Einheimischen unterhalte. Sie sei im ganzen Dorf bekannt, meint er. Auch scheint die Katze zum tierischen Begrüßungskomitee zu zählen. Den Job teilt sie sich mit der Libelle und dem Eichhörnchen. So läuft das nämich in Groß Wittensee.

Groß Wittensee
Und endlich ein richtiges See-Foto.

Text und Fotos: Elke Weiler

Noch mehr Seegeschichten aus Schleswig-Holstein? Hier geht es zum Selenter See. Und bald auch an die Ostsee nach Eckernförde. Aber vorher ist gut zu wissen: Was schreiben die Kollegen? Bei Förde Fräulein findet ihr eine Radtour von Groß Wittensee nach Holtsee mit kulinarischem Stopp, und nordisch grün haben das Areal am Aschberg in den Hüttener Bergen unter die Lupe genommen.

Autor

Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern.

6 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Avatar Kai sagt:

    Ein toller See und eine schöne Geschichte. Und überhaupt zählen für uns die Hüttener Berge zum schönsten, was das Binnenland im Norden zu bieten hat. Übrigens, einen tollen Ausblick auf den Wittensee hat man vom Globetrotter Turm.
    Kann das Leben nicht 100 Jahre länger sein? Wie nur soll man all die Schönheiten entdecken? Gibt einfach zu vielen davon.
    Lieber Gruß
    Kai

    1. Avatar Elke Weiler sagt:

      Danke dir! In die Hüttener Berge möchte ich beim nächsten Mal unbedingt zum Wandern. Aber erst steht die komplette Kanaltour mit dem Rad an. ;-) Und dann muss man ja auch noch nach Skandinavien. :-) Liebe Grüße, Elke

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