Dithmarschen Nordsee

Das Schmatzen des Watts

Friedrichskoog-Spitze

Eigentlich wollte ich in einer wolkenlosen Sommernacht hinaus auf den Trischendamm, einfach Sterne gucken, weitab von den Lichtern der Zivilsation. Und dann ist plötzlich Herbst, er kommt früh und meint es ernst. Morgens lande ich in einem langsam erwachenden Friedrichskoog-Spitze. Herbsttage sind so, eine gewisse Gelassenheit wohnt ihnen inne. Sie sind stiller als Sommertage und erwachen später zum Leben.

So schläft auch Friedrichskoog noch halb, als ich ankomme. Im Kiosk hinterm Deich steht die Tür offen, und ich bin die erste Kundin, eine hungrige dazu. Es liegt schon ein gutes Stück Wegstrecke hinter mir und ein schönes Erlebnis früh morgens im Nebel am Nord-Ostsee-Kanal. Die Frau klimpert in der Küche herum. Es wird ein bisschen dauern, bedeutet sie mir.

Der Herbst wirft lange Schatten.

Als ich nach dem Frühstück zur Deichkrone hinaufsteige, ist das Meer verschwunden. Mattgrau, das Watt. Noch liegt ein leichter Dunstschleier über dem Horizont, es soll ein schöner Herbsttag werden. Eine junge Familie ist hinausgezogen, das Watt zu erkunden, in Friedrichskoog-Spitze eine Kombination aus Sand-, Misch- und Schlickwatt. Weiter hinten hat sich eine größere Gruppe versammelt, um über den Wattwurm und surfende Wattschnecken zu sinnieren.

Bei der sogannnten Tidenkurbel versucht jemand lachend, das Meer zur Rückkehr zu bewegen. Norddeutscher Humor, diese Kurbel. Ich lasse das Watt rechts liegen und steuere den Trischendamm an, um dem Meer hinterherzulaufen. Eigentlich funktioniert der Damm als Bollwerk im Küstenschutz an dieser südlichen Spitze der Meldorfer Bucht. Durch den Bau des Dammes konnte ein Priel eingedämmt werden, der Friedrichskoog hätte gefährlich werden können.

Dem Meer hinterher

Ein schmaler Asphaltpfad über den Damm erlaubt es Spaziergängern, mehr als zwei Kilometer weit hinaus zu gehen. An Tagen wie diesen kann und muss man das Watt genießen. Zunächst sind da die ausgedehnten Salzwiesen zur Linken, durch Schlickablagerungen etwa einen Meter höher als das sich ausdehnende Schlammgrau zur Rechten. Vereinzelt weisen Pflanzen wie Queller auf eine ähnliche Entwicklung rechts hin.

Watt bei Friedrichskoog
Symmetrie

Was schließlich bleibt, sind in der Sonne glänzende Flächen bis zum Horizont. Die Stille. Die Weite. Die salzige Luft. Das Schmatzen des Watts. Ein Knutt und ein paar Möwen, die im Watt fischen. Sie piksen suchend mit ihren Schnäbeln im nachgiebigen Untergrund. Eine Möwe hält bereits einen zappelnden kleinen Krebs in die Höhe, lässt ihn aber wieder fallen.

Je länger ich in diese amphibische Welt hineinlaufe, mich entferne vom Leben der Küste, desto mehr wächst ein Gefühl von Freiheit in mir. Prallvoll, die Seele. Mehr braucht man nach dem Frühstück nicht – nur Watt oder Wasserkante, je nach Tide.

Doch wie alles Schöne im Leben endet der Trischendamm irgendwann, irgendwo im Nirgendwo. Das Meer noch weit entfernt. Am Ende des Damms beginnt die Schutzzone 1 des Wattenmeers, Wanderungen im Schlick sind nun nicht mehr erlaubt. Eine Frau vor mir klettert noch ein Stück weiter über die Böschung, gibt dann aber auf. Ich bleibe stehen und schaue in die Ferne. Ich weiß nicht, wie lang.

Brauchen wir das Öl?

Immer stärker ist die Ölplattform Mittelplate A ins Blickfeld gerückt. Seit über 30 Jahren wird dort munter gebohrt und gefördert, das größte Ölfeld des Landes liegt mitten im Weltnaturerbe. Weitere Probebohrungen wären allerdings vom Tisch, hieß es vor ein paar Jahren. Doch nun gelüstet es dem Ölkonzern doch nach weiteren Erschließungen in 2000 Metern Tiefe. Ende offen.

Friedrichskoog
Himmel im Boden

Ich löse den Blick von der Betoninsel im Wattenmeer, ringsherum ist noch mehr identifizierbar: der Fernsehturm von Cuxhaven, Containerschiffe in der Elbmündung, das Büsumer Hochhaus und die helle Sandbank von Sankt Peter-Ording mit ihren Pfahlbauten. In der Mitte der Nordsee ragt etwas Rötliches in die Höhe, ob das wohl Helgoland ist? Wie eine Fata Morgana wirkt die Insel am Horizont.

Viel näher liegt die Vogelinsel Trischen, doch ich kann sie nicht ausmachen. An sieben Monaten im Jahr wird sie von einer jungen Vogelwartin oder einem Vogelwart bewohnt. Sieben Monate Einsamkeit. Sieben Monate, in denen sich alles um die Natur dreht, um die Vogelwelt. Wie der aktuelle Vogelwart das jeweils erlebt kann man im Trischen-Blog des NABU verfolgen.

Ewig möchte ich an der Spitze des Damms stehenbleiben und dem Watt meine Zuneigung gestehen. Und beim nächsten Mal genau hier den Nachthimmel erkunden, die Lichter der Stadt in weiter Ferne.

Text und Fotos: Elke Weiler

In der Seehundstation

P.S.: Da ich es nun endlich einmal bis Friedrichskoog-Spitze geschafft hatte, habe ich gleich im Anschluss bei der Aufnahmestation für Seehunde im nahen Friedrichskoog vorbeigeschaut, der einzigen in Schleswig-Holstein. Wer sich dort nicht in Seehunde und Robben verguckt, wird es nie tun. Regelrechte Witzbolde sind sie, schlau dazu.

Die aufgenommenen Heuler, die später wieder ausgewildert werden sollen, sind allerdings nur über Bildschirme zu beobachten, denn sie sollen sich nicht an Menschen gewöhnen. Die mutterlosen Tiere wurden vom zuständigen Seehundjäger des Fundortes in die Station gebracht.

Autor

Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern.

6 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Avatar Franziska sagt:

    Guten Morgen, Elke!

    Da kommen wieder viele Erinnerungen an, zupfen am Ärmel und wollen für den Moment gehegt werden. Das mache ich gerade mit Freuden.

    Hab ein schönes Wochenende!

    Liebe Grüße,
    Franziska

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