Die Rentierpolizei ermittelt

Die neue Meerblog-Reihe „Frisch gelesen“ möchte ich mit dem Debütroman des Franzosen Olivier Truc beginnen. Ich entdeckte den Lappland-Krimi „40 Tage Nacht“ (im Original: „Le dernier Lapon“ mit grandiosem Schwarz-Weiß-Cover) zufällig in einer jener kleinen Buchhandlungen, die ich so mag. Der Autor lebt in Stockholm und arbeitet als Journalist und Korrespondent der nordischen und baltischen Länder für „Le Monde“. Ihr könnt ihm auf Twitter folgen.

Die Rentnerpolizei ermittelt im norwegischen Kautakeino und im angrenzenden Schweden – hoch oben in Lappland. Sieht man vom dem „Vorspiel“ ab, beginnt der Roman in der letzten Polarnacht. Also just einen Tag, bevor sich die Sonne nach 40 Tagen Abwesenheit zum ersten Mal wieder zeigt. Eigentlich ein feierlicher Moment, doch eine bedeutungsvolle samische Trommel verschwindet, und kurz darauf wird ein Rentierzüchter ermordet. Die Arbeit des ungleichen Ermittlerduos, bestehend aus einem erfahrenen, übervorsichtigen Sámi und einer jungen, forschen Norwegerin, wird behindert durch ebenso korrupte wie rassistische Zeitgenossen. Und durch das Schweigen vieler.

Das Leben der Sámi

Truc schreibt versiert und fundiert. Er lässt enorm viel Hintergrundwissen in die Handlung einfließen, egal ob es um die Rentierwirtschaft, die Kultur der Sámi oder Geologie und die Ausbeutung der Erze in Lappland geht. Seine Charaktere sind lebhaft skizziert und nie eindimensional. Faszinierend beispielsweise die Figur des einzigen traditionell lebenden Rentierzüchters Aslak, die es dem Autor ermöglicht, im Kontrast zu den Anderen das moderne System in Frage zu stellen.

Auch wenn die Rentierhaltung immer noch das Leben der Sámi bestimmt, musste sie doch durch die Teilung Lapplands neu aufgestellt werden. Grenzen versperren die Wege von den Winter- zur Sommerweiden. Mehr Technik und höhere Ausgaben machen größere Herden notwendig, um rentabel zu arbeiten. Doch größere Herden stehen im Winter in Futterkonkurrenz. Auch der Klimaaspekt spielt hier hinein: Temperaturschwankungen führen zu Vereisungen, was die Rentiere bei der Futtersuche behindert. Abseits der heilen touristischen Welt bleibt das Leben der Züchter so hart wie der arktische Winter.

Das Finale

Truc deckt bis zum furiosen Ende alle Spuren auf, die er sorgsam gelegt hat. Sagen wir, fast alle. Überfüttert wird der Leser nie, trotz des Reichtums an Details. Vielmehr möchte man das Buch in einem Rutsch durchlesen. Auf den ersten Blick hält der Autor einen gewissen Abstand zum Geschehen und scheint Betrachter seiner Akteure zu sein. Als Journalist muss er sachlich bleiben, im Roman kann er weitergehen, muss es aber nicht tun. Es geht ihm mehr um die Schilderung der Lebensverhältnisse. Und um lappländische Geschichte, geschickt als Roman verpackt.

Wie geht es weiter im Lappland-Krimi? Die beiden nächsten Fälle der Rentierpolizei sind leider noch nicht aus dem Französischen übersetzt. Ich muss also selber nach Lappland reisen.

Fazit: Eines der Bücher, die man vermisst wie einen guten Freund, wenn man sie gerade ausgelesen hat.

Text und Foto: Elke Weiler

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